Magdas Hotel, ein wunderbares neues Projekt der Caritas, bringt im Prater Flüchtlinge, Wien-Touristen und Wiener zusammen.

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In manchen Kulturen tragen Frauen auffallend viel Schmuck – goldene, silberne oder kupferne Armreifen, Ohrringe, Halsketten. Nicht nur bei festlichen Anlässen, sondern rund um die Uhr; beim Wasserholen, beim Ziegenhüten, sogar bei schwerer körperlicher Feldarbeit. Das bedeutet nicht, dass diese Frauen exorbitant reich wären. Ethnologisch gesehen, verweist der Schmuck eher auf ihre prekäre Existenz. Wer in einer patriarchalen Gesellschaft keinen Grundbesitz hat; wer rechtlos ist; wer damit rechnen muss, von der Familie oder vom Ehemann verstoßen zu werden und von einem Moment auf den anderen ohne Existenzgrundlage dazustehen, tut gut daran, allen persönlichen Besitz stets nah bei sich am Körper zu tragen.
Gold, Silber oder Kupfer werden so zu einer Art sichtbarem Sparbuch. In guten Zeiten schmückt es. In einer Notlage kann man es verkaufen, sich etwas zu essen besorgen, oder einen Fluchthelfer bezahlen, der einen an einen sichereren Ort bringt.
An diese materielle Funktion von Schmuck – und an das Prekäre unserer Existenz – erinnern die glänzenden, 10 mal 10 Zentimeter großen Kupferplatten, die heute an den Balkonen von „magdas Hotel“ in der Sonne leuchten. 15 Euro kosten sie, Hotelgäste können sie erwerben und selbst dort anbringen. Mit der Zeit entsteht so eine weithin sichtbare, glitzernde Fassade, die einen halbwegs stabilen Materialwert hat. Wenn notwendig, kann man das Kupfer wieder zu Geld machen.
„magdas Hotel“, das eben im Wiener Prater eröffnet hat, ist ein wunderbares neues Projekt der Caritas. Es ist keine karitative Einrichtung, sondern ein „Social Business“, das sich ökonomisch selbst tragen soll. Einst war der schlichte Bau aus den Sechzigerjahren ein Pensionistenheim für Demenzkranke, dann waren hier Obdachlose untergebracht. Nun, nach einer Generalüberholung, können hier Wien-Besucher übernachten. 20 anerkannte Flüchtlinge haben bei „magdas“ Arbeit gefunden – an der Rezeption, in der Küche, im Service. In einigen der Zimmer wohnen zudem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in Wohngemeinschaften, ab Herbst können diese im Hotel auch eine Lehre beginnen.
Was dieses Haus so aufregend macht: Dass es die üblichen Kategorien, die den „Fremden“-Diskurs in Österreich normalerweise bestimmen, sprengt. Zum Beispiel sind wir es gewöhnt, eine saubere Trennlinie zwischen Touristen und Flüchtlingen zu ziehen. Erstere haben Geld, zweitere nicht; erstere werden hergelockt, zweitere möglichst ferngehalten. Ersteren hört man gern zu, wenn sie von ihren Reisen berichten, zweitere sollen einen damit besser nicht belästigen – wenn man sie nicht ohnehin gleich für Lügner hält. Wird eine Pension irgendwo am Land in ein Flüchtlingsquartier umgewandelt, markiert das normalerweise die Endstation ihres wirtschaftlichen Niedergangs.
Im „magdas“ ist das umgekehrt. Hier sind die Flüchtlinge Teil des Erfolgskonzepts. Sie machen nicht nur, wie viele Flüchtlinge in der Gastronomie, im Hintergrund still ihren Job, an der Abwasch oder im Putzkammerl. Nein, sie sind sichtbar, samt ihrer Geschichten und Erfahrungen. Sie machen diesen Ort attraktiv. Wegen ihnen kommen die Gäste. Sie zeigen ihnen Wien von anderen Seiten.
Durchgehendes Motiv des Hauses, optisch ebenso wie inhaltlich, ist dabei die Verwandlung. Kaum etwas hier ist neu. Möbel, Geräte und Geschirr wurden von überallher zusammengetragen, aus Landpensionen und Hotels, Flohmärkten und dem Caritas-Lager. Die Tischplatten hat die Kunstuniversität ausrangiert, die Gepäckablagen die ÖBB, die Wandschränke und Türen des Seniorenheims wurden zersägt und neu zusammengesetzt. Alles hier hatte schon eine andere Rolle. Wurde anderswo nicht mehr gebraucht, beschädigt oder gar weggeworfen. Aber in einer neuen Umgebung, für die richtigen Zwecke eingesetzt, kann es eine neue Bestimmung finden.
Voraussetzung ist bloß, dass man es mit Wertschätzung behandelt.

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