Meine Gesprächsreihe fürs „Datum“

Es ist ein frühlingshafter, windiger, warmer Wintertag. Draußen haben die Menschen die warmen Wollhauben abgestreift und blinzeln in die Mittagssonne. Aber Clara Luzia Maria Humpel, eine schmale, blasse 35 jährige Frau, sitzt im Keller. An Wänden und Decken kleben schwarze Schaumstoffisolierungen und graue Eierkartons. Rundherum elektrische Heizstrahler, Kabelknäuel, Boxen, zu Türmen geschlichtete Schlagzeugteile, mehrere Paare Converse-Turnschuhe, ein Hawaii-Blumenkranz hängt auch da. Eben ist die Band mit der Probe fertig. Clara Luzia hat einige neue Lieder geschrieben, die man heute zum ersten Mal gemeinsam gespielt hat. Hund Lotti, ein Pointer-Beagle-Mischling, „die Süße“, wie sie von Clara Luzia genannt wird, war auch dabei. Sie liegt am liebsten vor der Bass Drum, am lautesten Ort des Probenraums, und schläft.

F: Dort liegt die, echt? Ich dachte immer, Hunde haben so empfindliche Ohren?
A: Das dachte ich auch. Deswegen hab ich ihr anfangs Kopfhörer draufgetan, aber die hat sie immer abgeschüttelt. Vielleicht ist Lotti taub.
F: Wir wollen über Arbeit reden. Ist dieser Probenkeller Ihr Arbeitsplatz?
A: Teilweise. Hier mach ich jenen Teil meiner Arbeit, der laut ist. Dann gibt’s aber noch andere Teile meiner Arbeit, die mach ich zu Hause. Lieder schreiben, am Computer sitzen, den Bus bestellen, das ganze Social-Media-Zeug, Proben organisieren. Letzteres mach ich sehr ungern.
F: Arbeiten Sie zu fixen Zeiten?
A: Ich bin nicht wie Nick Cave, der sich wie ein Angstellter täglich zur selben Zeit ins Büro setzt. Aber ich versuche, ein paar Ablenkungen auszuschalten.
F: Mögen Sie Buchhaltung?
A: Oja. Das gehört zu jenen Sachen, über die man immer total schimpft und sie vor sich herschiebt. Aber wenn man sie dann endlich macht, verschafft einem das richtig Befriedigung.
F: Weil man mit den Händen arbeitet – Zettel sortieren, Zahlen addieren?
A: Weil es ewig auf der To-Do-Liste steht, und es ein super Gefühl ist, wenn man daneben ein Hakerl setzen kann.
F: Seit wann sagen Sie: Musik ist Arbeit, es ist mein Beruf?
A: Empfunden hab ich es immer schon so. Aber so richtig begriffen haben es alle, inklusive mir selber, erst, seit ich letzten März endgültig mit meinen anderen Job aufgegeben habe. Bis dahin hat es immer geheißen: Ich mach zwar Musik, aber ich hab auch noch eine „richtige“ Arbeit.
F: In New York würde jeder Kellner sagen: Ich jobbe hier bloß, aber eigentlich bin ich Musiker.
A: Hier ist es umgekehrt. Da würde man eher sagen: Der B. ist Kellner, und nebenher macht er Musik.
F: Erzählen Sie von Ihrer „richtigen“ Arbeit, die Sie aufgegeben haben.
A: Das war bei der Austria Presse Agentur. Ich hab die Transkripte aus dem ORF-Programm hergestellt, wie sie zum Beispiel Hörgeschädigte brauchen. Also: die Meldungen abgetippt, die die Redakteurinnen getextet haben. Ein ganz mechanischer Job, überhaupt nichts Kreatives dabei. Aber ich tipp so wahnsinnig gern, das war schon in der Handelakadamie so. Eine klassische Frauenqualifikation aus dem zwanzigsten Jahrhundert.
F: Ist das nicht eine Art Arbeit, die längst überflüssig sein müsste, weil’s eine Software dafür gibt?
A: Das würde man vermuten, aber die Spracherkennung ist noch nicht so weit. Klar gibt’s verschiedene Softwares. Aber da müsste man ständig so viel kontrollieren und ausbessern, dass es sich am Ende nicht auszahlt. Da ist mein Getippe günstiger.
F: Sie kommen aus einer Weinbauernfamilie im Weinviertel. Da kriegt man wahrscheinlich eine andere, körperlichere Arbeit mit?
A: Mein Vater machte zwar Wein, Weinbau war sein große Liebe, aber das machte er nur nebenher. Eigentlich war er Lehrer. Ah, da sind wir schon wieder beim Thema.
F: Der Beruf ist das, womit man seinen Lebensunterhalt verdient? Wäre das die richtige Definition?
A: Für mich nicht. Ich glaube, man könnte es auch anders organisieren. Aber im Moment, in unserer Gesellschaft, ist es so. Alles andere fällt gemeinhin unter Hobby.
F: Das Wort Hobby klingt eher despektierlich. Nach Seidenmalkurs in der Volkshochschule.
A: Ja. Wenn ich sage: Musik ist mein Hobby, nimmt mich niemand ernst.
F: Manche Menschen sagen: Künstlerische Leistung fällt nicht unter Arbeit, weil man sie keinem einzelnen Menschen zuordnen kann. An einem Werk, heißt es da, sind immer Gesellschaft und Zeitgeist beteiligt, jeder gibt bloß Anregegungen weiter, deswegen ist Kultur ein Allgemeingut. So ähnlich wird das in der Urheberrechtsdebatte oft formuliert.
A: So ein Blödsinn. Klar stehen wir immer auf den Schultern jener, die vor uns da waren. Und klar zitieren wir unbewusst, was wir schon einmal gehört haben. Die Zahl der Töne ist begrenzt, und wenn ich jedes Lied in Tonfolgen von drei, vier Tönen zerlege, wurde wahrscheinlich jede Kombination schon irgendwann einmal auf der Welt gespielt. Trotzdem ist jedes Lied, gemeinsam mit der Stimme, der Stimmung, dem Text, der Botschaft, etwas Neues. Als ich klein war, hatte ich tatsächlich die Panik, dass uns die Töne ausgehen. Dass, bevor ich erwachsen werde, jedes mögliche Lied schon geschrieben ist und keins mehr für mich übrig ist. Mich hat dann nur der Blick auf die Bücher beruhigt: Das sind ja auch immer dieselben 26 Buchstaben, und trotzdem gibts immer neue Romane.

Wir befinden uns im 15. Wiener Gemeindebezirk, hoch oben am Kardinal-Rauscher-Platz. Durch eine Häuserschneise hat man einen weiten Blick über die Geleise der Westbahn hinunter. Es ist keine reiche, aber eine lebendige, aufstrebende Gegend, die langsam schick wird. Kids schlendern betont lässig mit ihren Schulranzen über den Platz, auf die Kirchenmauer sind Grafitti gesprüht, gegenüber steht eine Gruppe somalischer Studenten vor ihrem Clublokal auf dem Gehsteig herum. Clara Luzia quetscht sich, einen riesigen Schlüsselbund in der Hand, über die enge Kellerstiege aus ihrem Probenkeller heraus, wir wechseln ins darüberliegende Szenelokal „Augustin“. Das prächtige Eckzinshaus am Platz war im Familienbesitz von Clara Luzias Ehefrau Cathi. Cathi ist Schlagzeugerin und betreibt nebenher das Lokal. Das schafft den Musikerinnen ein bisschen Unabhängigkeit.

F: Wie gefällt Ihnen die Vorstellung, zufällig eine große Erbschaft zu machen und ausgesorgt zu haben? Nie wieder arbeiten zu müssen – ist das verlockend?
A: Hm, ich weiß nicht. Ich glaube, es täte mir nicht gut. Es würde ja auch bedeuten: Dass es völlig egal ist, was ich tue. Ob ich Musik mache, die jemand anderer hören will, oder nur so für mich dahinspiele. Bestätigen will man sich schon, Anerkennung kriegen.
F: Das umgekehrte Klischee lautet: Dass Kreative hungern müssen, damit sie gut sind.
A: Das ist genauso blöd. Ein bisschen Druck ist okay. Aber richtig existenzielle Sorgen haben, nicht wissen, wie man die Miete zahlen soll, wenn man friert in der Wohnung – das macht einen nicht kreativ, das macht einen kaputt.
F: Was halten Sie von der Idee, die öffentliche Hand sollte alle Kulturschaffenden subventionieren?
A: Stipendien sind super. Hab ich auch schon bekommen, ein Jahr lang. Wenn eine Gesellschaft will, dass es Kultur gibt, muss sie auch dafür sorgen, dass sie hergestellt werden kann.
F: Wäre eine Art Grundgehalt für Kreative gut?
A: Da sag ich jetzt nicht ja oder nein. Das müsste ich mir genauer durchüberlegen. Wie man das administerieren soll; wer dann bestimmt, wer Künstlerin ist und wer nicht. Aber es müsste ja kein Gehalt sein, das alle Lebenshaltungskosten deckt. 500 Euro vielleicht, da muss man immer noch strampeln. Ein bisschen strampeln ist nicht schlecht.
F: Aber Kreative strampeln zu viel?
A: Ich denk mir oft: Wir als Gesellschaft lassen uns so viel entgehen an schönen Dingen, weil wir einen derart riesigen Teil unserer Energie für Erwerbsarbeit aufbringen müssen. Es gibt so viele gute Idee, die am fehlenden Geld und an der fehlenden Zeit scheitern. Und es gibt so viele Menschen, die nicht einmal im Traum drüber nachdenken können, etwas Kreatives anzufangen, weil sie mit dem nackten Überleben beschäftigt sind. Das ist halt schad. Wir haben keine Ahnung, was uns da – wie sagt man so schön? – an humanen Ressourcen verloren geht.
F: Machen wir das mit dem Geld noch konkreter. Was kriegen Musikerinnen gezahlt für einen Auftritt? Oder darf man das nicht sagen, weil’s ein großes Geheimnis ist?
A: Die Agenturen und die Veranstalter wissen natürlich, wer wieviel kriegt. Aber über sowas redest du nicht in der Branche. Das wäre beinahe unanständig. Es würde schlechte Stimmung machen: Warum kriegt der oder die mehr als ich? Jeder halt halt seinen oder ihren Marktwert.
F: Woraus setzt sich der zusammen? Gibt es irgendwelche objektivierbaren Kriterien?
A: Das ist eine Mischung aus diversen Zutaten. Airplay im Radio, Aufrufe bei Streaming-Diensten, Downloads, Präsenz in den Medien. Und Plattenverkäufe.
F: Ich dachte, Verkäufe spielen kaum noch eine Rolle?
A: Doch, aber anders als früher. Früher waren die Charts etwas für Superstars – ein Zeichen, dass du schon viel verkauft und verdient hast. Heute bist du auch im Indie-Bereich schnell in den Charts, eine Goldene gibt’s ja schon für 7500 verkaufte Platten. Aber du verdienst nicht am Verkauf, sondern daran, dass deine Live-Gagen steigen, wenn du in den Charts stehst. So wie bei den Bestsellerlisten: Du musst draufstehen, damit du in den Buchläden ganz vorne liegst und für Lesungen gebucht wirst.
F: Können Sie gut verhandeln?
A: Die Gagenverhandlungen mach ich Gottseidank nicht selber. Ich wär da ganz schlecht. Wenn ein unverschämtes Gagenangebot kommt, will ich nicht sagen müssen: Spinnst du? Es ist besser, das sagt die Bookingagentur, und ich kann weiterhin die liebe Künstlerin sein.
F: Wie kalkuliert man denn Konzerte? Wer verdient wie viel?
A: Zuerst kriegt die Bookingagentur ihre zwanzig Prozent. Das is fix. Dann zieht man die Management-Fee ab. Dann müssen alle anderen gezahlt werden – der Bus, der Sprit, die Technik, also Sound und Licht. Das sind ebenfalls Fixposten. Was am Ende übrig bleibt, gehört der Band. Das teile ich durch die Anzahl der Menschen, die auf der Bühne stehen. Wobei – wenn wenig übrig bleibt, kriegen im Zweifelsfall erst die anderen was, und dann erst ich.
F: Warum? Weil Sie so bescheiden sind?
A: Naja, das hat wieder mit dem Verständnis von Arbeit zu tun, über das wir vorher geredet haben. Weils für mich halt weniger ein Job war, sondern eher ein kreativer Akt. Und weil der in der landläufigen Meinung nicht so sehr als „Arbeit“ zählt.
F: Fühlen Sie sich als Arbeitgeberin?
A: Oja, schon. Die Rolle fällt mir nicht leicht. Weil ich das ganze Risiko trage. Weil alles davon abhängt, dass mir etwas einfällt. Und weil ich halt immer das Gefühl hab, ich muss auf die anderen schauen. Ich denk mir: Ich hab den Bassisten schließlich angeworben, da bin auch dafür verantwortlich, dass er was verdient.
F: Wie Sie fürs Tippen selbstverständlich bezahlt wurden, wird auch der Bassist fürs Basspielen selbstverständlich bezahlt. Aber Clara Luzia als Songschreiberin….
A: …die kriegt ja eh das Lob. Die hat ihren Namen auf den Plakaten stehen. Ruhm und Ehre.

Wir sind hier bei einem der perfidesten ökonomischen Mechanismen im zeitgenössischen Kultur- und Entertainmentbetrieb angelangt: Aufmerksamkeit ersetzt Geld als Währung. Clicks auf Youtube oder in sozalen Medien sind der Maßstab für Prominenz und Bedeutung. Ähnliches ist in der Medienbranche zu beobachten. Die Internetpublikation „Huffington Post“ hat hier neue Maßstäbe gesetzt: JournalistInnen, WissenschaftlerInnen und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens werden angeworben, um zu bloggen – gratis. Die Gegenleistung der „Huffington Post“. Sie bietet weltweite Verbreitung der Inhalte über soziale Medien, und eine Leserschaft, die in die Millionen geht. Auf diese Weise, lautet der Deal, steigern die BlogerInnen ihren Bekanntheitsgrad, den sie in anderen Feldern – Beratungsaufträge, Veranstaltungshonorare, Werbung – dann gewinnbringend einsetzen können. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.

F: Du musst gratis spielen, denn ich biete dir ja eine Bühne – ich vermute, solche Angebote kriegen auch Musikerinnen häufig?
A: Klar! Zu mir hat mans Gottseidank schon länger nicht mehr gesagt, aber wer noch nicht hundertprozentig etabliert ist, hört das ständig: Das ist doch Werbung für dich, wenn du auftreten darfst! Ich kann gar nicht bestreiten, dass es manchmal sogar stimmt. TV-Auftritte zum Beispiel – bei Grissemann&Stermann sitzen, das hilft total. Dass man Benefizauftritte für den guten Zweck macht, ist ebenfalls selbstverständlich. Aber im Lokal XY gratis spielen? Nur weil einen vielleicht jemand hören könnte, der einen nochmal bucht?
F: Was genau macht Sie an solchen Angeboten grantig?
A: Es kann doch nicht sein kann, dass du dein Geschäftsmodell drauf aufbaust, dass du andere gratis für dich arbeiten lässt! Stellen Sie sich vor, das würde man von der Cateringfirma verlangen, die die Brötchen bringt. Oder vom Elektriker. Das würde niemandem einfallen.
F: Bei Kreativen geht es, weil man sagt: Denen macht die Arbeit eh Spaß.
A: Das ist überhaupt das ärgste Argument. Natürlich mach ich gern Musik, ich kann gar nicht anders. Aber anderen Menschen macht ihr Beruf ebenfalls Freude. Viele Ärzte sind gern Ärzte. Deswegen erwartet aber kein Mensch, dass sie umsonst operieren, oder?
F: Wahrscheinlich könnte man die Unsitte mit der Gratis-Arbeit nur beenden, wenn die Kreativen eine Gewerkschaft gründen und sich absprechen, immer nein zu sagen.
A: Ja. Aber irgendwer sagt immer ja. Weil irgendwer fängt immer bei Null an, und hofft, das ist seine Chance, entdeckt zu werden.
Im September kommt Clara Luzias nächstes Album heraus. Dann kommen, ganz traditionell, die Interviews und die Tour. Die Nummern wären zwar schon viel früher fertig, doch bei der Planung spielen viele Faktoren eine Rolle: Die Ferientermine, der Songcontest, die diversen Festivalkalender, die Tourstationen anderer Bands.
F: Warum gilt eigentlich noch immer der Produktionsrhythmus der Platte, wo es doch längst keine Platten mehr gibt?
A: Ich weiß es auch nicht. Aber da ist die Branche sehr traditionell. Wenn 12,13 Nummern fertig sind, ist ein Album fertig. Ohne Album macht kein Radio ein Interview und tut dich kein Magazin aufs Cover, und ohne Rezensionen buchen dich keine Veranstalter.
F: Ist das ein schöner Moment?
A: Hm. Manchmal denk ich mir: Morgen kommen vierzig neue gute Alben raus. Ob meins dabei ist, ist dort draußen ziemlich wurscht. Keiner wird weinen. Fällt eh nicht auf, sind eh genug andere da.
F: Welchen Anteil seiner Energie muss man auf PR verwenden, damit man nicht in der Masse untergeht?
A: Ich sollte da mehr Zeit investieren, aber es interessiert mich halt nicht wahnsinnig. Ich bin für nicht viel anderes bekannt sei als für meine Musik. Und wenn ich recht überlege: Ich will eigentlich für gar nicht viel anderes bekannt sein als für meine Musik. Aber meine Managerin kommt aus der PR. Die sagt immer: Wir müssen ein bisserl mehr mit deiner Persönlichkeit rausgehen.
F: Weil die Öffentlichkeit ein ganzes Paket haben will, aus Produkt, Personality, Drumherum?
A: Ja. Früher hab ich mich sehr gegen sowas gewehrt. Homestories brauch ich immer noch keine. Aber was ich inzwischen einsehe – dass es wichtig ist, ein bisschen mehr von sich herzugeben. Als es eine überschaubare Menge an Bands gab, konnte man noch sagen, die Musik steht für sich allein. Diese Zeiten sind vorbei. Heute gibt’s derart viele – da musst dem Publikum etwas bieten, wo es andocken kann. Jedes Seilchen, das du ihnen zuwirfst, hilft, dass sie einen Bezug dir kriegen.
F: Diese öffentliche Figur muss ja nicht mit der Künstlerin identisch sein. Wie wärs mit einer Kunstfigur?
A: Ich hab nicht den Funken einer Schaupielerin in mir. Ich wünsche, ich hätte es. Eine Bühnenfigur schaffen wie Ziggy Stardust oder Conchita Wurst – super! Interessanter als ich wär die Figur ebenfalls. Weil den Alltag haben die Leute ja eh selber zuhause, dafür brauchen sie mich nicht.
F: Aus der Kunstfigur kann man rausschlüpfen.
A: Ja, das wär genial. Aber meine Lieder sind so nah an mir, dass ich aus mir nicht rauskann. Ich hätt auch Angst, gaga zu werden im Kopf.
F: Auf dem Poster zu ihrer letzten Tour waren Sie drauf, und ein Fisch. Ein ziemlich hässlicher Fisch. Achten Sie viel auf Ihr öffentliches Bild?
A: Nein. Es wär sowieso sinnlos. Ich schau aus, wie ich ausschau, was soll ich machen?
F: Es heißt ja oft, das einzige zukunftsträchtige Geschäftsmodell für Kreative ist, ihr Gesicht als Werbeträger zur Verfügung zu stellen.
A: Ja. Angeblich verdienen die Großen damit total viel Geld. Aber da wird mir echt schlecht. Soll ich jetzt eine Modelinie herausbringen oder was? Aber ich hab tatsächlich schon Werbung gemacht. Früher hätt ich gesagt: Sicher nicht. Niemals. Das seh ich heute nicht mehr so eng.
F: Werbung für wen?
A: Für die Baumeisterinnung. Die haben mein Lied „Old House for Sale“ verwendet. Sehr dezent verwendet. Dabei geht’s in dem Lied gar nicht ums Bauen. Aber sie haben gedacht: Haus – Baumeister – passt.
F: Tut es weh, die eigene Musik als Hintergrundmusik zu hören?
A: Mir tuts weh, wenn ich mitkriege, wie irrelevant Musik geworden ist. Es wurde noch nie so viel Musik gehört, den ganzen Tag hören die Leute irgendwas, aber das ist so junkmäßig. Bei Spotify kannst du um fünf Euro mehrere Millionen Lieder hören. Ich kann ja nicht über etwas schimpfen, das ich nicht kenne, deswegen hab ich Spotify ausprobiert. Aber nach ein paar Wochen hab ich’s wieder abdrehen müssen, weil ich völlig überfordert war. Sooo viel Musik, du wirst dauernd querverwiesen wie bei Amazon: Wenn dir dies gefallen hat, gefällt dir jenes auch. Ich bin von einem zum nächsten gesprungen, hatte ständig Stress, weil ich wusste, das ist jetzt ein Lied von vierhundertsiebzigtausend anderen, die ich auch noch alle hören müsste! Irgendwann nimmst du überhaupt nichts mehr wahr. Ich hab mir keine Nummer mehr ganz angehört. Und wie ich nur noch so durchgeklickt bin: drei Sekunden, gefällt mir nicht, fünf Sekunden, fad, weiter – da hat mir so gegraust vor mir!
F: So ähnlich gehts mir auch. Aber was machen wir mit der Erkenntnis?
A: Es ist grauslich, aber so wachsen halt die Kinder jetzt auf, und die sind nicht grauslich. Soll ich ihnen erzählen: Als ich klein war, haben wir gewartet. Wenn wir gehört haben, eine Band bringt eine neue Platte raus – wir haben die bestellt und gehofft und gezweifelt und nachgefragt, und wenn sie dann nach Monaten endlich da war, haben wir es zelebriert, sie auszupacken. Heute wartet kein Mensch mehr. Aber ich will nicht zu jenen gehören, die sagen: Früher war alles besser. Ist halt jetzt nicht mehr so. Fertig. Ich weiß nicht, ob man was machen kann, damit es sich ändert. Ob man überhaupt was machen soll. Oder ob es vielleicht eh gut ist so.

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