Der jüngste Flugzeugabsturz erinnert uns an ein Grundprinzip unseres Zusammenlebens: Wie sehr wir drauf angewiesen sind, anderen zu vertrauen.

presse-kolumne

Morgen werden wir wieder aus dem Haus gehen und vertrauen. Darauf, dass uns niemand aus dem oberen Stockwerk einen Stein auf den Kopf wirft. Dass der Nachbar von gegenüber nicht mit einem Jagdgewehr samt Zielfernrohr am Fenster sitzt und auf den Moment gewartet hat, uns ins Visier zu nehmen. Wir vertrauen darauf, dass niemand heimtückische Sprengfallen im Rinnstein montiert hat, und uns kein Auto am Gehsteig niedermäht.
Überhaupt – der Verkehr. Keinen Schritt könnten wir uns fortbewegen, ohne Vertrauen darauf, dass alle anderen genauso gut funktionieren wie wir selbst. Der Querverkehr wird stehen bleiben, wenn die Ampel auf rot springt. Hinter dem Hügel wird nicht plötzlich eine Betonwand aufragen, die Straße wird weitergehen. Der Vordermann wird nicht rechts blinken und links abbiegen. Und aus den Parklücken werden keine Menschen herausspringen und sich uns vor die Stoßstange werfen. Vertrauensgrundsatz heißt das, er gilt auch im versicherungsrechtlichen Sinn. Nur für Kinder und offensichtlich unzurechnungsfähige Menschen gilt er nicht. Aber wir vertrauen darauf, dass der Mann, den wir da aus dem Augenwinkel heraus am Straßenrand gestikulieren sehen, nicht unzurechnungsfähig sein wird. Und wenn doch, vertrauen wir zumindest auf die Bremse.
Wir werden auch morgen wieder dem Paketboten die Tür öffnen, in der Gewissheit, dass er uns nicht überfallen, fesseln und ausrauben wird. Wir werden schicksalsergeben die Augen schließen und uns im Behandlungsstuhl nach hinten lehnen, wenn sich die Zahnärztin mit spitzen Instrumenten über unseren Mund beugt. Sie wird schon wissen, was sie tut, und wenn es weh tut, erfüllt es einen Zweck. Wir vertrauen darauf, dass der Koch im Beisl uns kein Gift ins Essen mischt, dass uns der Bademeister im Schwimmbad nicht absichtlich unters Wasser drückt, und dass die Kinder noch am Leben sein werden, wenn wir sie von der Schule abholen.
Überhaupt die Kinder! Wo wären wir da ohne Vertrauen! Wir werden ihnen an der Garderobentür des Kindergartens nachwinken, weil wir ziemlich sicher sind, dass die Pädagogen und Pädagoginnen dort keine sadistischen Gewaltverbrecher sind. Wir lassen sie schaukeln und unbeobachtet Fußball spielen und allein zum Billa gehen, im Vertrauen auf ihre eigenen Instinkte und auf den guten Willen aller anderen Menschen rundum. Wir vertrauen sie abends Babysittern an, von denen wir gerade mal den Vornamen und die Handynummer kennen. Und immer, immer geht das gut.
Wir vertrauen darauf, dass wir das für unsere Arbeit versprochene Geld tatsächlich bekommen (sofern wir nicht Tagelöhner sind, die am Arbeitsstrich stehen; dann wären berechtigte Zweifel angebracht). Dass wir unser Geld, das auf der Bank liegt, morgen noch abheben können. Dass die Verträge, die wir unterschrieben haben, halten. Und dass es Gerichte gibt, wo wir sie notfalls einklagen können, wenn jemand sie bricht.
In einzelnen Momenten, für einzelne Menschen kann es sein, dass sich dieses Vertrauen als voreilig herausstellt. Theoretisch ich ist es jederzeit möglich, dass wir Opfer einer hinterhältigen Täuschung, eines penibel geplanten Verbrechens oder eines Unfalls werden, theoretisch sind wir nicht einmal vor jenen sicher, denen wir am allernächsten stehen. Es kommt vor, dass Staaten, Währungen, Systeme kollabieren. Dass unsinkbare Schiffe sinken. Dass Menschen, die eben noch nette Nachbarn hatten, über Nacht entrechtet und von ihren Nachbarn gelyncht werden. Es kann auch nur eine Verkettung banaler Zufälle sein, die dazu führt, dass unser Leben von einem Tag auf den anderen zusammenbricht.
Aber wenn wir nächstes Mal ins Flugzeug steigen, werden wir wieder davon ausgehen, dass die Crew alles in ihrer Macht stehende tun wird, damit wir heil landen.
Vertrauen ist nämlich nicht dumm oder naiv. Es ist schlicht lebensnotwendig.

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