Im Prinzip meinen wir damit das gleiche. Und es einzufordern, ist eine Selbstverständlichkeit. Anmerkungen zur leidigen Debatte ums Po-Grapschen.

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Manchmal wundert man sich, dass man über Selbstverständliches reden muss. Über Dinge, von denen man eigentlich meint, dass sie unter zivilisierten Menschen unumstritten sein müssten. Nein, man will das Selbstverständliche nicht immer wieder formulieren. Weil man niemanden nerven will.
Aber dann bekommen wieder einmal seltsame Wortmeldungen Beachtung; viel mehr Beachtung, als sie verdienen. Da ist ein Arzt und Parlamentsabgeordneter einer skurrilen Partei, der seine Ehefrau beim Po-Grapschen kennengelernt hat (man müsse schließlich „überprüfen, ob der Popsch hält, was der Blick verspricht“), und meint, dass man Frauen „erobern“ müsse, „das setzt Widerstand voraus“. Ein prominenter Anwalt wiederum findet es lächerlich, wenn Frauen sexuelle Übergriffe anzeigen und warnt sie davor, wegen solcher Lappalien eine Polizeistation zu betreten: „Die lachen sich dort tot.“
Man möchte in solchen Momenten eigentlich nur seufzen und den Blick abweden. Aber um der Aufklärung willen muss es wohl sein: Beschäftigen wir uns, noch einmal, möglichst nüchtern, mit solchen Argumenten.
Erstens: „Starke Frauen brauchen keine Gesetze gegen sexuelle Belästigung. Die regeln das selber.“ Im Prinzip ist das richtig. Genauso richtig wie: „Intelligente Menschen brauchen keine Gesetze gegen Betrug, die durchschauen jeden Versuch, sie übers Ohr zu hauen“. „Kräftige Menschen brauchen kein Gesetz gegen Raubüberfälle – die können sich selbst verteidigen“. Oder: „Reiche Mensche brauchen kein Gesetz gegen Diebstahl, die haben eh genug.“ Das logische Gegenargument ist bei sexuellen Übergriffen dasselbe wie beim Betrug oder beim Diebstahl: Es sind halt nicht alle Menschen stark, intelligent oder kräftig. Es kannt auch starken, intelligenten, kräftigen Menschen passieren, dass man sie in einem ungeschützten Moment erwischt. Und genau dafür sind Gesetze da: Für Menschen, die sich selbst in einer speziellen Situation nicht selbst helfen können oder wollen. Das Recht des Stärkeren abzuschaffen, ist ein großer zivilisatorischer Fortschritt.
Zweitens: „Wir brauchen keine Gesetze, die sich in unser Intimleben einmischen. Das ist privat.“ Ebenfalls richtig. Solange alles, was in diesem Intimleben passiert, freiwillig ist. Herr A. oder Herr F. können grapschen und sich begrapschen lassen, soviel es ihnen beliebt, egal an welchem Körperteil. Sie können sich sexuell ausleben, mit wem und wie sie wollen, auf alle nur denkbaren Arten (sie dürften sogar einander fesseln und auspeitschen). Unter der Voraussetzung, dass alle Partner und -partnerinnen dabei volljährig und einverstanden sind. Es ist die allererste Regel der sexuellen Selbstbestimmung, eigentlich ist es sogar die einzige: Dass man nur tut, was beide wollen. Wenn man sich über die Signale, die jemand aussendet, unsicher ist, empfiehlt sich eine einfache Methode: Fragen. Dann gibt es ein „Ja“ oder ein „Nein“. Was ist daran so schwer zu verstehen? Was ist daran auszusetzen? Warum klammern sich manche (wenige!) Männer derart leidenschaftlich an das Recht, diese Grenze zu verletzen, und einen unerwünschten Übergriff zu setzen?
Drittens: „Wir brauchen keine Feministinnen, die uns vorschreiben, was wir tun dürfen und was nicht.“ Richtig. Dafür braucht es tatsächlich keine Feministinnen. Für eine gewaltfreie Sexualität und für Beziehungen auf Augenhöhe braucht es eigentlich nur Menschen mit intakter Empathie. Mit einem gewissen Gespür für die Bedürfnisse des/der anderen, und der Bereitschaft, eine Zurückweisung zu akzeptieren. Man kann dafür die altmodischen Begriffe „Anstand“ und „Respekt“ verwenden. Oder die neumodischen Begriffe „Selbstbestimmung“ und „Integrität“.
Braucht es also schärfere Gesetze gegen sexuelle Belästigung? Leider ja. Aber nur weil es Menschen gibt, denen es an Anstand und Respekt mangelt.

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