Spielautomaten vernichten Existenzen und zerstören Familien. Die Gemeinde Wien hat das spät erkannt. Hoffentlich schafft sie es, ihr Verbot ab morgen auch durchzusetzen.

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Es gibt eine höchst effiziente Methode zur Umverteilung von gesellschaftlichem Wohlstand, weg von den Armen, hin zu den Reichen. Sie findet rund um die Uhr in trostlosen, schummrigen Lokalen statt. „Bling, bling“ machen dort die Glücksspielautomaten, sie flackern und piepsen und gurgeln und schnurren. Sowohl die optischen Effekte als auch die Melodien sind auf maximalen Effekt hin optimiert. Nein, mit „Glück“ hat Glücksspiel wenig zu tun. Es steckt ausgeklügelte Technologie und viel angewandte psychologische Forschung drin. Nichts wird dem Zufall überlassen. Der Ausgang des Spiels ist in der Software einprogrammiert und steht von Anfang an fest: Der Besitzer des Automaten gewinnt, der Spieler verliert. Immer. Wenn es kurz einmal umgekehrt ist, dann nur, um den Spieler länger bei der Stange zu halten und umso vernichtender hineinzureiten.
Glücksspielautomaten schlucken das Geld von Menschen, die ohnehin schon wenig Geld haben, und wenig Glück. Menschen, die nichts Sinvolleres zu tun haben. Die allein sind, oder grad nicht allein sein können. Denen daheim die Decke auf den Kopf fällt. Die sich anderswo fehl am Platz fühlen. Die Probleme haben, die sie kurz abschütteln wollen, Beziehungsstress, Angst, Sorgen, Lügen, unbezahlte Rechnungen, ein dickes Minus am Konto. Die Zorn abreagieren, Frust loswerden wollen. Vergessen, was morgen oder nächsten Montag auf sie wartet, oder keine Ahnung haben, wie es morgen oder nächsten Montag weitergeht. Überfordert sind. Unterfordert. Die sich nicht im Griff haben. Glauben, man könne sich irgendwie selbst überholen, den normalen Lauf der Dinge austricksen, Wunder erzwingen. Die sich als Verlierer fühlen, und im Verlieren zumindest einmal Recht behalten wollen. Die sich beweisen wollen, dass ohnehin schon alles egal ist. Oder aber: Die nicht anders können, weil sie süchtig sind, abhängig von den kurzen Momenten der Zuwendung, der Euphorie, dem Blingbling, das der Automat einem verlässlich schenkt. Menschen, die krank sind.
Die famosen Kolleginnen und Kollegen von der Rechercheplattform „Dossier“ haben, was man ohnehin vermutet, mit Zahlen unterfüttert: Je besser es Menschen geht, desto weniger Wettlokale brauchen und kriegen sie. Im wohlhabenden Hietzing versenkt kaum jemand sein Geld in Automaten. Der 15. Bezirk hingegen, der ärmste von Wien, hat die größte Automatendichte, gefolgt von Brigittenau, Meidling, Hernals und SImmering. In der trostlosen Reinprechtsdorferstraße steht ein Wettlokal neben dem anderen, 26 auf eineinhalb Kilometern. Bezirksrichter, Gerichtsvolllzieher und Polizei können die Folgekosten präzise benennen. Bei immer mehr Sachbeschädigungen, Diebstählen, Gewaltdelikten spielt Glücksspiel eine Rolle. Spielsucht ist immer häufiger die Ursache für Exekutionen, Gehaltspfändungen, Delogierungen. Und für immer mehr Scheidungen.
Das Geld, das an den Rändern der Gesellschaft verspielt wird, verschwindet selbstverständlich nicht. Es wird bloß umverteilt, von Simmering nach Hietzing. Nachher hat es jemand anderer: Die Gemeinde Wien etwa, die bisher pro Automat 1400 Euro im Jahr an Abgaben kassierte. Und natürlich Novomatic, jener Konzern, dem fast alle Automaten gehören. Der verteilt seine satten, sicheren, berechenbaren Gewinne großzügig weiter – an noch mehr schicke PR-Berater, Werbefachleute, Pressesprecher, an Werbeträger wie Niki Lauda, an noch mehr Wohltätigkeitsaktionen zur Image- und Beziehungspflege, sowie an eine ganze Armada hochbezahlter Gutachter und Anwälte, um die Politik unter Druck zu setzen.
Der Wiener Landtag hat, in einer seltenen Aufwallung von Idealismus, das Automatenglücksspiel ab 1. Januar verboten. Die Firma Novomatic hingegen scheint entschlossen, dieses Verbot eiskalt zu ignorieren. Es wäre verheerend, wenn ihr das gelingt.

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