Ums Impfen kursieren auch in anderen Teilen der Welt Verschwörungstheorien. Dort sind die Szenarien jedoch noch wilder – und die realen Folgen noch dramatischer.

presse-kolumne

Verschwörungstheorien zu entlarven, ist eine stets lohnende Fingerübung im journalistischen Alltagsgeschäft. Es ist nicht schwer. Haarsträubendes Anschauungsmaterial findet man zuhauf mit einer einzigen Google-Anfrage, die Enttarnung ist meist nicht sehr aufwendig, man garniert die Aufklärung mit einer eleganten Prise Spott, und schon kann man sich den Applaus aller vernunftbegabten Menschen abholen. So berechenbar funktioniert das – wie es in der vergangenen Woche idealtypisch beim Thema Impfen zu beobachten war.
Es gibt jedoch ein berühmtes Zitat, das dem ehemaligen amerikanischen Außenminister Henry Kissinger zugeschrieben wird: „Just because you’re paranoid doesn’t mean they’re not after you“. Auch dessen Gültigkeit lässt sich am Beispiel Impfen trefflich illustrieren. Man muss dafür bloß auf einen anderen Kontinent schauen, in eine der heißesten Kampfzonen zwischen westlicher Aufklärung (inklusive medizinischem Forschritt) und islamistischem Fundamentalismus.
In Pakistan, insbesondere in jenen paschtunischen Gebieten an der afghanischen Grenze, wo die Taliban großen Einfluss haben, kursieren schon seit geraumer Zeit Gerüchte über die von Dorf zu Dorf fahrenden Impfhelfer. Islamisten diffamieren diese als feindliche westliche Agenten. Die angeblichen Impfungen gegen gegen Polio, Masern, Mumps oder Röteln, behaupten sie, seien in Wirklichkeit schädlich, und dienten dazu, Muslime zu vergiften oder unfruchtbar zu machen. Die Hetze hatte Erfolg: Misstrauen gegen die mobilen Kliniken verbreitete sich schnell, in einigen Regionen wurden sie boykottiert, mit dem Effekt, dass drei Millionen pakistanischen Kindern heute der grundlegende Impfschutz fehlt.
Die Enttarnung dieser Verschwörungstheorie wäre also dringend notwendig. Ist aber nicht so einfach. Weil die Wirklichkeit alles noch komplizierter macht.
Zu Jahresbeginn 2011 betritt nämlich Shakil Afridi die Bühne, ein 48jähriger pakistanischer Arzt, den CIA als Helfer benützte, um den damals dringend gesuchten Osama Bin Laden zu finden. Man vermutete den Al-Qaida-Chef in Abottabad, in der pakistianisch-afghanischen Grenzregion, und Afridi sollte dort Blutproben für einen DNA-Vergleich sammeln, um herauszufinden, wo sich Verwandte Bin Ladens aufhielten. Afridi inzenierte daher eine Impfkampagne gegen Hepatitis B, ließ in Abottabad Info-Plakate aufhängen, und begann, um glaubwürdig zu sein, in einem Armenviertel mit echten Impfungen, ehe er sich Zugang zu Bin Ladens Haus in einem reicheren Teil der Stadt verschaffen konnte. Ein ganzes Reporterteam hat die Details dieses Krimis eben, im Auftrag des Magazins „The National Geographic“, penibel recherchiert.
Wieviel diese Aktion schließlich zur Ermordung Bin Lades beitrug, ist nicht hundertprozentig klar. Afridi jedenfalls wurde schon wenige Wochen später enttarnt, vor Gericht gestellt und zu 33 Jahren Haft verurteilt. Und Dutzende Hilfsorganisationen richteten verzweifelte Protestbriefe an CIA-Chef David Petraeus, in dem sie ihm vorwarfen, ihre Arbeit zu torpedieren.
Ihre Befürchtungen bewahrheiteten sich: Das Misstrauen schlug inzwischen in blanken Hass um. Impfhelfer müssen heute mit Polizeischutz unterwegs sein, immer wieder fallen sie Entführungen und Attentaten zum Opfer, 70 von ihnen wurden brutal ermordet. Gleichzeitig sterben 400.000 pakistanische Kinder unter fünf Jahren heute an Krankheiten, die durch Impfungen vermeidbar wären. Galt die Kinderlähmung vor zwei Jahren als beinahe ausgerottet, breitet sie sich in Pakistan nun wieder aus, speziell in jenen Grenzregionen, wo die Taliban mächtig sind. Bettler mit verkrüppelten, verbogenen Armen und Beinen werden auch in den kommenden Jahrzehnten zum Stadtbild der pakistanischen Städte gehören.
Gefährlicher als haltlose Verschwörungstheorien ist nämlich bloß eins: Verschwörungstheorien, die echte Verschwörungen enthalten.

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