Der Busbahnhof in Erdberg: Eine Reportage für das Europa-Sonderheft im Falter

Zur Begrüßung pfeift der Wind. Man steigt aus dem Bus, steht auf einem Parkplatz, wie in einem Windkanal. Über dem Kopf donnert der Durchzugsverkehr auf der Südosttangente. Rechts das Gitter eines mehrere Stockwerke hohen Parkhauses und ein Klo (Benützung: 50 Cent). Links Mistkübel und ein Bauzaun, denn die Tangente wird eben saniert. Vor dem Imbiss, der „Barney’s Bus Stop“ heißt, hängt eine Lichterkette, davor wacklige Heurigenbänke, es gibt Leberkässemmel, Jägermeister und einen TV-Bildschirm mit einem Schi-Langlaufrennen.
Ist das Wien? Ein Koreaner, eine Amerikanerin würde es nicht erkennen. Im Warteraum, einem schmucklosen blauen Containerbau, hängt ein Werbeplakat aus Zagreb und eine Weltuhr mit der aktuellen Uhrzeit von Paris. Ein Schild weist den Weg zum Club Danube („Fitness und Racket“), ein anderes zur Pizzeria Peccino. Ein Plakat verrät, dass vor ein paar Monaten der Zirkus da war. Doch von Wien sieht ein ratloser Neuankömmling, Rollkoffer in der einen, Stadtplan in der anderen Hand, erst einmal nur die trostlose Erdbergstraße. Der Vienna International Bus Terminal (VIB) ist auf den meisten Stadtplänen gar nicht eingezeichnet. Der Hintereingang der U3-Station versteckt sich gut.
Nun aber steht auf dem hässlichen Parkplatz unter der Tangente eine schöne Frau. „Die Welcome-Atmosphäre ist nicht ideal, ich weiß“, sagt Claudia Pich. Frau Pich hat schwarze Locken, wache Augen und einen scharfen Blick für das Wesentliche. Sie ist für den öffentlichen Auftritt des Familienunternehmens Blaguss zuständig, das den VIB betreibt. Dass man überhaut jemanden hat, der sich um PR kümmert, ist ziemlich neu. „Wir dachten immer, dieser Ort interessiert eh keinen“, lächelt Frau Pich offensiv. Vielleicht ändert sich das in genau diesem Moment?
Der VIB hätte Interesse jedenfalls verdient. Ist er doch ein Knoten, der ganz Europa zusammenhält. 425 Linienbusse fahren hier jede Woche ab, sagenhafte 1,6 MiIlionen Passagiere steigen jährlich ein und aus. Von Erdberg kommt man nach London und Vilnius, nach Rom und Istanbul. Alle Phasen der europäischen Vereinigung haben sich an diesem Ort eingeschrieben, und alle Wellen der europäischen Migration. Vor allem aber ist dieser Ort, seit jeher, das Tor zum Balkan.
Es ist Sonntag nachmittag, und eben ist Mira Janicevic mit zwei großen Taschen aus Belgrad angekommen. Seit 30 Jahren lebt sie in Wien, putzt in einer Arztpraxis, hat hier zwei Söhne großgezogen und inzwischen fünf Enkelkinder. In Belgrad hat sie die Schwester besucht und Blumen aufs Grab der Eltern gestellt. Früher habe man die neunstündige Fahrt jede Woche gemacht, erzählt sie, doch jetzt kommen die Kinder schon lang nicht mehr mit. Allein fährt sie noch einmal im Monat. Fast immer um dieselbe Zeit, fast immer mit demselben Chauffeur.
Vor dem wartenden Bus nach Sofia, der Motor läuft schon, verabschiedet sich ein schickes Pärchen, das eine Fernbeziehung führt, sie Kellnerin, er Elektriker, alle zwei, drei Wochen besucht man einander übers Wochenende. Routiniert wuchten sie die Rollkoffer in den Bauch des Busses, ein Scherzchen noch, ein Kuss. Daneben macht ein junger Mann mit Nickelbrille und Rasta-Mütze, Matej heißt er, einen hastigen letzten Zug an seiner Zigarette. Er fährt gleich heim zur Mama nach Subotica. In Floridsdorf wohnt er bei seiner Schwester und macht einen Deutschkurs, um die Aufnahmeprüfung auf die Wiener Filmakademie zu schaffen. In ein paar Tagen wird er wieder hier sein, mit Essen in Tupperdosen im Gepäck.
Hört man diesen Menschen zu, verliert der VIB mit einem Schlag seine Unwirtlichkeit. Wird zu einem beinahe heimeligen Ort, der Woche für Woche mit vertrauten Gesichtern, Routinen, Gewohnheiten aufgeladen wird. Im Leben der Wiener Arbeitsmigranten ist er ein Fixpunkt – egal, wie viel sich rundherum änderte. Während die Busse Jahr für Jahr bequemer wurden, wuchsen die Kinder auf. Während die Busse Bord-WCs bekamen, verstellbare Fußstützen und WLAN, wurde aus dem „Nach-Hause-Fahren“ schleichend etwas anderes, das man besser mit „die Verwandten besuchen“ beschreibt.
Rundherum tobte der Kroatien-Krieg, der Bosnien-Krieg, der Kosovo-Krieg, es gab ethnische Säuberungen, die NATO bombardierte Serbien, der Frontverlauf erzeugte Umwege, doch die Busse fuhren weiter. Um in ihre nebeneinanderliegenden Dörfer zu gelangen, mussten serbische und kroatische Bosnier zeitweise verschiedene Routen nehmen, über das jeweils eigene ethnische Territorium. Doch viele haben auch in jener Zeit ihren Lieblingsplatz im Bus behalten. Besonders beliebt ist jener ganz hinten in der Mitte, wo man die Beine ausstrecken kann. Sie haben ihre gewohnten Sitznachbarn, ihr Jausenritual. Es gibt Routen, auf denen traditionell geschwiegen, und solche, auf denen stets gelacht und geredet wird. Manchmal kommen heute pensionierte Chauffeure vorbei, wenn ihr ehemaliger Bus abgefertigt wird – um ihren ehemaligen Stammfahrgästen kurz Hallo zu sagen.
Dass die vier Fahrkartenschalter für Ex-Jugoslawien draußen im Freien sind, die Schalter für Westeuropa hingegen im geheizten Innenraum des VIB, ist demnach keine Diskriminierung, sondern eher ein Zeichen besonders enger Verbundenheit: „Diese Passagiere brauchen keine Beratung, die kennen den Fahrplan auswendig“, erklärt Pich.
Man kann sagen: Mit den zigtausenden Kilometern, die die Arbeitsmigranten in diesen Bussen zurücklegten, mit den Beziehungen, die sie pflegten und dem Geld, das sie hin- und hergetrugen, haben sie dafür gesorgt, dass Europa zusammenwuchs. Lange bevor es Schengen gab, die Zollunion und den freien Warenverkehr.
Fritz Haberfellner hat vieles davon miterlebt. Graue Locken, ausladender Bauch, goldene Halskette, zupackende Hände, schneller Schmäh: Haberfellner saß zwanzig Jahre lang am Lenkrad. Fuhr einst durch die dreifachen Schlagbäume am Eisernen Vorhang und durch das gespenstische Niemandsland zwischen Ost und West. Und begleitete die Öffnung, die mit den Einkaufstouristen begann. Mit Schaudern erinnert er sich an die gierigen Österreicher, die er per Bus nach Sopron brachte – „um zehn am Vormittag waren die Geschäfte schon so ausgeräumt, dass für die Einheimischen nichts mehr übrig war.“ An die Pensionistin, die zehn Kilo Butter unter ihrem Sitz verstaute, „weil die Butter so billig war“; an die Fußbodenheizung dachte sie nicht. Ein paar Jahre später zog die Karawane dann in die umgekehrte Richtung, und die Ungarn rafften in Östereich alles an Eletronik zusammen, was sie kriegen konnten. Die Händler fuhren direkt an den Bushaltestellen vor, bauten Türme aus Videorekordern auf und verkauften direkt vom Anhänger herunter.
Heute haben große Teile Europas den Euro, es gibt keinen Zoll mehr und keine Mangelwirtschaft. Aber noch immer verraten die Gepäckabteile der Busse, wo es Preisgefälle gibt, und wo der europäische Warenverkehr seine Mängel und Lücken hat. Zum Beispiel ist es in vielen Balkanländern riskant, über Amazon einzukaufen – Buchkuverts schauen wie Wertgegenstände aus und werden daher oft entwedet. Man lässt also lieber an eine österreichische Adresse liefern und sich die Ware per Bus bringen. Gern werden in Wien Winterreifen mit abgefahrenem Profil verladen – sie erzielen in Serbien gute Preise, weil dort kein Mindest-Profil vorgeschrieben ist. Warum aber werden Waschmaschinen, Kaffee und Waschpulver transportiert, wo doch Saturn, Billa und Spar überall in Osteuropa Filialen haben? Viele Pendler sind fest davon überzegt, dass die Qualität der Produkte dort schlechter ist – trotz gleicher Produktnamen, trotz identischer Verpackungen.
Auch über die Personenfreizüigkeit kann man am VIB etwas lernen. Die bedeutet nämlich nicht, dass man ohne Pass reisen kann. „Check-in nur mit gültigem Reisedokument“, steht auf einem in Plastik eingeschweißten A4-Zettel neben der Glastür, daneben der Stempel des Innenministeriums. Beinahe jeden Tag stehen genau an dieser Stelle Menschen, die hoffen, per Bus ohne Visum weiterzukommen. Meist afrikanische Asylwerber, die anderswo in Europa Verwandte haben. „Die müssen wir alle wegschicken“, erklärt Pich. „Das Busunternehmen haftet dafür, dass niemand illegal an Bord ist.“
Frei bewegen hingegen dürfen sich Bürger aller Schengen-Länder, also auch Bettler aus Rumänien und Bulgarien. Die erkennt man an den Plastikschlapfen und am fehlenden Gepäck. In Sofia, berichten Passagiere, sei es üblich, die Fahrgäste informell zu sortieren, und den Roma Plätze in den letzten Reihen zuzuweisen. In Wien hingegen ist man um nücherne Distanz bemüht. „Wer ein Ticket kauft, ist ein Passagier, der Rest geht uns nichts an.“
Haberfellner sitzt heute nicht mehr am Lenkrad. Irgendwann reichte es ihm. Lissabon, Moskau, Italien – am liebsten Italien! – hin, retour, wochenlang auf der Straße, eine Nacht hier, ein Nacht dort, von einem Hotelzimmer ins nächste, er konnte kaum genug davon kriegen. Bis zu jenem Moment, als er mitten der Nacht in seinem eigenen Bett aufwachte, das Klo in seiner eigenen Wohnung nicht fand, gegen eine Kastentür stieß. Und darüber erschrak, dass seine Ehefrau im gemeinsamen Bett lag. „Da hab ich beschlossen: Es ist genug“, grinst er. Seither lenkt Haberfellner nicht mehr den Bus, sondern den Terminal, lotst seine Fahrer durch den Stau, sorgt dafür, dass die Busse ordentlich gewartet werden. Seine Frau ist immer noch bei ihm.
Jetzt schaut er auf die Uhr, streift die Jacke über, er muss rasch hinunter, denn gleich fährt Frankfurt ab, dann Budapest, dann Pozarevac. Es ist Ehrensache, dass der Chef jeden Bus persönlich verabschiedet. Der Chauffeur nach Budapest ist Ungar, jener nach Pozarevac ein serbischstämmiger Österreicher, das ist praktisch für den Umgang mit örtlichen Behörden. „Tricat tri“, lässt sich Haberfellner die Passagierzahl bestätigen – er übt nebenher Fremdsprachen – und geleitet ein verirrtes japanisches Pärchen hinüber zum Budapest-Bus.
Seit Haberfellner nicht mehr fährt, hat sich auf Europas Straßen viel verändert. Verwegen ist da gar nichts mehr. Alle Lenkerzeiten werden heute elektronisch aufgezeichnet, viereinhalb Stunden fahren, dann 45 Minuten Pause, so lautet die Voschrift; nach neun Stunden Fahren muss man neun Stunden ausruhen. Fünf Wochen rückwirkend kann der Chip mit diesen Daten kontrolliert werden. Fahrer sind auf langen Strecken immer zu zweit unterwegs, Pinkel- und Rauchpausen gibt es längst nicht mehr, das gemeinsame nächtliche Pleskavica-Essen an der serbischen Raststätte gehört der Vergangenheit an. Papierfahrscheine werden ebenfalls bald abgeschafft – auf mehreren Strecken sind bereits elektronische Tickets in Betrieb, die dem Chauffeur per Pieps stets genau sagen können, welcher Passagier noch fehlt.
Und auch die Reisenden verändern sich. Längst fahren nicht mehr nur Pendler mit dem Bus, immer mehr Jugendliche, Studierende, Touristen kommen dazu, aus ganz Europa, Asien, Übersee. Befeuert durch Online-Reiseportale, spricht sich jede neue Route schnell herum. Zu Stoßzeiten platzt der Terminal bereits aus allen Nähten. „Wir spüren, dass der Fernbusverkehr überall in Europa boomt, insbesondere in Deutschland“, sagt Pich. „Immer mehr Menschen haben kein Auto mehr, Bahnfahren ist kompliziert, und Billigflüge uncool.“
Insofern offenbart Erdberg auch die blinden Flecken der europäischen Verkehspolitik. Jahrelang hat man den Bedarf nach einem billigen, einfach zugänglichen Transportmittel übersehen. Bis heute scheitert die EU daran, ein gemeinsames Bahnnetz samt übersichtlichem Buchungssystem aufzubauen. Unterschiedliche Schienenbreiten und nationale Eitelkeiten blockieren den grenzüberschreitenden Zugverkehr, immer mehr Nachtverbindungen werden eingestellt. Und in Wien baute man einen Zentralbahnhof – und vergaß, dass es nicht nur ins Burgenland, sondern auch nach Südosteuropa praktisch keine vernünftigen Zugverbindungen mehr gibt.
Ein moderner Umsteigeterminal für Busse war auf dem riesigen, neu geplanten Zentralbahnhofgelände jedoch nie vorgesehen. Bösartig könnte man sagen: Man hat Pendler und Arbeitsmigranten bei der Verteilung öffentlicher Ressourcen und Flächen wieder einmal übersehen. Und sich, wie so oft, drauf verlassen, dass sie sich schon irgendwie privat organisieren werden.
Und genau das haben sie ja auch. Der VIB ist ein hundertprozentig privat. Er ist kein Ergebnis architektonischer Planung, ambitionierter Wettbewerbe und öffentlicher Förderung, sondern eher zufällig, in einer Nische entstanden, für die niemand anderer Verwendung hatte. Das schlauchförmige, 8000 Quadratmeter große Grundstück unter der Tangente gehört der Asfinag. Weil die Lücke nicht einmal eine Adresse hatte, nannte man sie „Erdbergstraße 200A“. Feste Bauwerke dürfen hier gar nicht errichtet werden.
Aber es ist wie mit vielen Schmuddelkindern: Man gewöhnt sich an sie, irgendwann kann man sie sich gar nicht mehr anders vorstellen. Und wenn jemand anderer sie hässlich findet, wird man alles tun, um sie zu verteidigen.
„Nicht optimal“, nennt Norbert Kettner, der Obmann von Wien Tourismus, heute den Terminal; „nicht attraktiv genug“ sagt Josef Bitzinger von der Wirtschaftskammer; „einer Weltstadt unwürdig“, gibt auch Firmenchef Thomas Blaguss zu; und die Politik wälzt schon länger Pläne, ihn abzusiedeln.
Nur Claudia Pich sagt dazu nichts. Sie lässt ihren Blick beinahe liebevoll über die Mistkübel gleiten, über das Gitter des Parkhauses, hinüber zu dem Schild, das vor Taschendieben warnt. Wenn erst einmal die Tangenten-Sanierung fertig ist und der Bauzaun wegkommt, wird man die „Welcome-Atmosphäre“ optimieren, verspricht sie. „Offener“ soll der Terminal werden, „mehr Farbe“ bekommen, richtige Perrons, Beschriftungen in deutsch und englisch, ein durchgehendes Leitsystem. Auch für „Barney’s“ Imbiss, mit der baumelden Lichterkette, kann sich Pich einiges vorstellen.
Sie sieht halt vieles, das Neuankömmlinge nicht sehen. Die Geschichten. Qualitäten, die man erst auf den zweiten Blick erkennt. Dann schaut sie hinauf zur Tangente, der Wind pfeift, über dem Kopf donnert der Durchzugsverkehr, man spürt die Vibrationen. Doch sogar die Unterseite einer Autobahn hat einen Vorteil. Man wird nie nass.

XXX

Kasten
Der Vienna International Busterminal wurde 2007 eröffnet. Hier verkehren Buslinien von Blaguss und 48 anderen Unternehmen im Verbund Eurolines, 22.000 Busse pro Jahr. Topdestinationen sind Serbien und Bosnien.
Inhaber ist die Firma Blaguss. Paul Blagusz, ein ungarischsprachiger Hirtensohn aus Oberpullendorf, bringt 1928 als Lohnfuhrwerker Bauern mit ihren Produkte zum Wiener Naschmarkt. In den Fünfzigerjahren erweitert sich das Geschäftsfeld um burgenländische Arbeitspendler und Ausflügler. 1976 werden die ersten „Gastarbeiterlinien“ nach Jugoslawien eingerichtet, ebenso „Bäderbusse“ an die Adria. 1987 Kooperation mit der ungarischen Volanbus, seit der Ostöffnung fährt man nach Bulgarien, Mazedonien, Rumänien, Polen. Seit 2014 Kooperation mit dem deutschen „Flixbus“.

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One Response to Willkommen, sagt das Schmuddelkind

  1. Serkan Akman sagt:

    Sehr gelungener Artikel, sehr geehrte Frau Hamann!

    „Die Presse“ kann sich glücklich schätzen, Sie als Journalistin im Boot zu haben.

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