Wie kann eine gemeinsame Schule der 10-bis 14jährigen konkret funktionieren? Die deutsche Reformschulleiterin Margret Rasfeld weiß es.

für den Falter

Die Idee ist grundsätzlich gut: Alle 10- bis 14jährigen sollen gemeinsam in die Schule gehen, auch in Wien, wo die soziale Sortierung extremer ist als anderswo. Aber nach der ersten Evaluierung der Neuen Mittelschule, die enttäuschende Ergebnisse brachte, hat sich Ratlosigkeit breitgemacht. Wie könnte eine gemeinsame Schule ausschauen, die besser ist als die NMS, und so attraktiv, dass sie auch Kinder aus bildungsnahen Familien anlocken kann?
Anregungen könnte man sich aus Deutschland holen, bei der Bildungsreform-Pionierin Margret Rasfeld. Die quirlige Mittfünfzigerin leitete eine Gesamtschule in Essen, bevor sie 2007 die „Evangelische Schule Berlin Zentrum“ aufbaute. Anders als der Name vermuten ließe, ist dies keine elitäre Klosterschule in einer Villa, sondern eine Gemeinschaftsschule in einem DDR-Beton-Zweckbau, etwa ein Drittel der Eltern hier sind Hartz IV-Empfänger. Die Schule ist inklusiv, also für Kinder mit Lernschwächen oder Behinderungen ebenso offen wie für Hochbegabte. Das funktioniert so:
– Die Klassen sind jahrgangsübergreifend, und sind vor allem ein sozialer Verband. Soziales, Sport, Lesestunden, Klassenrat, Freizeit und Essen finden gemeinsam statt. In den vier Hauptfächern hingegen – Deutsch, Englisch, Mathematik, Natur und Gesellschaft – gibt es keinen gemeinsamen Unterricht. Für jedes Kind werden am Anfang des Jahres Lernziele festgelegt. Dann lernt es in seinem eigenen Tempo.
– Zur Unterstützung hat jedes Kind einen Lehrer oder eine Lehrerin als persönlichen Tutor. Einmal in der Woche setzt man sich zusammen und redet ausführlich – auch über Dinge, die außerhalb der Schule passieren. So entsteht über mehrere Jahre hinweg ein enges Vertrauensverhältnis.
– Für jedes der vier Hauptfächer gibt es „Lernbüros“: Ein Raum mit Büchern, Materialkoffern und allen notwendigen Ressourcen. Der Lernstoff steckt in „Bausteinen“: Das sind Holzkästen mit Karten drin, auf denen Übungen, Anregungen, Merksätze, Arbeitausfträge zum Thema stehen. In jedem Lernbüro steht außerdem ein Fachlehrer oder eine Fachlehrerin zur Verfügung.
– Auch Schularbeiten werden nicht gemeinsam, sondern individuell geschrieben. „Wenn du alle Karten für einen Baustein fertig hast und das Gefühl, du hast alles verstanden, gehst du zum Fachlehrer, zeigst ihm deine Arbeiten, und meldest dich zum Test an“, erklärt eine Schülerin. Für jeden bestandenen Baustein gibt es ein Zertifikat, „auf dem steht, was wir jetzt können, zum Beispiel die Wahrscheinlichkeitsrechnung.“ Erst ab der neunten Schulstufe gibt es zusätzlich Noten.
– Wichtig außerdem: Das Fach „Verantwortung“, in dem die Kids selbstständig Aufgaben außerhalb der Schule übernehmen, etwa in Kindergärten oder Altersheimen. Sowie, besonders aufsehenerregend, das Fach „Herausforderung“, für das die 13jährigen, statt einer Klassenfahrt, drei Wochen lang Berlin verlassen und sich allein oder in kleinen Gruppen durchschlagen müssen, mit bloß 150 Euro Budget.
Rasfeld und ihre Schülerinnen sind im gesamten deutschen Sprachraum unterwegs, um diese Art des Lernens vorzustellen – zuletzt auch beim Bildungsfrühling Perchtoldsdorf. Sie ernten viel ungläubiges Staunen („funktioniert das denn wirklich?“). Selbstverständlich ist das organisatorische Modell, je nach Standort der Schule, Gebäude, Umgebung adaptierbar. Die Grundpfeiler jedoch sind bestechend einfach und stabil: Heterogenität wird nicht als Problem gesehen, sondern ausdrücklich erwünscht; Verantwortung wird groß geschrieben; und was das in Gymnasien gern beschworene „Niveau“ betrifft, so besteht bei dieser Art des Lernens nach oben hin keine Grenze.
Nichts hindert ein Kind mit einer Inselbegabung daran, in seinem Lieblingsfach allen anderen davonzubrausen. Umgekehrt kann man einem Kind mit einer Schwäche in einem bestimmten Bereich ausreichend Zeit geben, bis es hier zumindest die Basics beherrscht. Statt es durchfallen zu lassen – oder zuzuschauen, wie es ganz aus dem System fällt.

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