Ein Branchenreport über die 24-Stunden- Betreuung
für den Falter

Renata L. mag Herrn F., aber sie hasst seine vier Katzen. Herr F. bewohnt ein Gartenhaus mit zwei Zimmern, alles ist bis unters Dach vollgeräumt. Die Türen kann man nicht zumachen. Die Tiere, ihre Haare und ihr Geruch sind überall – auf dem Sofa, in der Küche, am Esstisch. Sie drängen sich dazu, wenn Frau L die Wäsche macht, und wenn sie sich auf ihrem schmalen Klappbett hinlegt. Frau L.s Tage sind ein permanenter Stellungskrieg – jeder klitzekleine Geländegewinn muss verteidigt werden. Fünf Quadratmeter wären schön. Fünf saubere Quadratmeter, nur für sie allein. Aber das geht nicht in diesem Haus.
Petra B. quälen die Nächte. Sie betreut ein Ehepaar. Mal ruft er, dann ruft sie, ihm muss sie die Windel wechseln, sie muss aufs Klo, dann wieder tut einem von beiden etwas weh. „Mir scheint, sie sind eifersüchtig, und jeder will, dass ich mehr für ihn tue als für den anderen,“ sagt B. Vier, fünf Mal aufstehen jede Nacht, das sei normal. Fest einzuschlafen – das traut sie sich längst nicht mehr.
Maria S. hingegen hat Hunger. Sie wohnt bei einer alten Frau in einem Dorf, dort gibt es kein Geschäft. Jeden Samstag bringt die Schwiegertochter alle Einkäufe mit dem Auto. Jeden Samstag schreibt Maria S. eine Liste. Aber jedes Mal bringt die Schwiegertochter zu wenig. S. hat versucht, ihr das erklären, vergeblich. Nun bringt sie immer ihr eigenes Proviant aus der Slowakei mit: eine Stange Wurst, ein paar Tafeln Schokolade, Fruchtjoghurt. Sie muss halt schauen, dass sie heimlich isst, damit die alte Frau nichts merkt.
Helga D. hat ebenfalls Stress. Da ist eine fremde Person in ihrer Wohnung. Sie hat sie nicht hergebeten, sie will sie nicht um sich haben, aber sie kann schreien so viel sie will, die Person geht nicht weg. Die Fremde spricht seltsam, man versteht sie nicht. Immer gestikuliert sie, nimmt Dinge weg und räumt sie an falsche Orte, sie zerrt an einem herum. Die Person will ihr etwas zuleide tun, denkt Frau D. Frau D. hat Alzheimer. Sie hat Angst. Muss sich wehren. Manchmal, wenn ihr die Fremde wieder einmal zu nahe kommt, schlägt sie mit ihren knochigen, harten Fingern zu.
Szenen wie diese spielen sich, tagein, tagsaus, in tausenden österreichischen Haushalten ab. In engen Stadtwohnungen, in abgewohnten Reihenhäuschen, in luxuriösen Villen. Sie sind nicht extrem – sie beschreiben eher den ganz normalen Alltag der 24-Stunden-Betreuung. Rechtlich gesehen, sind sie legal. Moralisch gesehen, trägt niemand eine Schuld. Es gibt kein Fehlverhalten, das man irgendjemandem zum Vorwurf machen könnte. Das Problem liegt in der Natur des Arrangements: Zwei Menschen, die sich einander nicht ausgesucht haben, werden rund um die Uhr in engster Intimität zusammengespannt. Beide sind, auf unterschiedliche Art, verwundbar, isoliert und abhängig.
Jeder, der mit dieser Branche zu tun hat, weiß: Vieles, was da hinter verschlossenen Türen passiert, ist unzumutbar, manches gar gefährlich. Viele Akteure in diesem System sind hoffnungslos überfordert. Aber niemand traut sich, dran zu rühren – weil niemandem eine Alternative einfällt.
Begonnen hat diese Geschichte mit Wolfgang Schüssel und seiner Schwiegermutter. Als im Wahlkampf 2006 aufflog, dass diese schwarz von einer Pflegerin betreut wurde, schneiderte man eilig ein Gesetz, das die damals gängige Praxis legalisierte. Es sah aus wie eine geniale Lösung, eine Win-Win-Situation für alle: Alte Leute, die nicht ins Heim wollen, können zu Hause bleiben. Angehörige, die nicht selbst pflegen können oder wollen, delegieren die Aufgabe und sind eine große Sorge los. Auch die öffentliche Hand ist mit einem Schlag entlastet: Sie muss weniger Heime bauen, weniger Pflegepersonal ausbilden und bezahlen; jeder Mensch, der privat betreut wird, erspart ihr viel Geld. Und für hunderttausende Frauen in der Zentralslowakei, wo Fabriken zugesperrt hatten und viele arbeitslos waren, tat sich ein neues Verdienstfeld auf. Mit den etwa 1000 Euro, die man in zwei Wochen Pflege verdient, kommt man das ganze Monat durch.
Tatasächlich gab und gibt es WIn-Win-Geschichten in der 24-Stunden-Betreuung. Freundschaften entstanden. Vereinsamte Menschen fanden wieder ins Leben zurück. Angehörige wurden vor dem sicheren Burnout gerettet. Betreuerinnen konnten ihren Kindern Ausbildungen finanzieren. „Man kann Wunder wirken, wenn man die richtige Person mit der richtigen Betreuerin zusammenbringt“, sagt Harald Drescher, Geschäftsführer des Vereins St. Elisabeth, der einst Schüssels Schwiegermutter betreute.
Was folgte, war, in Zahlen gemessen, denn auch eine unglaubliche Erfolgsgeschichte: Heute haben 58.456 selbstständige Betreuerinnen einen österreichischen Gewerbeschein. Mehr als die Hälfte davon sind aus der Slowakei, knapp gefolgt von Rumäninnen, die in den letzten Jahren stark aufgeholt haben. Auch die Förderungen, die das Sozialministerium dafür an die Familien auschüttet, stiegen rasant: Von 9 Millionen (2008) auf 125 Millionen (2014).
Und ein Ende des Booms ist nicht abzusehen, im Gegenteil. Was für wenige, spezielle Fälle gedacht war, ist mittlerweile das Allheilmittel der Altenversorgung geworden: Vereinsamung, Demenz, familiäre Konflikte, komplexe Krankheitsbilder – beinahe alles, was einen überfordert, kann man pauschal einer selbstständigen Osteueropäerin überantworten. Der Staat drückt einem dafür monatlich 550 Euro in die Hand. Mit der Hoffnung, dann nicht weiter behelligt zu werden
Die grüne Sozialsprecherin Judith Schwentner verfolgt die Entwicklung in der Branche seit Monaten akribisch. „Es herrscht Goldgräberstimmung“, sagt sie: „Viele machen da im Moment schnelles Geld.“ „Wildwest-Methoden“ nennt es auch Christian Elsner, Gründer der Agentur „Elsner Pflege“, die Marktführerin in Westösterreich ist.
Drei Problemzonen hat das System.
Erstens: die Agenturen. Zwischen 500 und 800 tummeln sich derzeit am Markt, jede Woche schießen neue aus dem Boden. Online kann man sich ihrer Angebote kaum erwehren, sie locken mit Diskonttarifen („Noch billiger! Ab 29 Euro pro Tag!“). „Es ist völlig unüberschaubar“, sagt Schwentner, sie fand sogar Anzeigen, die mit sexuell anzüglichen Bildern werben. Jeder, der mag, kann Betreuerinnen vermitteln, es ist ein freies Gewerbe ohne jede Voraussetzung: Man braucht keine Adresse in Österreich, kein Firmenschild, keine Qualifikationen. Eine Handy-Nummer reicht.
Eine seriöse Agentur kümmmert sich um die Ausbildung der Betreuerinnen, vermittelt sie in passende Familien, überprüft die Wohnsitutation und schlichtet Konlifkte. Doch die Anzahl jener, die das tatsächlich tun, lässt sich an zwei Händen abzählen. „Oft werden die Frauen, nach 12stündiger Reise, frühmorgens vom Fahrer an einer Adresse abgesetzt, klingeln an der Tür, und müssen sich irgendwie durchschlagen“ (Drescher). Oft stehen in den Verträgen sittenwidrige Verinbarungen, wie der Verein für Konsumenteninformation feststellte: Exklusivitätsklauseln, Pönalezahlungen für „Vergehen“, die Verpflichtung, ausschließlich den firmeineigenen Fahrdienst zu benutzen.
Zweite Promblemzone ist die Selbstständigkeit. Die Wiener Gebietskrankenkasse hat sich seit Jahren leidenschaftlich dem Kampf gegen die Scheinselbstständigkeit verschrieben. IT-Firmen, Fitness- und Yogastudios, Medien – sie alle werde rigoros überprüft, müssen freie Mitarbeiter rückwirkend anstellen und werden häufig zu ruinösen Nachzahlungen verdonnert. Bloß eine Branche scheint gegen Kontrollen immun zu sein: die 24-Stunden-Betreuung. Obwohl die wichtigsten Kriterien, die die WGKK sonst anlegt, klar erfüllt sind: Die Betreuerinnen arbeiten weisungsgebunden, und sowohl ihr Arbeitsort als auch ihre permanente Anwesenheit sind vorgeschrieben.
Die Frage, warum sie hier offenbar beide Augen zudrückt, beantwortet die WGKK nach mehrfacher Nachfrage mit einer knappen e-Mail: „Das Vorliegen einer Unselbstständigkeit wird auf Antrag der Betroffenen überprüft.“ Andere sprechen offen aus, was alle wissen: Weil (Schein-) Selbstständigkeit, wo die Arbeitszeit nicht in Stunden gerechnet wird, die einzige Möglichkeit ist, wie das System leistbar bleibt.
Vor dem Bundesfinanzgericht ist derzeit allerdings ein Verfahren anhängig, das dieses Lügengebäude zum Einsturz bringen könnte. Im April oder Mai wird hier über den Fall einer freiberuflichen Pflegekraft in einem Spital entschieden. Kommt das Gericht zu dem Schluss, dass sie angestellt werden muss, könnte das auch für Betreuerinnen in Privathaushalten gelten. Dann droht Familien die Nachzahlung von Arbeitgeberbeträgen für fünf Jahre.
Dritte Problemzone ist die Art der Arbeit, die zwischen Bett, Badezimmer und Rollator geleistet wird. Dass es um komplexe Aufgaben geht, um kranke Menschen, um viel Verantwortung – und niemandem klar ist, wer die eigentlich trägt.
Auch hier hat die Unschärfe System. Liest man das Hausbetreuungsgesetz von 2007, dann klingt die Job-Description der 24-Stunden-Betreuerin eher wie die einer Gesellschafterin: Sie soll im Haushalt helfen und den Patienten im Alltag unterstützen. Dem entspricht auch die vorgeschriebene Ausbildung: nämlich gar keine. Zertifikate über Pflege-Kurse kann man, wie jeder in der Branche weiß, in Rumänien an jeder Straßenecke kaufen. Aber nicht einmal die sind notwendig, ebenso wenig wie Sprachkenntnisse. Sechs Monate Praxis nachzuweisen, reicht.
Hier widerspricht sich der Gesetzgeber jedoch selbst. Förderung für eine 24-Stunden-Betreuung kriegt man erst ab Pflegestufe drei, also wenn man wirklich krank, immobil oder dement ist. Betreuerinnen haben daher mit Patienten zu tun, die an Beatmungsmaschinen hängen, an Magensonden, die im Rollstuhl sitzen, oder schwere psychische Krankheiten haben. Sie müssen füttern, Wunden versorgen, Medikamente verabreichen, mit Wahnideen zurechtkommen, im Notfall die richtigen Entscheidungen treffen. In Spitälern und Heimen gibt es dafür Checklisten, Vorgesetzte und Supervision. Betreuerinnen machen das ohne alle medizinischen Kenntnisse; oft sogar, ohne sich mit Patientien und Angehörigen richtig verständigen zu können.
„Wenn Sie ohne schriftliche Delegation ärztliche oder pflegerische Tätigkeiten ausüben, droht Ihnen eine Verwaltungsstrafe von bis zu 3600 Euro“ steht auf der Website der Wirtschaftskammer, als „Warnung“ für ihre MItglieder. Doch auch die WKO wird wissen, dass genau das tagtäglich von Betreuerinnen erwartet wird. Und was, wenn eine einmal versehentlich ein Medikament falsch dosiert und etwas passiert? Dann haftet sie persönlich. „Es ist eine Frage der Zeit, bis eine vor Gericht steht“, sagt Drescher. „Dann werden alle ganz überrascht tun.“
Den meisten Familien sind sich gar nicht bewusst, auf welch heiklem Terrain sie sich bewegen. Eher freuen sich, dass rund um die Uhr jemand da ist, den man als „Mädchen für alles“ auch zum Fensterputzen, Schneeschaufeln und Heckenschneiden einsetzen kann. „Es ist ein Fluch, dass es 24-Stunden-Betreuung heißt“, sagt Christian Elsner, „da haben manche Familien das Gefühl, man muss die 24 Stunden, für die man zahlt, optimal ausnützen“. Umgekehrt wissen auch viele Betreuerinnen über ihre Rechte nicht Bescheid. Wenn sie die gesamte Bügelwäsche des erweiterten Familienclans vorbeigebracht kriegen – dann bügeln sie eben.
Genau hier klafft einer der dringendsten Leerstellen: dass es in Österreich niemanden gibt, der sich für diese Frauen zuständig fühlt. Konkret gibt keine Telefonnummer, wo sie anrufen könnn, wenn es Konflikte gibt, wenn sie sich nicht auskennen, Angst haben. Gleichzeitig gibt es auch gesellschaftspolitisch niemanden, der ihre Interessen vertritt, sie als zugehörig begreift, Verantwortung für sie übernimmt. Sie werden geholt, um ein Problem zu lösen. Dann sollen sie wieder gehen.
„Niemand kümmert sich“, sagt Judith Schwentner. „Mir fehlt die Diskussion darüber, wie wir die Altenbetreuung in diesem Land langfristig organisieren. Wie wir 24-Stunden-Betreuung, mobile Dienste und betreutes Wohnen integrieren können. Aber alle denken nur: Solange die Slowakinnen da sind, funktioniert das schon irgendwie.“
An dieser Stelle müsste sich eigentlich die Wirtschaftskammer angesprochen fühlen. Jene Organisation, wo die 50.000 selbstständigen Betreuerinnen Pflichtmitglieder sind (und ein Zehntel aller Mitglieder stellen). Wo sie insgesamt bereits 16 Millionen Euro an Kammerumlage abgeiefert haben, und brav jedes Quartal ihre SVA-Versicherung einzahlen. Ruft man bei der WKO an, muss man jedoch erst dreimal weiterverbunden werden, bis jemand weiß, welcher Fachgruppe sie überhaupt angehören. Gesundheitsbetriebe? Oder eher gewerbliche Dienstleister?
„Ja, wir haben da noch viel zu tun“, gibt Andreas Herz, Obmann des Fachverbands zu. „Gute Idee!“ sagt er, zur Frage nach einer Bertungsstelle samt Telefon-Hotline, „darüber denken wir schon länger nach!“ Stolz erzählt er von der Mitgliederzeitung, „24/7“ heißt sie, in vier Sprachen, mit Informationen und Ausflugtipps im jeweiligen Bundesland. „Bis Sommer, spätestens Herbst“, verspricht er, werden die Rechte und Pflichten der Agenturen klarer geregelt, dann werde es mehr Transparenz geben. Auch WIFI-Schulungen kann er sich vorstellen, etwa zum Umgang mit Demenz, wo sich Betreuerinnen weiterbilden und spezialisieren könnten.
Doch geben tut es das alles noch nicht. Als Herz in der Steiermark wöchentliche Treffen für Betreuerinnen organisierte, zum Plaudern, Vernetzen und Deutschlernen, kam niemand. „Sie haben nicht freigekriegt. Vielleicht wussten sie nicht, dass ihnen zwei Stunden Freizeit zustehen. Oder sie haben sich nicht getraut zu fragen.“
Renata L. wundert das nicht. Sie weiß gar nicht, was die Wirtschaftskammer ist, wie sie dort Mitglied wurde, und dass sie vor drei Wochen sogar an der WKO-Wahl hätte teilnehmen können. Dass sich jemand in Österreich für ihre Probleme interessiert, wäre ihr neu. „Man macht diese Arbeit halt, solange es geht“, sagt sie. „Wenn es nicht mehr geht, hört man auf.“
An der Pinnwand hängt eine Stricherlliste, auf der sie die Tage herunterzählt, bis sie nach Hause führt, zu ihrer achtjährigen Tochter. Drei Tage noch.

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