Zu Fuß gehen tut allen gut. Der Luft, der Gesundheit, dem Handel und der Stadt. Holen wir uns die Straße zurück!

Ein Aufruf, Für den Falter.

Alles beginnt mit einer Begriffsverwirrung. Wer „Straße“ sagt, meint heute meistens: die Fahrbahn. Jenes Territorium, das ganz selbstverständlich den Autos zugeordnet wird, den parkenden und den fahrenden. Doch es ist Zeit, dem Wort seine richtige Bedeutung zurückzugben. „Die Straße“ – das ist der gesamte Straßenraum, einschließlich Gehsteigen, Parkplätzen, Fahrbahnen, Bäumen und Hundeklo. Er gehört der Öffentlichkeit, also uns allen. Holen wir ihn uns zurück, indem wir ihn begehen. Eine Anleitung in fünf Schritten.
1. Ziehen Sie bequeme Schuhe an, und gehen Sie. Zu Fuß sind Sie immun gegen Verspätungen, Betriebsausfälle, Staus, mechanische Probleme Ihres Verkehrsmittels. Vor allem jedoch ist es gesund. Gehen sie zum Fitnsstudio, womöglich gar im Laufschritt, dann brauchen sie dort gar nicht mehr hineingehen. 10.000 Schritte empfiehlt die WHO täglich, das schaffen Sie locker, mit oder ohne Schrittzähler. Sie tun damit gleichzeitig der Stadt etwa Gutes: Auf einer belebten Straße halten sich andere gleich noch lieber auf. Je mehr Menschen auf der Straße, desto sicherer wird sie.
2. Tragen Sie beim Gehen stets einen Beutel bei sich. „Avoska“ hieß das in der Sowjetunion, aber mit Mangelwirtschaft hat das heute nichts zu tun. Gewöhnen Sie sich an, auf Schritt und Tritt das Angebot am Wegesrand nach Brauchbarem abzugrasen, wie einst die Jäger und Sammlerinnen. Niemand muss für Teelichter und Schneebesen zu IKEA fahren. Sie werden staunen, was es in Haushaltswarengeschäften und Ein-Euro-Shops alles gibt, und dass die Eisenwarenhandung Schrauben auch einzeln verkauft. So sparen Sie sich den wöchentlichen Großeinkauf und die samstägliche Hölle auf Supermarktparkplätzen. Sie werden weniger Lebensmittel wegschmeißen. Am Ende sparen Sie sich gar das Auto. Denken Sie dran: Es liegt an Ihnen, wie sich Ihre Umgebung entwickelt. Wer beim BILLA kauft, kriegt mehr BILLA, wer am Markt kauft, kriegt mehr Markt, wer bei Amazon kauft, kriegt Garageneinfahrten in der Erdgeschoßzone.
3. Kaufen Sie sich eine Jahreskarte de Wiener Linien, und surfen Sie. Als FußgängerInnen sind die Öffis Ihre Verbündeten, insbesondere jene, die leicht zugänglich an der Oberfläche verkehren (Straßenbahn, Bus). Wenn grad eine kommt, springen Sie auf. Wenn’s zu eng oder zu warm wird, steigen Sie wieder aus. Die Minutenanzeige an den Haltetellen ist Ihre beste Freundin: Wenn sie mehr als 3 Minuten anzeigt, gehen Sie eine Station zu Fuß. Wieder ein paar hundert Schritte, ohne etwas anderes versäumt zu haben.
4. Schulen Sie Ihre Kinder in Fußdistanz zu Ihrer Wohnung ein, und lassen Sie sie, sobald sie das wollen, allein hingehen. So viel bei der Schulwahl über Fremdsprachenangebot, Bio-Mittagsmenü und pädagogisches Konzept gegrübelt wird – mittelfristig wird sich die räumliche Entfernung als wichtigstes Kriterium für die Alltagszufriedenheit der ganzen Familie entpuppen. Denn eine nahe Schule bedeutet: Später aufstehen. Freunde und Freundinnen in der Nähe. Kurze Wege für alle, unkompliziertes Einander-Besuchen („Ich geh noch für eine Stunde zur Rosa“). Das gibt Kindern Autonomie über ihre Freizeitgestaltung. Es verankert die Kinder im Grätzel – sie finden sich selbstständig zurecht, knüpfen eigene Beziehungen, finden eigene Orientierungspunkte. Das wiederum erzeugt weitmaschige soziale Kontrolle und Sicherheit. Kinder, die zu Fuß gehen, brauchen keine Helikoptereltern.
5. Überlegen Sie, was man im Straßenraum noch alles machen könnte, außer Autos abzustellen. Tun Sie es. Frühstücken, tanzen, Versammlungen abhalten, Aufgaben schreiben, zeichnen, Emails erledigen, gärtnern, Fahrrad putzen, Hausrat verschenken, Tai-Chi machen, Schach oder Computergames spielen, Kaffee trinken, Haare schneiden, quatschen, Gitarre üben. Am einfachsten und in manchen Städten ganz normal: Im Sommer einen Klappstuhl vor die Tür stellen und in die Sonne setzen. Für manches davon braucht man theoretisch eine Bewilligung, für anderes nicht. Lassen Sies drauf ankommen. Sind Sie der materialistische Typ, denken Sie dabei an den Wert Ihrer Wohnung: Je vielfältiger das Leben in einer Straße, desto attraktiver wird sie. Sind Sie eher sozial orientiert, werden Sie sich freuen, dabei endlich Ihre Nachbarn kennenzulernen.

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