Wie definieren wir Arbeitsstunden? Wie grenzen wir sie vom Leben ab? Michael Häupl tut sich damit genauso schwer wie wir alle

Falter-Kommentar

Eine Wuchtel, die einen Nerv trift, bleibt picken. Genau so war das mit der Wuchtel des Wiener Bürgermeisters beim SPÖ-Parteitag vergangene Woche. „Wenn ich 22 Stunden arbeite, bin ich Dienstag Mittag fertig“: Dieser Spruch zielte auf eine der wichtigsten Konfliktlinien der modernen Arbeitwelt, und traf wie ein Blitz genau in den tiefen Graben, der dort klafft.
Auf der einen Seite dieses Grabens arbeiten die Stundenzähler. Angestellte, deren Arbeitszeit von einem Chip oder einer Stechuhr kontrolliert wird. Diese Menschen heißen „Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“. Sie erledigen ihre Arbeit „in der Firma“, wie man so schön sagt, bekommen Überstunden extra bezahlt, in der Regel mit Zuschlägen, und nennen es „Feierabend“, wenn sie am Ende ihrer Schicht nach Hause gehen.
Auf der anderen Seite des Grabens arbeiten alle anderen. Politiker wie der Bürgermeister, Journalistinnen wie die hier schreibende, Dönerbudenbetreiber und Nagelstudiobesitzerinnen, Berater und Maronibrater. Bei ihnen zählt nicht die Zahl der Arbeitsstunden, sodern das Ergebnis, und fertig ist man nie. Wir nennen diese Art zu arbeiten heute „atypisch“, doch historisch gesehen, ist sie eigentlich der Normalfall. Auch Jäger, Markstandlerinnen, Bäuerinnen und Handwerker arbeiteten halt, solang es notwendig war.
Heutzutage macht man sich gern über Stundenzähler lustig. Auch Michael Häupl konnte der Versuchung nicht widerstehen. Doch legt er damit gleich mehrere Missverständnisse bloß.
Erstens: Fünfzehn Stunden am Tag zu arbeiten ist, anders als der Bürgermeister meint, kein Grund, stolz auf sich zu sein, sondern eher ein Indiz für Überforderung. Wer nachts über der Buchhaltung sitzt; wer rund um die Uhr Aufträgen hinterherhechelt, hat schlecht kalkuliert und betreibt körperlichen Raubbau, um einen Fehler im Geschäftsmodell zu kompensieren. Häupl beschreibt – wohl unbeabsicht, aber sehr präzise – eine der größten Herausforderungen der neuen freien Arbeitwelt: Zu wissen, wann es genug ist. Grenzen zu setzen. Die Auszeiten, die einst von nächtlicher Finsternis, Winter und religiösen Feiertagen diktiert wurden, selbst zu definieren. Am eigenen Beispiel zeigt er, wie schwierig das ist.
Zweitens: Häupl übersieht, wie viel sich auch bei den „Stundenzählern“ in den letzten Jahren verändert hat. Auch bei ihnen ist der Druck gestiegen, immer mehr Leistung muss in immer weniger Zeit erbracht werden, immer mehr unbezahlte Vorleistungen und Bereitschaftsdienste werden vorausgessetzt. Diese Entgrenzung spürt die Verkäuferin, die nach Dienststschluss die Abrechnung erledigen muss, ebenso wie die Putzkraft, die Jungärztin und der Hotelkoch. Bloß sind diese darauf noch schlechter vorbereitet als Michael Häupl oder eine Ich-AG.
Drittens: Es gibt Arten von Arbeit, bei denen Anwesenheit tatsächlich ein Wert an sich ist, und wo man Leistung nicht am Ergebnis messen kann. Jeder, der mit Kindern, Kranken oder alten Menschen zu tun hat, weiß: Betreuung lässt sich nicht beschleunigen, Gesundwerden, Spielen, Therapieren, Lernen ebensowenig. Manches braucht einfach Zeit, Beziehung, Zur-Verfügung-Stehen. Tatorientierte Menschen mag diese Art Arbeit zermürben. Dennoch ist sie gesellschaftlich immens wichtig. Und braucht, anders als Häupl insinuiert, nicht weniger, sondern im Gegenteil noch viel mehr Anerkennung.
Womit wir, viertens, zu den Lehrern kommen, deren Arbeitszeiten, und dem konkreten Anlassfall dieser Geschichte. Hier fügen sich all diese Problemfelder und Missverständnisse zusammen.
Lehrer und Lehrerinnen, die ihren Job ernst nehmen, spüren die Entgrenzung ihrer Arbeit nämlich massiv. Der Druck, der auf ihnen lastet, ist gestiegen, die gesellschaftlichen Erwartungen an sie ebenso. Glechzeitig ist die herkömmliche Art, ihre Arbeit zu definieren, überholt. Da sture Zählen von Unterrichtseinheiten, plus Gangaufsicht und Supplierdienste, das Feilschen um Stunden und Minuten, die man „vor der Klasse“ stehen muss – das alles sind völlig untaugliche Methoden, um der tatsächlichen Leistung des Lehrens gerecht zu werden.
Alle zeitgemäßen Konzepte von Unterricht – und alle vernünftigen Schulreformideen -verlangen denn auch von Lehrenden nicht, dass sie „mehr arbeiten“. Sondern dass sie einen größeren Teil ihrer Arbeitszeit tatsächlich an der Schule verbringen. Dass sie die Kinder individuell im Blick haben, Verantwortung für ihren Lernerfolg übernehmen, mit ihnen den Tag verbringen, und für sie da sind, egal ob eben eine Glocke geläutet hat.
Selbstverständlich lösen sich hier alte Definitionen auf. Selbstverständlich bedeutet es, dass wir – die Politik genauso wie die Eltern – die Leistungen der Lehrenden ganzheitlicher würdigen müssen, inklusiver aller Aspekte, die man nicht in Stunden messen kann; wie Beziehung, Wertschätzung, Ansporn, Vorbild. Und selbstverständlich werden Lehrende dann noch viel besser lernen müssen, mit ihren Kräften hauszuhalten, Auszeiten zu definieren und Grenzen zu setzen.
Doch die gute Nachricht lautet: Bei diesem Lernprozess sind sie nicht allein. Da sind arbeitende Menschen alle dabei. Ich und der Bürgermeister auch.

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