Wenn die Sozialdemokratie von „Integration“ spricht, klingt sie häufig defensiv und zwiespältig. Wohl weil sie ihrer eigenen Klientel nicht traut.

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Die sozialistische Bewegung trat vor 120 Jahren an, um die Arbeiterkinder aus der Finsternis zu holen. Heraus aus den feuchten Zimmer-Küche-Wohnungen, hin zu Licht, Luft, Bildung, Kultur, Selbstbewusstsein, Würde. „Integration“, würde man heute sagen. Ein Begriff, bei dem es damals wie heute weniger um kulturelle Gleichmacherei, sondern eher um gesellschaftliche Teilhabe und Mitbestimmung geht.
Aus historischer Perspektive betrachtet, kann man sagen: Die SPÖ war damit höchst erfolgreich. Die böhmischen Arbeiterkinder aus den Favoritner Ziegelwerken, die Kinder der vom Dorf zugewanderten Tagelöhner und Dienstmädchen gingen in die Schule, lernten schreiben, tankten Licht, Luft, Kultur, Selbstbewusstsein und ließen die feuchten Zimmer-Küche-Wohnungen hinter sich. Ihre Kinder und Enkelkinder – zumindest die meisten – schafften in den folgenden Jahrzehnten den gesellschaftlichen Aufstieg, zogen in die neu gebauten kommunalen Siedlungen, mit fließendem Wasser, Zentralheizung, Grünflächen, Konsum-Supermarkt und Bibliothek.
Die Sozialdemokratie begleitete sie auf diesem Weg hinaus aus den Zinskasenen, hinein in den Gemeindebau. Sie blieb bei ihnen, vertrat weiterhin ihre (sich verändernden) Interessen, zählte auf ihre Dankbarkeit und auf ihre Wählerstimmen, und bekam sie auch. Man war und ist bis heute stolz auf diese historische Leistung. Bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, posaunt die SPÖ sie in die Welt hinaus. Zurecht.
Doch die feuchten Zimmer-Küche-Wohungen in den Zinskasernen gab es weiterhin. Sie blieben nicht leer. Es zogen dort neue Kinder ein: In den Siebziger- und Achtzigerjahren die Kinder von Bauarbeitern, Fabriksarbeiterinnen und Marktstandlern aus Jugoslawien und der Türkei, in den Neunzigerjahren die Kinder von Zeitungsausträgern, Paketzustellern, Näherinnen, Taxifahrern und Putzfrauen aus aller Herren Länder. Grundsätzlich war die Sozialdemokratie auch für diese neuen Arbeiterkinder da. Fühlte sich dafür zuständig, auch ihnen Licht, Luft, Bildung, Kultur und gesellschaftliche Teilhabe zu bringen; „Integration“, wie man sagt.
Aber es gab einen Unterschied zu früher: Sie SPÖ redete nicht so laut darüber. Posaunte das, was sie tat, diesmal nicht in die Welt hinaus. Denn sie war nicht ganz sicher, was ihre alte Klientel in den Gemeinde- und Genossenschaftswohnungen dazu sagen würde. Ob die vielleicht eifersüchtig werden? Macht es sie eventuell nervös, wenn sie merken, dass neue Aufsteiger einen ähnlichen Weg gehen wie einst ihre eigenen Eltern und Großeltern, und ihnen dabei von der SPÖ geholfen wird? Jeder Aufstieg neuer Gruppen bedeutet schließlich: neue Konkurrenz.
In diesem Gedankengang könnte der eigenartige Zwiespalt begründet liegen, den man oft spürt, wenn SPÖ-Politiker über „Integration“ reden. Zwar machen sie für die Arbeiterkinder von früher und die Arbeiterkinder von heute Politik – aber man merkt ihnen an, das ihnen erstere mehr ans Herz gewachsen sind als letztere. Das schlägt sich in der konkreten Politik nieder. Es gibt öffentliche Schulen für alle – aber gleichzeitig große Unterschiede zwischen „guten“ und „weniger guten“ öffentlichen Schulen. Es gibt Horte, Ferienbetreuung, Gratis-Nachhilfe, Jugendarbeit und Kulturangebote – aber dort, wo all das am dringendsten fehlt, wird es mit dem wenigsten Nachdruck beworben. Es gibt Ganztagsschulen – aber jene, denen sie am meisten bringen würden (den Kindern von Arbeitslosen, Asylwerbern) kriegen dort keinen Platz. Ausländer dürfen seit acht Jahren zwar im Gemeindebau wohnen – aber für diese Öffnung hat die SPÖ eine EU-Richtlinie gebraucht, und an die große Glocke gehängt wurde sie nicht.
Kann man sich vorstellen, ein sozialistischer Politiker der Jahrhundertwende hätte „nicht integrationswilligen“ Arbeitern mit Strafen gedroht? Nein, das kann man nicht.

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