Die Besetzung der Hainburger Au ist heute 30 Jahre her. Wer damals als Teenager dabei war, hat Erfahrungen gemacht, die sich nicht mehr löschen lassen.

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Wenn man 18 Jahre alt ist, ist fast alles aufregend, und schnell macht man mit. Man kann von Glück reden, wenn einen das nicht nachhaltig beschädigt, und wenn man dreißig Jahre später inhaltlich noch dazu stehen kann. Wenn es sich, zum Beispiel, nicht um Alkoholexzesse handelte. Oder um Paintball-Spiele mit Neonazis im Wald.
Achtzehn war ich, als ich in der Au von Stopfenreuth meinen Schlafsack ausrollte. Der Schlafsack war ein Eduscho-Sonderangebot, dünn, mit hellblauen Blümchen, nichts für Outdoor-Profis. Das Zelt war nicht viel mehr als eine Plastikplane, von der einem im Morgengrauen das Kondenswassser auf die Nase tropfte. Proviant hatte ich ebenso wenig dabei wie ein Taschenmesser oder einen Plan. Immerhin, Feuer machen hatte ich bei den Pfadfindern gelernt. Irgendwann brachten die Bauern der Umgebung Strohballen, die gegen die Bodenkälte isolierten. Man baute eine Schwitzhütte, beheizt mit heißen Steinen. Morgens gab es Kakao im Blechhäferl – wer hatte eigentlich die Milch gebracht? –, oft schwammen noch die Nudeln der Packerlsuppe vom Vortag drin. Doch das war egal. Besser: Es war genau richtig so. Denn der Schlafsack, die nassen Füße, unser Frieren und die Nudeln im Kakao waren mit Bedeutung aufgeladen. Es ging um eine Sache, die größer war als wir.
Nun darf man „großen Sachen“, für die sich 18jährige begeistern, mit Skepsis begegnen – stellen die sich im Nachhinein doch häufig als schreckliche Verirrungen heraus. In diesem Fall jedoch nicht. In der Hainburger Au, die sich in tausende persönliche Biographien eingeschrieben hat, sind Dinge passiert, die bis heute Relevanz haben.
Erstens weiß man seither, dass Zorn ein produktives Gefühl sein kann. Bloß darf er nicht, wie so oft, in destruktive Raunzerei oder Aggression gegen Unbeteteiligte umschlagen, sondern muss sich gegen den korrekten Adressaten richten. Dass sich Hainburg an einem konkreten Ort festmachen ließ, mit einem konkreten Gegner und einem konkreten Ziel, war ein Glücksfall.
Zweitens: Um etwas zu bewegen, braucht es zwei Kräfte – eine kleine Gruppe mit einer Strategie; plus eine unberechenbare, emotionalisierte Masse. Normalerweise steht stets eine Kraft ohne die andere da – und nichts passiert. Nur in den seltenen Momenten, wo beide aufeinandertreffen, entsteht Dynamik. Je überraschender die Bündnisse dabei sind, desto eher gerät die Macht außer Tritt. Mit Studierenden allein wird jede Regierung fertig. Aber mit einer Allianz aus Hippies, Bäuerinnen mit Traktoren, Radikalrevoluzzern, Katholiken und der Kronen-Zeitung?
Viertens: Nicht alles ist planbar. Manche Ziele formen sich erst, wenn man mit dem Handeln bereits begonnen hat. Der Respekt vor der Natur etwa, für die städtischen Teenager anfangs ein vager Begriff, wuchs erst, als man sich der Natur wochenlang hautnah aussetzte. Die Idee, was es bedeutete, Staatsbürgerin zu sein, wurde erst in der Konfrontation mit der Staatgewalt konkret.
Fünftens: Auf welcher Seite man in dieser Konfrontation landet, ist stark vom Zufall bestimmt. Als die Polizei aus ihren Mannschaftsbussen stieg, erschien sie zunächst wie Wesen von einem anderen Planeten. Im Zusammenstoß kam man einander jedoch plötzlich sehr nah. Man schaute Beamte an, die kaum älter waren als man selbst. Mit Überraschung, Angst oder Entschlossenheit in den Augen, die dem eigenen Zustand im selben Moment recht ähnlich schienen. Diese Erkenntnis war lehrreich.
Schließlich gilt, ählich wie in privaten Beziehungen oder im Sport, auch in der Politik: Ein intensives gemeinsames Erlebnis, gekrönt von Erfolg, schweißt zusammen, erzeugt langfristige Solidaritäten und Grundvertrauen. Wobei sich ein Erfolg, der nicht ausschließlich dem Eigennutz dient, noch einmal besser anfühlt.
Dass es nicht egal ist, was man tut: Diese Erfahrung sei jedem, jeder 18jährigen von Herzen gegönnt. Sie geht so schnell nicht mehr weg.

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