Die jungen Frauen von der „Muslimischen Jugend“ fordern ihre Autoritäten heraus. Auch Nichtmuslime sollten zuhören. Sie können dabei etwas lernen.

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In der öffentlichen politischen Auseinandersetzung gibt es zwei Arten Menschen. Erstens jene, die ihre Rolle berechenbar ausfüllen. Wo auch immer man sie hinsetzt – sie handeln, reden und wirken genau so wie erwartet. Sie funktionieren verlässlich in der Erzeugung von Zustimmung oder Ablehnung. Zweitens gibt es jene, die die ihnen zugedachten Schubladen verweigern. Bei denen weiß man nie genau, was passiert, wenn sie argumentieren. Sie überraschen.
Erstere sind wichtig für den reibungslosen Debattenbetrieb. Zweitere sorgen dafür, dass wir wach bleiben. Dass wir nicht einschlafen auf den weichen Kissen unserer vorgefassten Meinungen.
Zur zweiteren Gruppe gehören jene jungen Frauen, die Anfang dieser Woche eine Pressekonferenz gaben und den Rücktritt von Fuat Sanac, dem Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft (iGGiÖ), forderten. Sprecherinnen der „Muslimischen Jugend“ sind sie. Forsche junge Bürgerinnen, mit wachem Blick und einem trotzigen Zug um den Mund, mit seltbewusster Körperhaltung und klaren, lauten Worten. „Versagen“ warf Dudu Kücükgöl dem IGGiO-Chef vor, „zahnlos und zahm“ sei er nach außen, nach innen jedoch umso „autoritärer und einschüchternder“.
Man kann sich ungefähr vorstellen, wie seltsam berührt die Würdenträger der IGGiÖ in diesem Moment gewesen sein müssen. Männer der ersten Einwanderergeneration, mit schwerfälligem Akzent, grauem Schnauzbart und grauen Anzügen, mit klobigem Ring am Finger und Gebetskettchen in der Tasche. Männer, die es wahrscheinlich stets gewöhnt waren, dass man zu ihnen aufschaut, und dass gläublige Musliminnen still sind, wenn sie selbst die Stimme erheben. Doch jetzt sitzen da 25jährige, 30jährige, die offen die Machtfrage stellen? Dürfen die das? Wo haben die das gelernt? Und warum trauen sie sich das?
Ähnlich seltsam berührt müssen gleichzeitig all jene gewesen sein, bei denen der bloße Anblick eines Kopftuchs normalerweise eine berechenbare Assoziationskette in Gang setzt: „gläubige Muslima“ – „unterdrückte Frau“. In der Öffentlichkeit ist Musliminnen traditionell die Rolle des Opfers zugedacht – bemitleidet im besseren, verachtet im schlimmeren Fall. Das Kopftuch identifiziert man dabei zweifelsfrei als Unterwerfungssignal, und schon aus weiter Ferne meint man erkennen zu können, dass die Person darunter schwach, ungebildet und sprachlos sein muss. Und jetzt sitzen da 25jährige, 30jährige, seltbewusst, eloquent wie Medienprofis? Die sich gar ausdrücklich als Feministinnen bezeichnen? Dürfen die das? Wo haben die das gelernt? Und warum trauen die sich das?
Dudu Kücükgöl ist nicht nur Sprecherin der MJÖ, sondern auch Absolventin der Wirtschaftsuni, Dissertantin zum Thema Gender Mainstreaming, berufstätig und Mutter zweier kleiner Kinder. Die Vorbilder, die sie ihnen nahebringe, seien „Marie Curie und die Bürgerrechtlerin Rosa Parks, nicht Prinzessin Lillifee“, sagte sie dem „Falter“. Wie sich dieses Gesellschaftsbild in ihrer eigenen Partnerschaft niederschlägt, verriet sie dem Jugendmagazin „biber“: „Mein Mann bügelt mein Kopftuch“.
Wie der Machtkampf innerhalb der islamischen Glaubensgemeinschaft ausgeht – das ist Sache der österreichischen Musliminnen und Muslime. Das Für und Wider des neuen Islamgesetzes soll hier nicht erörtert werden, und ob Kükücgöl dabei inhaltlich auf der richtigen Seite steht, ebenso wenig.
Bloß eines ist evident: Wie wichtig es für das Land ist, dass wir Menschen wie sie haben. Weil sie Klischees zertrümmern. Weil sie unterschiedlichste Gruppen dazu zwingen, zweimal hinzuschauen, genauer zuzuhören, manche liebgewordenen Argumentslinien zu überdenken und eventuell nachzuschärfen. Weil sie uns wach halten. Und weil sie jungen Mädchen zeigen, dass es viele Arten gibt, Österreicherin zu sein; viele Arten, Muslimin zu sein; und viele Arten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

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