Wieviel Wahrheit steckt in der allgegenwärtigen Legende von den angeblich so vielen respektlosen, unkooperativen muslimischen Eltern an Wiener Schulen?

Ein Realitätscheck für den Falter

Wenn in Wien über Schule und Migration gestritten wird, kommt eine Art Anekdoten verlässlich vor: Jene, die von respektlosen, unkooperativen Eltern erzählt. Zum Stammpersonal dieser Anekdoten gehört der frauenfeindliche muslimische Vater, der sich weigert, der Klassenlehrerin die Hand zu geben. Fixer Bestandteil sind auch Eltern, die ihren Töchtern aus religiösen Gründen verbieten, am Schwimmunterricht teilzunehmen.
Jeder hat solche Geschichten schon gehört, viele erzählen sie – aus zweiter Hand – bereitwillig weiter. Die FPÖ beschwört sie seit Jahren. Sie sollen zeigen: An unseren Schulen herrsche angeblich ein Kulturkampf; die Lehrerinnen seien samt der heimischen Kultur in der Defensive, und in den Schulen rutsche der gemeinsame Boden weg. In den vergangenen Monaten haben sich auch Integrationsminister Sebastian Kurz, ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner, Staatssekretär Harald Mahrer sowie die wahlkämpfenden Landeshauptleute Franz Voves und Hans Niessl aus dem Fundus dieses Narrativs bedient – als sie, statt die Bildungsreform voranzutreiben, Strafen für „integrationsunwillige“ Eltern forderten.
Zeit für einen Realitätscheck. Wie viel Wahrheit steckt in der Legende?
Ein erster Rundruf geht ins Leere: „Nein, das Problem existiert nicht“. „Nein, das wird alles völlig übertrieben.“ „Da kann man gar nichts generalisieren.“ „An anderen Schulen wahrscheinlich, bei uns nicht.“ „Ich glaube schon, dass so etwas vorkommt, aber nicht an meiner Schule. Wir kommen gut miteinander aus.“
Fehlanzeige also. Gehen wir es systematischer an. Lassen wir private/kirchliche/alternative Schulen von vornherein weg, ebenso die bürgerlichen Bezirke, und beschränken uns auf öffentliche Volksschulen in Wohngegenden mit hohem Ausländeranteil – in den Bezirken 2, 10, 11, 12, 15, 16, 17 und 20. Hier müsste das Problem, falls es existiert, geballt auftreten. Damit sie frei reden können, wird allen Direktorinnen und Direktoren Anonymität zugesichert.
Erste Station: Simmering. „Es gibt schon respektlose Eltern. Aber ich will das nicht auseinanderdividieren, das hat nichts mit der Religion zu tun“, sagt eine Direktorin. Höflichkeit, Umgangsformen, Pünktlichkeit, Grüßen – das sei wichtig für die Kinder. „Leider lernen sie das bei den Eltern manchmal nicht. Aber das ist unabhängig von der kulturellen Herkunft. Hier in Simmering sind es eher Eingeborene, über die man sich manchmal ärgern muss.“
Nächste Station Meidling: „Ja, es gibt ein paar Probleme. Etwa Verletzungen der Schulpflicht – dass Eltern den Kindern leichtfertig erlauben, zu Hause zu bleiben. Manche Eltern können den Wert von Bildung nicht erkennen. Doch das hat nichts mit einer speziellen Gruppe zu tun. Das ist ein sozioökonomisches Problem.“
Machen wirs noch konkreter. Wie ist das mit den Vätern, die Lehrerinnen nicht die Hand geben?
Eine Direktorin in Ottakring hat da viel zu erzählen: „Natürlich gibt es das! Männer, die die Lehrerin nicht grüßen, und sagen: Mit einer Frau red ich gar nicht. In so einem Fall sag ich den Kolleginnen immer: Den sollen sie zu mir schicken. Den richt ich mir dann schon her, und mach ihm klar, dass er gleich massive Schwierigkeiten kriegt. Ich bin ja nicht auf den Mund gefallen. So geht das nicht. Die gehen mit ihren Frauen daheim ja auch so um.“ Alle? Viele? Wenige? „Es gibt natürlich auch welche, die sind sehr nett. Man merkt sofort – welche Familie will sich hier integrieren und etwas für unser Land tun – und welche nicht.“
An einer Favoritner Schule ist man mit solchen Urteilen weniger schnell bei der Hand. Hier fällt das Wort „Missverständnisse“: „Wenn ein Tschetschene einer Lehrerin nicht die Hand gibt, wirkt das vielleicht unhöflich. Es entsteht der Eindruck, er will nicht zusammenarbeiten. Ich kann es nachvollziehen, wenn eine Lehrerin das so empfindet. Aber es muss keine Geringschätzung dahinterstecken. Es kann einfach ein Zeichen von Religiosität sein.“ In den meisten muslimischen Ländern gilt es als unsittlich, eine fremde Frau zu berühren. Dort wäre es, umgekehrt, ein Zeichen von Respektlosigkeit, ihr die Hand zu geben.
Ähnliches gibt eine Direktorin aus dem 15. Bezirk zu bedenken. „Gewisse Dinge bedeuten in einer anderen Kultur etwas anderes als bei uns. Ich sage einem Kind, es soll mich anschauen, wenn ich mit ihm schimpfe. Bei uns gehört sich das so. Aber ein türkischer Bub wird in dieser Situation eher zu Boden schauen, weil er zu Hause gelernt hat: Jemanden direkt anschauen ist provokant, respektlos. Er zeigt der Lehrerin also Respekt, sie empfindet das gegenteilig. Und gleichzeitig wundert sich der Bub, warum die Lehrerin von ihm eine respektlose Geste einfordert. Da kennt er sich einfach nicht mehr aus!“
Das Missverständnis kann schon beim Du-Wort beginnen. „Warum sagt ein Vater „Du“ zu einer Lehrerin?“, sagt eine Direktorin aus Hernals. „Vielleicht weil ‚Du’ in seiner Sprache anders verwendet wird? Oder weil man zu ihm, am Bau, auch immer ‚Du’ gesagt hat? Es gibt verschiedene Arten, Respekt zu zeigen. Wenn ich jemandem auf Augenhöhe begegne, wird der andere das auch tun.“
Zweiter Teil des Vorwurfs: Eltern sind laut Gesetz verpflichtet, „in allen Fragen der Erziehung und des Unterrichts eine möglichst enge Zusammenarbeit mit den Lehrern zu pflegen“. Manche genügen dieser Pflicht nicht – was ebenfalls als „Integrationsunwilligkeit“ interpretiert wird.
Eine Direktorin aus Favoriten sieht das exakt so. „Es funktioniert halt vieles nicht. Dass die Schulsachen beisammen sind, die Hausübungen gemacht werden, das Mitteilungsheft gelesen wird. Manche Eltern sind da völlig desinteressiert. Beim Elternabend macht man es ihnen klar – aber man sieht ihnen an: Sie hören gar nicht zu, es wird am nächsten Tag alles wieder genauso sein. Es ist halt praktisch, ein Kind den ganzen Tag vor den Fernseher zu setzen. Manche Kinder kommen am ersten Schultag, haben noch nie ein Buch angeschaut, können nicht Naseputzen, nicht einmal die eigene Muttersprache können sie richtig.“ Ob das mit der Herkunft zu tun habe? „Weniger mit der Religion. Eher mit der Bildungsschicht. Manche kennen das so aus Anatolien, jetzt sitzen sie nur mit anderen türkischen Mamas zusammen, können nach 20 Jahren immer noch kein Deutsch, leben hier vom Wohlfahrtsstaat, und meinen, das wird für die Kinder ebenfalls reichen.“
In anderen Favoritner Schulen kommt es ebenfalls vor, dass Hausübungen manchmal nicht gemacht und Mitteilungshefte nicht gelesen werden. Doch interpretiert wird es anders. Eine Kollegin sieht hier nicht Desinteresse, sondern eher Überforderung am Werk. „Ich hab das Gefühl: Manche bemühen sich, aber sie können einfach nicht verstehen, warum gewisse Sachen uns so wichtig sind. Weil sie selbst als Kind nie erlebt haben, dass man ihnen eine Geschichte vorliest, einen Ausflug macht, ins Museum geht.“
Auch eine Kollegin aus dem 15. sieht wenig Gleichgültigkeit. „Da sitzen Eltern vor mir und sagen stolz: ‚Mohammed soll Arzt.’ Denen versucht man zu erklären, dass man dafür rechnen lernen muss, gute Noten braucht, Matura, und dann auch noch studieren muss. Und dann schauen sie mich fragend an. Das ist nicht bösartig, da herrscht eher Ratlosigkeit, ein großes Unwissen darüber, wie alles hier funktioniert.“ „Beinahe alle bemühen sich im Rahmen dessen, was sie können. Aber wie soll eine Analphabetin bei den Hausübungen helfen?“ fragt eine Schuldirektorin aus der Brigittenau.
Viele Lehrerinnen wissen, dass sich Schulsitten in manchen Herkunftsländern von den hiesigen unterscheiden. In der Türkei ist es unerwünscht, dass sich Eltern in die Arbeit der Lehrer und Lehrerinnen einmischen. Das könnte eine gewisse Distanz erklären. Dazu kommt die Scheu, etwas zu tun oder zu sagen, das dem Kind schaden könnte.
Eine Hernalser Direktorin weist auf einen weiteren Faktor hin: „Manche Missverständnisse kommen auch daher, dass Eltern unsicher sind, wie sehr Schulen mit Polizei und anderen Behörden zusammenarbeiten.“ Bei Familien mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus, die womöglich aus repressiven Staaten geflohen sind, kann das viel Angst erzeugen. „Diese Ängste muss man mitdenken“, sagt sie. „Solchen Menschen müssen wir immer wieder klarmachen, dass alles, was sie in der Schule erzählen, unter uns bleibt. Dass es uns egal ist, wo und ob ein Kind gemeldet ist. Hauptsache, es kommt in den Unterricht.“
Mitunter ist es auch schlicht materielle Not, die sich hinter unverständlichen Verhaltensweisen verbirgt. Wenn Eltern etwa mit immer neuen Ausreden kommen, warum das Kind nicht auf die Schullandwoche oder den Ausflug mitfahren kann. „Manchmal werden sogar religiöse Gründe vorgeschoben. Bis man draufkommt, dass sie einfach kein Geld haben“, erzählt eine Lehrerin. Da gebe es nur ein Rezept: „Reden, reden, reden. Und Zuhören. Der Tonfall ist wichtig. Und das Fingerspitzengefühl. Soll ich ein heikles Thema gleich ansprechen, oder gebe ich den Eltern noch eine Woche Zeit?“
Den Direktorinnen, die sich auf Eltern einlassen, ist anzuhören, dass sie damit weiterkommen. Und manchmal gar Freude damit haben. „Das ist wie Beziehungsarbeit“, heißt es an einer weiteren Schule in Favoriten, „man redet ständig, vor allem übers Essen und andere Kleinigkeiten. Das baut sich über Jahre auf. Und wenn Eltern schließlich mit den seltsamsten Detailproblemen in die Schule kommen und einen um Rat fragen, ist man irgendwie stolz. Denn das zeigt, dass sie uns vertrauen. Die Kinder an unserer Schule sind oft schon in zweiter Generation da.“
Es sind verschiedene Stimmlagen, in denen die vielen Direktorinnen (und wenigen Direktoren) über das Thema sprechen: Forsch oder analytisch, jovial oder nachdenklich. Es komme darauf an, „dass sich Eltern beachtet und ernst genommen fühlen“, ist häufig zu hören. Dass man „verständnisvoll, aber beharrlich“ sein müsse, ebenfalls. Ein Sprichwort fällt in diesen Gesprächen viermal: „Wie man in den Wald hineinruft, so tönt es heraus.“
Nur von Strafen, von Sanktionen, redet keiner.
Was Direktorinnen übereinstimmend sagen: Dass die Muttersprachenlehrerinnen, die es an allen befragten Schulen gibt, einen riesigen Unterschied machen. „Die haben einfach einen anderen Zugang zu den Eltern, können manche Dinge viel glaubwürdiger erklären.“ Und dass es sehr hilfreich wäre, noch mehr Lehrerkollegen und –kolleginnen mit ausländischen Wurzeln zu haben, auch wegen der Vorbildwirkung.
„Man muss den Eltern und den Kindern zeigen, was alles möglich ist. Auch, dass man auf verschiedene Weise muslimisch sein kann“, sagt eine Direktorin aus der Brigittenau. „Zum Beispiel durften einzelne Kinder nicht zu Gratis-Konzerten mitgehen, weil deren Eltern meinen, Musik sei unislamisch. Deswegen singt jetzt der Islam-Lehrer mit ihnen im Religionsunterricht, um ihnen zu zeigen, dass das nicht so sein muss.“
Eine Lieblingsanekdote der FPÖ schließlich gehört eindeutig ins Reich der urbanen Legenden verwiesen: Die Geschichte von den muslimischen Mädchen, die angeblich massenhaft den Schwimmunterricht boykottieren. „Bei uns schwimmen alle“, heißt es in Favoriten; „bei uns schwimmen alle“, heißt es in Meidling, Simmering, Hernals und überall sonst ebenfalls. „Wir reden am Elternabend ausführlich darüber, aber am Ende haben wir noch alle überzeugt.“ „Man muss den Eltern erklären, dass Schwimmen lebensrettend sein kann, und dass es zum Lehrplan gehört.“ „Irgendeine Lösung findet sich immer, mit der alle leben können.“ „Einige schwimmen halt in speziellen Badeanzügen. Hauptsache, sie schwimmen.“
Nicht immer hat das Schwimm-Problem mit Religion zu tun. „Es gibt Eltern, die selbst nicht schwimmen können. Eltern, die panische Angst vor dem Wasser haben. Und welche, die haben einfach Angst um ihr Kind“, erzählt eine Lehrerin. In 15 befragten Schulen in sieben Wiener Bezirken bleibt am Ende der Hinweis auf ein einziges Kind, das tatsächlich den Schwimmunterricht boykottiert: es ist ein Simmeringer Bub, kein Muslim, dessen überängstliche Eltern mit Hilfe eines ärztlichen Attestes eine Befreiung erwirken konnten.
Eine Lehrerin aus Ottakring hingegen berichtet von einem türkischen Mädchen, das sich, trotz Totalausrüstung mit Schwimmflügerln und Schwimmreifen wochenlang nicht vom Rand des Babybeckens löste. „Beim vorletzten Mal traute sie sich. Und beim letzten Mal gab es Tränen, weil es vorbei war.“

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