Die privaten Personenbetreuerinnen retten unser System der Altenpflege. Für 2015 haben sie sich Anerkennung und konkrete Unterstützung verdient

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Wolfgang Schüssels Schwiegermutter ist es zu verdanken, dass die 24-Stunden-Betreuung vor acht Jahren aus der Illegalität geholt wurde. Pflegerinnen, die aus der Slowakei oder Rumänien anreisen, sich mit einer alten Person den Haushalt und Alltag teilen und sich alle zwei Wochen mit einer Kollegin abwechseln, sind seither fixer Betandteil unseres Pflegesystems. Rechtlich ist alles, zumindest oberflächlich betrachtet, im grünen Bereich. 60.000 dieser Frauen sind heute als selbstständige Personenbetreuerinnen angemeldet. Sie sind versichert, bekommen bezahlt. Wir wissen: Ohne ihre Anwesenheit würde von heute auf morgen alles zusammenbrechen. Aber wir verlassen uns drauf, dass sie da sind, da bleiben, und sich niemand beschwert.
Alles paletti also? Eines unserer wichtigsten gesellschaftlichen Probleme dauerhaft gelöst, Pflegefrage abgehakt? Keineswegs. Zwar hat die Öffentlichkeit noch von keinen spektakulären Fällen erfahren, in denen jemand zu Schaden gekommen wäre. Doch die Ruhe täuscht. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein Skandal aufgedeckt wird, der einen dahinterliegenden, systemischen Notstand verrät – vegleichbar mit dem Fall der „Todesengel von Lainz“ im Jahr 1989, der die Scheinwerfer darauf richtete, unter welchen Bedingungen in den großen Pflegeheimen des Landes jahrzehntelang gearbeitet wurde.
Es reicht, die Angebote im Internet zu sondieren, um zu ahnen, wie viel Wildwuchs es heute in der Branche der 24-Stunden-Pflege gibt. Betreuerinnen vermitteln kannn jeder, der mag. Etwa 800 Agenturen buhlen derzeit in Österreich um Kundschaft, sie unterliegen keinerei Kontrolle. Was sie leisten müssen, ist nirgendwo definiert. Die einen kassieren monatliche Mitgliedsbeiträge, andere einmalige Vermittlungsgebühren, bloß dafür, dass sie Kontaktadressen herausrücken. Geworben wird mit Diskonttarifen, billig, billiger, am billigsten: „Ab 27 Euro pro Tag!“, „Ab 16 Euro pro Tag!“, „Sorglos-Paket ab 33 €!“, „10 Tage gratis!“, „Bei Nicht-Gefallen Geld zurück!“ Die angepriesenen Frauen sind hübsch, mit blonden Locken. Judith Schwentner, Sozialsprecherin der Grünen, wies zurecht auf die sexuellen Andeutungen bei manchen Bildern hin: Kurze Kittelchen, lange Beine, rot lackierte Fingernägel. „Bestellen Sie jetzt!“ lockt der Button zum Anklicken.
Selbstverständlich gibt es seriöse Agenturen, die viel Zeit darauf verwenden, ihre Betreuerinnen zu schulen, die Familien zu beraten, und jederzeit helfend parat stehen. Doch die Abwesenheit verbindlicher Standards macht es ihnen schwer, sich von windigen Abzockern abzugrenzen. Im ruinösen Preiskampf gehen sie unter.
Übrig bleiben zwei schwache, auf verschiedene Art abhängige Menschen, in engster Symbiose auf engstem Raum, Tag und Nacht aneinander gekettet, aufeinander angewiesen. Der eine dement, der andere ortsunkundig. Ohne Vermittlung bei Konflikten. Ohne Backup in akuten Notsituationen, und ohne Supervision in oft schwer belastenden Dauerzuständen. Häufig verstehen sie einander nicht einmal. Die Pflichten der Betreuerin sind zwar definiert, samt Androhung von Geldstrafen, falls sie ihre Kompetenzen überschreitet. Gar nicht definiert sind hingegen ihre Rechte und ihre Freiräume. Niemand stärkt ihr gegen Übergriffe der Familie den Rücken. Niemand kontrolliert, ob genügend Privatsphäre, ausreichend Zeit, Schlaf, Essen, oder auch nur ein eigenes Bett zur Verfügung stehen.
„Der Vorteil als Selbstständige besteht darin, dass Sie an an keine Arbeitszeitbeschränkungen und an keinen Mindeststundenlohntarif gebunden sind!“, jubelt die Wirtschaftskammer, bei der alle Betreuerinnen Mitglied sein müssen. Wie zynisch kann man sein?
Nicht zynischer als die gesamte Gesellschaft, lautet die Antwort. Wir haben es uns gemütlich eingerichtet mit unserem blinden Fleck. Das wird gut gehen, solange sich niemand beschwert. Und solange nichts passiert.

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2 Responses to Zwischen Rollator und Bett braucht es Regeln, Respekt und Freiräume

  1. Horst sagt:

    Guter Artikel

    Ein paar Zahlenwerte zur Verdeutlichung:

    Eine Personenbetreuerin mit Tagessatz 75 Euro brutto (Caritas, bei vielen anderen Agenturen eher noch weniger) mit 14 Tagen Dienst kommt auf netto ca 2,8 Euro / h
    Eine angestellte Pflegehelferin mit 38,5 Wochenstunden mit 1850 brutto 14x auf ca. 10,6 Euro netto / h

    Faktor 3,8

    Die Tätigkeit ist natürlich nicht 1:1 vergleichbar, verdeutlicht aber die Unterschiede.

    Dazu kommen noch die Unterschiede bei den SVA Selbstbehalten, die Angestellte nicht haben.

    Dazu ist die Personenbetreuerin nicht arbeitslosenversichert.

    Ein Angestellter mit demselben Jahresnetto wie die Personenbetreuerin hat jährlich ca. 2000 Euro weniger Sozialabgaben.

  2. Johanna wallner sagt:

    sehr geehrte frau hamann,erlauben sie mir, zu dem o.a. artikel stellung zu nehmen. mich verwundert ihre ansicht, denn sie wissen sicher besser als ich, dass man mit einem verbot einer sucht nicht beikommen kann. die spielsüchtigen gehen nun woanders hin, die lokale in n.ö. sollen bummvoll sein. helfen könnte nur eine betreuung und beratung und auch da sind die erfolgschancen nicht 100%ig. ich bin schon über 70 jahre alt, kinder, enkelkinder, pflegekind – da sammelt man erfahrungen. aber so einfach, wie sie das schreiben, geht es leider nicht, das problem wird nur verdrängt und in diesem fall eben in hinterzimmer oder an den stadtrand. übrig bleiben arbeitslose, die spielsucht aber bleibt. wäre es nicht besser gewesen , in den bezirken, die sie benennen, die automaten zu belassen, zugleich jedoch mehrere beratungs- und betreuungszentren in der nähe dieser lokale anzubieten?
    mit freundlichen grüßen
    johanna wallner

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