Die Registrierkassen sind hoffentlich erst der Anfang. Ganze Branchen müssen noch aus der Schmuddelecke der Schattenwirtschaft ans Licht geholt werden.

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Es gibt im Alltag hundert Möglichkeiten, über Steuerhinterziehung zu stolpern. Die Nachbarin ist Friseurin – und schneidet privat am Wochenende auch daheim. Der andere Nachbar ist Mathelehrer am Gymnasium – und empfängt nachmittags Nachhilfeschüler. Die Zahnärztin macht das Implantat um 20 Prozent billiger, wenn man keine Rechnung braucht; der Elektriker, der einen kaputten Schalter austauschen soll, bietet ähnliches an. Ein Stich des Unrechtbewusstseins ist wohl meistens dabei. Doch wie stark ist der? Das hängt nicht nur vom individuellen Moralempfinden ab, sondern auch von den Umständen.
Erster Faktor, der hier mitspielt, ist die Glaubwürdigkeit des Staates. Je eher man von der Legitimität seiner Regeln überzeugt ist, desto eher ist man bereit, ihm seinen Anteil zu abzugeben. Wenn man Tag für Tag erlebt, dass Ämter effizient arbeiten, die Kinder gern in öffentliche Schulen gehen, das Gesundheitswesen funktioniert und Löcher in der Straßen repariert werden, steigt die Steuermoral. In den skandinavischen Ländern, wo der Staat im Leben der Menschen die größte positive Rolle spielt, ist sie deswegen relativ am höchsten.
Zweiter Faktor: Was rundherum als normal gilt. Als einziger Idiot brav seine Abgaben zu leisten, während alle anderen hemmungslos in die eigene Tasche wirtschaften – das macht keinen Spaß. Da fühlt man sich ausgelacht. Deswegen gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Steuermoral der Bürger und der Korruptionsneigung seiner regierenden Klasse. Und deswegen richten Korruptionsfälle in der Politik mehr Schaden an als nur den konkreten. Sie bieten korrupten Bürgern die ideale Ausrede, hemmungslos weiterzumachen.
Dritter Faktor ist Nähe. Wer seine Geschäftspartner persönlich kennt, tut sich leichter, eine Leistung als „privat“ zu empfinden, und dann auch so zu deklarieren. Es gibt sie ja tatsächlich – die echte Nachbarschaftshilfe. Den Nachbarn, der einem am Wochenende das Brennholz schneidet; den befreundeten Anwalt, der einem den Mietvertrag gegenliest; die befreundete Physiotherapeutin, die man um Rat fragt, wenn das Knie schmerzt; die Bekannten von Bekannten, die man im Gästezimmer schlafen lässt, damit sie sich das Hotel sparen. Unter Freunden hat sich jedoch eine goldene Regel bewährt: Geschenke sind geschenkt. Und im Zweifelsfall verschenkt man lieber etwas, das man ansonsten nicht gewerblich anbietet.
Letzter Faktor schließlich ist die Art der Arbeit, um die es geht. Bei vielen häuslichen, intimen Tätigkeiten sind wir gewohnt, dass sie unbezahlt erledigt werden – der bettlägrigen Oma ein Essen vorbeibringen, mit den Kindern auf den Spielplatz gehen, den Geschirrspüler ausräumen, Sex haben. So etwas macht man traditionell „aus Liebe“, und umso unangenehmer berührt es us, wenn dafür Geld von Hand zu Hand geht. Wird dafür nun auch noch eine Mehrwertsteuerrechung ausgestellt, mit ausgewiesenem Stundentarif und Zuschlägen – es würde die Peinlichkeit noch steigern. Genau diese Scheinheiligkeit führt jedoch dazu, dass hunderttausende Frauen, die täglich hart arbeiten, sich nie richtig berufstätig fühlen. Dass sie keine anerkannte Expertise erwerben können, keinen Status, keine Rechte – nicht einmal Pensionsversicherungszeiten.
Die Lösung heißt in allen Fällen: Transparenz und Ehrlichkeit. Es ist nicht moralisch verwerflich, Freunden, denen man mit guten fachlichen Tipps geholfen hat, Honorarnoten auszustellen; genausowenig wie es ein Ausdruck familiären Versagens ist, ab und zu einen Babysitter zu beschäftigen. Im Gegenteil: Man macht damit deutlich, dass einem die Leistung des anderen etwas wert ist. Man macht sogar den Staat zum Zeugen dafür. Und stellt klar, dass man auf keiner anderen, diffusen Ebene dafür Dankbarkeit, Wohlverhalten oder Gegengeschenke erwartet. Der Allgemeinheit kann das nur gut tun.

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