Denken wir vor dem wohlverdienten Feiern noch kurz an all jene Arbeiter und Arbeiterinnen, die unseren billigen Wohlstand möglich machen

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Man soll sich das Weihnachtsfest natürlich nicht verderben lassen. Man darf es genießen – Ferien, schulfrei, ein paar Tage Ruhe, gutes Essen, satt sein, zufrieden sein. Später aufstehen als üblich, ohne Wecker; später schlafengehen, ohne schlechtes Gewissen. Schließlich hat man hart gearbeitet das ganze Jahr. Sich abgehetzt, Kollisionen vermieden, Konflikte entschärft, Projekte abgeschlossen, und sogar die Steuererklärung noch vor den Feiertagen hingekriegt. Unterm Baum soll dann kurz Ruhe sein. Problemfreie Zone. Doch so verständlich der Wunsch nach einem solchen Leo ist – es funktioniert nicht, leider. Denn sogar Weihnachten gibts nicht ohne Ausbeutung. Hier eine kleine Auswahl, genährt aus der Zeitungslektüre der letzten Wochen, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit.
Zuerst: Die Geschenke. Gewand, Sportartikel, Unterhaltungselektronik. Unter welchen Umständen all das Zeug, das wir kaufen und verschenken, hergestellt wird – das wissen wir spätestens seit dem Einsturz des Rana-Plaza-Hochhauses in Bangladesh vor eineinhalb Jahren. Was sich geändert hat seither? Haben die Texilketten die Löhne der Arbeiterinnen erhöht, in die Sicherheit der Fabriken investiert, kontrollieren sie die Arbeitsbedinungen in ihren Zulieferfirmen? Eher nicht. Eher ist „made in Bangladesh“ ein Imageschaden, den man vermeiden kann. Indem man die Produktion in ein anderes Land verlagert, nach Burma/Myanmar zum Beispiel. Burma ist der neue Hotspot der Textilindustrie, die US-Marke „Gap“ lässt dort bereits produzieren, viele anderen Firmen sind am Sprung dorthin. Denn es gibt dort keine Streiks (wie in Kambodscha). Keine erstarkenden Gewerkschaften (wie in China). Deutlich mehr Platz als in Bangladesh – was es ermöglicht, Fabriken nicht mehrgeschoßig, sondern ebenerdig zu bauen. Und die Löhne sind in Burma niedriger als überall sonst.
Zweitens müssen die Geschenke unter den Baum kommen. Bei Amazon Deutschland wurde jüngst wieder um höhere Löhne gestreikt – das kratzte den Konzern jedoch kaum, da er auf seine Logistikzentren in Polen ausweichen kann. Ein Teil der Amazon-Leute ist wenigstens noch angestellt. Was man von den Zustellern, jenen gehetzten Männern, die mit den Paketen an Ihre Tür klingen, nicht oft sagen kann: Der Druck der pünktlichen Lieferung, der Stress auf der Straße, das Stiegensteigen und Schleppen wird von einer Hierarchiebene an die nächste durchgereicht, von oben nach unten, von einem Subunternehmer zum noch schwächeren. Bis der kumlierte Druck an Scheinselbstständigen hängen bleibt, die mit ihrem eigenen Schrottauto von Tür zu Tür hetzen – zu Stundenlöhnen von 3 bis 7 Euro, auf eigenes Risiko.
Drittens kochen wir dann eine festliche Mahlzeit. Zu Weihnachten essen sogar manche Vegetarier ausnahmsweise Fleisch, zur Feier des Tages. Ein Zeit-Dossier beschrieb vor drei Wochen die Bedingungen, unter denen die Tiere, die wir essen, geschlachtet werden. Europaweit agierende Arbeitsvermittler sind da am Werk, die rumänische und bulgarische Arbeitssöldner in großer Zahl nach Deutschland karren. In 12- bis 14-Stunden-Schichten wird geschlachtet, ohne Pausen, ohne Schutzkleidung. Geschlafen wird auf Matratzen in schmuddeligen Massenquartieren – für die jeder Arbeiter mehrere hundert Euro im Monat zahlen muss. Andere hausen sogar in Zelten oder Verschlägen unter freiem Himmel. Wer aufmuckt, wird gefeuert. Sie essen zum Fest am liebsten Truthahn? Am grauslichsten, sagen Zeugen, gehe es in den Putenfabriken zu. Auch unter den Schlachtern stehen die Putenschlachter auf der alleruntersten Stufe.
Als Nachtisch gönnen wir uns schließlich noch ein Stück Schokolade. Ein Ferrero Küsschen vielleicht. Womit diese Geschichte jedoch leider kein gutes Ende nimmt. Die Haselnuss im Küsschen stammt nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit aus der Türkei. Geerntet wurde sie von Kindern.

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