Wie, warum und auf welchen Routen bewegen sich Menschen nach Wien und aus Wien heraus? Und welche Spuren hinterlassen sie dabei? Zwei Künstler erforschen das.

für den „Falter“

Man stelle sich Wien einmal aus der Satellitenperspektive vor. Alle Menschen, die in der Stadt leben und/oder arbeiten, tragen einen kleinen leuchtenden Punkt am Körper. Von ganz weit oben kann man nun auf die Punkte hinunterschauen. Beobachten, wie sich sich bewegen – hinein in die Stadt, hinaus aus der Stadt, immer weiter hinaus aus der Stadt, bis nach Guntramsdorf, Oberwart, Sarajewo oder Plovdiv, und wieder retour, morgens, mittags, spätabends, oder knapp vor Sonnenaufgang.
Viele Menschen ziehen mit ihren Fahrten Linien, die sich in regelmäßigen Zeitabständen wiederholen. Sie pendeln täglich, wöchentlich, oder auch nur jedes Jahr in den Sommerferien. Sie arbeiten, verdienen Geld, versorgen ihre Kinder, Nachbarn, kranken Großtanten, treffen Geschäftspartner und verflossene Lieben, nehmen an Parties und Begräbnissen teil, pflegen Beziehungen an mehreren Orten. Sie stellen damit gleichzeitig Beziehungen zwischen Wien und tausenden anderen Orten in Europa her. Und sie hinterlassen auf ihren Wegen Spuren. Welche Muster erzeugen diese Linien, wo kreuzen sie sich? Woher kommen die Menschen, womit und warum fahren sie, und was haben sie von unterwegs zu erzählen?
Die beiden Künstler Michael Zinganel und Michael Hieslmair beschäftigen sich mit Mobilität und Migration schon seit vielen Jahren. Nun wollen sie ihre unmittelbare Wiener Umgebung genauer danach absuchen, gemeinsam mit interessierten StadtbewohnerInnen, die sie dabei begleiten (siehe xx). Dabei tut sich ein neuer Blick auf Vertrautes auf.
Zunächst entdeckt man, über die ganze Stadt verteilt, Orientierungspunkte, die für unterschiedlichste Migrantengruppen aus den unterschiedlichsten Gründen wichtig sind – Stammlokale, Gebetshäuser, Läden, Clubs. Die Baseball-, Football- oder Cricketvereine im Prater etwa. Die serbisch-orthdoxe Kirche, die in der Engerthstraße in eine Straßenbahnremise hineingebaut wurde („die hab ich nur daran erkannt, dass sich der serbische Busfahrer beim Vorbeifahren bekreuzigt hat“, sagt Zinganel.) Die Basketballkäfige im Mittelstreifen des Margaretengürtels, wo sich, in Eigenregie, ein komplexes Turniersystem herausgebildet hat, in dem man Samstags gegeneinander antritt. Die Wiese auf der Donauinsel nahe der U1-Station, wo sich Thailänderinnen treffen, die mit Österreicheren verheiratet sind. Der „Prosi“-Supermarkt am Neubaugürtel, wo sowohl die kongolesische Diplomatin als auch der liberianische Asylwerber herkommen, um ein bestimmte Erdnusspaste zu finden. Er ist ein ebenso wichtiger, klassenübergreifender Knotenpunkt wie für die US-Expats der Supermarkt mit original-amerikanischen Süßigkeiten unter dem Westbahnhof.
Im Moment sitzen Zinganel und Hieslmair in ihrem ebenerdigen Atelier am Volkertplatz im zweiten Bezirk (übrigens schon seit den Siebzigerjahren ein Treffpunkt der bucharischen Juden). Es ist ein verschlafener Marktplatz mit schon deutlich spürbaren Zeichen, dass es hier demnächst schick wird: Das erste Lokal im abgewetzen Berlin-Stil ist da, ein süditalienischer Delikatessenhändler hat die mürrische Greißlerin abgelöst, die letztes Jahr in Pension ging, der kroatische Gemüsemann hat neuerdings Koriander im Sortiment, und rundherum werden die letzten Dachböden ausgebaut.
Eben parkt draußen ein Kleinbus der Lieferfirma DHL in zweiter Spur, ein kleiner, schmaler, dunkelhäutiger Mann läuft gehetzt hinüber in die Bäckerei, ein Paket unter dem Arm. „Den brauchen wir!“, ruft Hieslmair, und es schaut aus, als würde er überlegen, dem Mann auf der Stelle nachzusprinten. „Wir müssen herausfinden, wo die Paketzusteller herkommen, wo sie wohnen, und wo sie jeden Tag ihre Autos holen.“ Der schmale Mann ist dann doch ein bisschen zu schnell unterwegs – und hat es wahrscheinlich nicht gar so gern, wenn man ihn auf seiner eng getakteten Route aufhält. Aber Hieslmair scheint im Kopf schon das nächste Wegdiagramm zu entwerfen.
Es wird ähnlich ausschauen wie jene, die bereits an den Wänden des Ateliers lehnen: Stilisierte Filzstiftkarten von Wien, auf denen die Bewegungsmuster idealtypischer Personen verschiedener Herkunft und verschiedener Berufsmilieus eingezeichnet sind. Die Wege einer 24-Stunden-Pflegerin aus der Slowakei, die ihre halbwüchsigen Kinder daheimgelassen hat. Die Wege jenes Kleinbusfahrers, der die Pflegerinnen herbringt und abholt. Die Wege einer Erasmus-Studentin aus Estland, einer Küchenhilfe beim Heurigen am Wiener Stadtrand, eines Nachtwächters in der UNO-City, oder einer Angestellten, die eine auswärtige Firmenniederlassung führt und deswegen in einer Fernbeziehung lebt.
Diese Karten unterscheiden sich von den Stadtplänen, die Touristen in der Hand halten. Nicht der Stephansplatz steht im Zentrum, sondern periphere Orte, die Wiener und Wienerinnen höchstens vom Durch- oder Vorbeifahren kennen. Die Autobahnraststätten im Wiener Umland. Der Container-Umladeplatz am Nordwestbahnhof. Die Pendlerparkplätze. Der Donauhafen Freudenau. Die Flughafenhotels in Schwechat. Firmenzentralen von global tätigen Unternehmen. Oder der Blaguss-Busbahnhof in Erdberg.
„Da geht die Post ab, jeden Freitag und Sonntag“, sagt Zinganel mit kaum verhohlener Begeisterung über einen Ort, den die meisten Menschen eher als trist oder schäbig empfinden würden. Auf einem umzäunten Parkplatz unter den dröhnenden Südsosttangente fahren hier private Buslinien nach ganz Europa ab, nach Riga und Rotterdam, Rom und in den Marienwallfahrtsort Medjugorje. Vor allem beginnt in Erdberg die klassische Balkan-Route. Von hier fährt man seit jeher – per Bus, Lkw, Kleintransporter oder Auto – in alle Nachfolgestaaten Jugoslawiens, nach Bulgarien, Rumänien und in die Türkei.
Hieslmair und Zinganel sind diese Schlagader der europäischen Migration mehrfach abgefahren, mit verschiedenen Verkehrsmitteln. Wie geht es zum Beispiel den bulgarischen Lkw-Fahrern, wie vertreiben sie sich die monotone Zeit am Steuer, was sind ihre Freuden und Ärgernisse zwischen Plovdiv und Wien? In sozialistischen Zeiten waren sie Helden der Landstraße, gut bezahlt und umhegt von der politischen Führung, da sie begehrte Westgüter wie Jeans oder Schuhe ins Land schmuggelten. Die staatlichen Raststationen ähnelten riesigen Forts, samt Tankstelle, Hotel, Reparaturwerkstatt und sexuellen Dienstleistungen.
Heute, in der EU, stehen von dieser Infrastruktur bloß noch Ruinen. Die Lkws werden per GPS überwacht, und die Pausen richten sich nicht nach den Raststätten, sondern nach den Fahrtenschreibern: Wenn das Limit für die vorgeschriebene Pause erreicht ist, fährt man an den Straßenrand und schläft. Die Wochenend- und Nachtfahrverbote haben gleichzeitig neue soziale Treffpunkte erzeugt: „Alle müssen gleichzeitig stoppen, man schaut, wer in der Nähe ist, stellt sich zusammen wie in einer Wagenburg, dann packt einer den Griller aus.“ Ähnliches kann vorkommen, wenn die Temperatur über 28 Grad steigt, und man wegen der schlechten Asphaltqualität nicht weiterfahren darf. Subtile Hierarchien gibt es heute ebenso wie früher – sie richten sich nach dem Baujahr und Modell des LKWs, dem Image des Frächters, der Nationalität des Lenkers oder der Art der Ladung.
Fährt ein Gebrauchtwagenhändler auf derselben Route, hat er völlig anderes im Blick. Gebrauchtwagen aus Österreich stehen hoch im Kurs bei osteuropäischen Händlern, dementsprechend rege ist der grenzüberschreitende Verkehr. Auch diese Perspektive haben die Künstler ausprobiert, kauften in einer Mostviertler Autowerkstatt einen Kleinbus (der eigentlich für einen slowakischen Händler reserviert war), und machten sich letzten Sommer auf den Weg. Das Ziel: Der Pop-up-Automarkt in Dimtrovgrad, an der E85, gleich hinter der serbisch-bulgarischen Grenze. Überwachsen von Gestrüpp, liegt dort der riesige Parkplatz eines aufgelassenen Fußballstadions. Einmal im Monat erwacht dieser Platz im Schatten der Betonruine zum Leben – „alle kommen schon am Vortag, schlafen in den Autos, wie ein großes Campingtreffen“.
Wie viele Mobilitätsknoten wurden auch dieser nicht geplant, sondern ist von selbst gewachsen: Ein Ort, den keiner mehr brauchte, wurde durch informelle Absprache einer neuen Bestimmung zugeführt. Für die er sich ideal eignet – denn die WC-Anlagen des Stadions sind noch intakt. Solche Orte sind auf keiner Straßenkarte verzeichnet. Es wird sie nicht ewig geben. Aber eine Zeitlang erfüllen sie im Leben von Menschen eine wichtige Funktion, erzeugen Schneisen, Ameisenstraßen, die man aus der Satellitenperspektive erkennen könnte. Sofern man sich dafür interessiert.
Hieslmair und ZInganel tun das. Sie versuchen die Regeln zu entschlüsseln, nach denen solche Orte funktionieren, beobachten Veränderungen, fotografieren, nehmen Soundtracks auf, zeichnen Protokolle der Reisenden auf und sammeln unterwegs Dinge – Schilder, Flugblätter, Tickets – die bei anderen wieder Assoziationen wecken und sie zum Erzählen bringen. „Das ist eine Mischung aus Forschung und Kunst“, erklärt Zinganel, und hat sogar einen Namen: „Deep Mapping“ heißt die Methode, und sieht sich in der Tradition der Forschungsreisenden des 19. Jahrhunderts, die mit Botanisiertrommeln und Skizzenheften in der Welt herumfuhren.
Als nächstes suchen die beiden eine Projektraum, um ihr Material herzuzeigen („idealerweise nahe an einem Knotenpunkt“). Und auch das nächste Forschungsziel haben sie bereits: Das AKH. Einen Ort mitten in Wien, den jeder flüchtig kennt, aber kaum jemand versteht. Ein vielstöckiger, über- und unterirdischer Gebäudekomplex, in dem sich Fäden aus der ganzen Welt kreuzen. Verschiedenste Migrationswellen haben hier Spuren hinterlassen, von den philippinischen Krankenpflegerinnen der Siebzigerjahre über die persischstämmigen Ärzte der Achtziger zu den Jugoslawienflüchtlingen der Neunziger, die hier als Putzkräfte neu anfangen mussten. Es gibt die Fährten der Rettungsfahrer zu verfolgen, der Hubschrauber mit den Transplatationsorganen aus ganz Europa, und die komplizierten logistischen Subsysteme für Labordiagnostik, Essen und Wäsche.
Nachts, soviel haben Zinganel und Hieslmair schon herausgefunden, werden andere Sprachen gesprochen als am Tag, und man bewegt sich in anderem Tempo. Aber näheres weiß man dann erst nach der nächsten Expedition.

Getagged mit
 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.