Die Abwehr des islamistischen Terrors wird nur gelingen, wenn die ganz normalen Muslime Interesse, Respekt, Rechte und konkrete Unterstützung erfahren

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Timbuktu ist eine legendenumwobene Oasenstadt in der Sahara, ein alter Handelsknotenpunkt auf dem Territorium des heutigen Staates Mali. „Timbuktu“ heißt auch ein preisgekrönter Film von Abderrahmane Sissako, der eben in den Kinos läuft (die „Presse“ empfahl ihn wärmstens). Und obwohl es ein Spielfilm ist – er kann uns eventuell weiterhelfen, wenn es darum geht, Strategien gegenüber dem islamistischen Terror zu entwickeln.
In Timbuktu – in der realen Stadt wie auch am fiktiven Filmort – sind radikale Islamisten eine konkrete Bedrohung. Überfallsartig fahren sie in Jeeps und auf knatternden Motorrädern vor, schwenken schwarze Fahnen und diktieren per Megaphon bizarre Verhaltensregeln, an die sich alle Bewohner zu halten haben. Frauen müssen ihre Hände bedecken, sie dürfen nicht mehr allein auf die Straße, gleichzeitig können sich die Kämpfer an ihnen bedienen, wie immer es ihnen gefällt. Rauchen und Musizieren sind verboten. Wer die willkürlichen Regeln bricht oder sich sonstwie mit den neuen Herren anlegt, wird öffentlich ausgepeitscht. Eine besonders schreckliche Szene zeigt die Bestrafung eines angeblichen Ehebruchs: Bis zum Hals stecken da ein Mann und eine Frau bewegungslos im Sand. Man wirft ihnen so lange Steine auf die Köpfe, bis sie tot sind.
Was machen die Dorfbewohner angesichts dieser totalitären Anmaßung? Sie tun, was Sie oder ich oder alle halbwegs normalen Menschen an ihrer Stelle tun würden – in aller Unterschiedlichkeit. Die einen schütteln verzweifelt den Kopf, ducken sich und hoffen, dass der Horror vorüberzieht. Andere laufen davon. Wieder andere machen weiter wie bisher und hoffen, dass sie nicht erwischt werden. Die Fischfrau am Markt beginnt mit den Besatzern zu streiten, schleudert ihnen ihre ganze Verachtung ins Gesicht. Der Imam versucht es mit endlosen, komplizierten theologischen Argumenten. Die Dorfhexe stellt sich dem Jeep der Dschihadisten gar mit ausgebreiteten Armen entgegen. Sie schützt nur, dass man sie für verrückt hält.
All diese Menschen, all diese Opfer des islamistischen Terrors, sind Muslime. Man kann sich in sie hineinfühlen, auch wenn man nicht in der Sahara aufgewachsen ist, sondern in einer mitteleuropäischen Großstadt. Es sind die normalen Reaktionen normaler Menschen, mit stabilen sozialen Beziehungen, mit einem halbwegs intakten moralischen Kompass, mit Fähigkeit zur Empathie und einem grundsätzlichen Resepkt vor dem Nachbarn. Und es ist herzzerreißend, zuzuschauen, wie allein sie sind, und wie allein sie in ihrem existenziellen Kampf gelassen werden – mitten in der Wüste, fern jeder helfenden Ordnungsmacht, weit weg auch von jeder Medienöffentlichkeit. Im Norden Malis (wo die Salafisten im vergangen Jahr das reale Timbuktu und Gao eroberten); im Osten Nigerias (wo die Boko Haram jüngst ganze Siedlungen verwüsteten – es gibt nur Zeugenaussagen und Satellitenbilder, die das Ausmaß des Massenmords erahnen lassen); in Somalia, wo die al-Shabaab-Miliz wütet, in den Kriegsgebieten Syriens, Iraks und Afghanistans.
Die ganz normalen Muslime, die nur ihren Alltag leben wollen – Gewerbetreibende, Intellektuelle, Schülerinnen, Arbeiter, Marktstandlerinnen – sind der äußerste Verteidigungsring der Zivilisation gegen den islamistischen Terror; in Timbuktu ebenso wie in den europäischen Metropolen. Sie sind die ersten, die Warnsignale wahrnehmen, und merken, wenn sich Gefahr zusammenbraut. Im Kampf gegen den islamistischen Terror sind sie die allerwichtigsten Verbündeten. Dafür brauchen sie allerdings nicht pauschales Misstrauen, Ignoranz und feindselige Ausgrenzung von Seiten der europäischen Mehrheitsgesellschaften, sondern ehrliches Interesse, offene Auseinandersetzung, Respekt für ihren oft schwierigen Alltag, Verständnis für ihre Konflikte, Anerkennung für ihr Tun.
Die gehören nämlich zu uns, und wir brauchen sie noch.

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