Einige lautstarke Fundi-Eltern machen gegen den Sexualkundeunterricht mobil. Die Gefahr, die sie beschwören, entstammt jedoch ihren eigenen Köpfen.

für den „falter“

Am Anfang schwirren gekritzelte Blumen und Bienen über die Wiese. „Am Anfang war der Biologieunterricht“, hebt eine freundliche Männerstimme an. Aber die Blumen und die Bienen sind in Gefahr. Die Stimme schaltet deswegen einen bedrohlichen Unterton dazu: „Flächendeckend sollen in der Sexualerziehung neue Standards durchgesetzt werden“, sagt sie. „Das betrifft allein im deutschen Sprachraum 5,6 Millionen Kinder, die in Zukunft im Umgang mit Dildos, Liebeskugeln, Lederpeitschen oder Handschellen ausgebildet werden sollen.“
Schon in den Kindergärten werde mit der „sexuellen Früherziehung“ begonnen, „durch gegenseitiges Berühren und Doktorspiele“, um später Schulaufgaben gewachsen zu sein, wie etwa: „Wie richte ich ein Bordell ein, das Menschen aller sexuellen Neigungen gerecht wird?“ Mit den „langweiligen, oft einschläfernden Naturfilmen im Unterricht“ sei es vorbei: Sie werden künftig „durch das Sichten von Pornos ersetzt. Ab 12 Jahren.“
Und Eltern, die das nicht wollen? Die müssten sich vorsehen. „Wer diese Art des Unterrichts nicht gutheißt, kommt in Zwickmühle.“ Der Bleistift kritzelt Gitterstäbe. „Fernbleiben vom Unterricht ist strafbar“, sagt der Mann. „Wodurch auch Eltern die Möglichkeit bekommen, mit den Handschellen, die ihre Kinder im Unterricht verwenden, Bekanntschaft zu machen.“
Huch! kann man da nur denken. Was hat der Staat bloß mit unseren Kindern vor? Und wie wehrt man sich dagegen? Gut, dass neben dem Video gleich ein Protestbrief steht, zum Unterschreiben. 7500 haben das bereits getan. „NEIN zu schädigender Frühsexualisierung unserer Kinder!“, ruft eine Elterngruppe, die sich zur “Initiative wertvolle Sexualerziehung“ zusammengeschlossen hat. Sie macht auf allen Kanälen mobil, schreibt ellenlange Mails an Elternvereine. Der „christliche Lehrerverband Österreichs“, Teile der katholischen Kirche und FPÖ-Mandatare haben sich bereits angeschlossen. Kurz sah es so aus, als hätten sie auch Familienministerin Helene Karmasin auf ihrer Seite.
Zielscheibe des Protests ist Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek; Anlass ist ihr Erlass zur schulischen Sexualerziehung. Dieser sei „brandgefährlich“, sagen die Aufständischen, denn „die Eltern kommen darin kaum vor, Sexualität wird ausschließlich auf den Aspekt der Lust reduziert, und zentrale Begriffe wie Liebe und Familie fehlen.“ Tassilo Wallentin, Kolumnist in der Sonntags-Krone, erklärt es bildlicher: Künftig würden „erotische Selbstaufnahmen mit dem Handy“ auf dem Lehrplan stehen, und Sechsjahrige müssten sich „im Kreis von Gleichaltrigen über die Vorlieben und Probleme bi- oder transsexueller Menschen unterhalten müssen“. Damit es auch die Begriffsstutzigsten verstehen, nennt er die Ministerin „Heinisch-Hosex“.
Im Ministerium ist man, was Shitstorms betrifft, einiges gewöhnt. Dass von einer Mission beseelte Eltern mühsam sein können, weiß man ebenfalls. Doch man bemüht sich um Contenance. „Wir lassen uns nicht unter Druck setzen“, sagt die Pressereferentin. Ja, man bekomme eine Menge Mails und Briefe, allerdings von jener Sorte, der man gleich ansieht, dass sie organisiert sei – „da sind viele wortgleiche Textstellen drin.“ Es sei „eine laute, aber nicht sehr große Gruppe, die hier mobilisiert.“
Aber die Handschellen, Frau Bundesministerin? Die Lederpeitschen? Die Bordelle? „Humbug“, sagt sie. Die Kritiker mögen den Erlass, bitteschön, doch erst einmal lesen.
Der Erlass also. Nimmt man sich den zehnseitigen Text her, ist man zunächst ratlos. „Sexuelle Entwicklung ist Teil der gesamten Persönlichkeitsentwicklung“, steht da. „Sexualerziehung befähigt die Menschen, informierte Enthscheidungen zu treffen und eigen- und partnerverantwortlich zu handeln.“ „Der positive Körperbezug ist sowohl Voraussetzung für einen wertschätzenden und schützenden Umgang mit dem eigenen Körper, wie auch für den positiven Kontakt mit dem Körper eines anderen Menschen.“
Die geltende Richtlinie zum Sexualkundeunterricht wurde zuletzt 1990 aktualisiert. In den 25 Jahren, die seither vergangenen sind, hat sich das Internet als Massenkommunikationsmitel durchgesetzt, wurden Smartphones und Apps erfunden. Die Kinder von damals sind inzwischen selbst Eltern geworden, und es schien an der Zeit, die Richtlinie den Lebens- und Kommunikationsgewohnheiten heutiger Kinder anzupassen. Was ist dagegen einzuwenden? Wo ist das Problem?
Leni Kesselstatt ist eine der Initiatorinnen des Elternaufstands. Sie kann diese Frage gar nicht so leicht beantworten. „Der Entwurf erscheint – auf den ersten Blick in einer sehr harmlosen, unauffällig ausgewogenen Sprache abgefasst – völllig unverständlich“, schreibt sie in einem „Brief einer besorgten Mutter“. Doch das täusche. „Das ist Teil des Programms. Die hier verwendete Gendersprache soll offenbar nicht durchschaut werden. Denn was nicht durchschaut wird, kann auch nicht angezweifelt werden. Beschäftigt man sich jedoch intensiv mit dem Text, dann ist das eine wahre Sprengladung.“
Aber wo genau ist denn die Sprengladung? Wir erfahren es nicht. Denn Kesselstatt, eine eloquente, freundliche Frau, die in der Steiermark lebt, will mit dem „Falter“ nicht reden, speziell nicht mit der Autorin, „ich verfolge ja genau, was Sie schreiben.“ Sie sei „in erster Linie Mutter“, wie sie betont. Sie hat zwei Söhne. Sie sei misstrauisch geworden, sagt sie. Sie verspricht, auf schriftliche Fragen zu antworten. Doch auch das lässt sie dann bleiben.
Bleibt nur die Website, um die Gedankenwelt dieser Eltern zu begreifen. Klickt man sich durch die Artikel, Blogs, Links und Postings, wird deutlich: Sie wittern eine versteckte Agenda, ein von langer Hand geplantes globales Umerziehungsprogramm. Dessen Master Mind sei die Welt-Gesundheits-Organisation WHO. Ausführendes Organ die deutsche „Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA“ (die „ideologische Ausbildungsstätte der modernen Sexualpädagogik“, der man unterstellt, von Pädophilen beeinflusst zu sein). Ebenfalls dabei: Die International Planned Parenthood Federation (eine globale NGO, die sich für reproduktive Gesundheit einsetzt, hier bloß „die weltweit größte Abtreibungsorganisation“ genannt). Sowie die gesamte UN. Immerhin hielt die, vor 20 Jahren, in Peking eine internationale Frauenkonferenz ab.
Allesamt seien diese Institutionen durchsetzt vom „Genderismus“ – von einer Ideologie, die verhindern wolle, „dass Jungs Jungs sein dürfen, und Mädchen Mädchen“. Einer Ideologie, die den Kindern Trans- und Intersexuelle als Role Models aufdränge. Und das ultimatve Ziel verfolge, die Familie – als Einheit von Mutter, Vater, Kind – zu zerstören.
Weil der Gegner global, mächtig und gut vernetzt ist, stellt sich die Elternbewegegung ebenfalls grenzüberschreitend auf. Ihre Ideologen, immer gern zitiert, sind der Soziologe und Männerrechtler Gerhard Amendt sowie die Antifeministin Birgit Kelle (Autorin von „Dann mach doch die Bluse zu“ und „Gender Gaga“). Ihr Lieblingsmedium ist die Internetzeitung „Freie Welt“, die der AfD nahesteht. Der Schweizer„Tagesanzeiger“ nennt die dortigen Verbündeten: Die Plattform „Kid-care“ (die das eingangs erwähnte Video produzierte), sowie das von der rechtspopulistischen SVP unterstützte Volksbegehren „Schutz vor Sexualisierung in Kindergarten und Volksschule“. In der Schweiz scheiterte man. In Frankreich hingegen mobilisierte man erfolgreich für ein Nein zur Homo-Ehe.
Diese Leute fühlen sich als Teil eines großen Kriegs, der an vielen Fronten gleichzeitig geführt werden muss. Überall finden sie Puzzlesteine, die ins Bild der großen Verschwörung passen: Erlebnisberichte aus erster, zweiter oder dritter Hand; Bruchstücke aus Aufklärungsbroschüren; aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von Experten („Leider konnte ich die Quelle nicht ausfindig machen, habe dieses Zitat aber des Öfteren im Netz entdeckt“, heißt es dann.). Gudula Walterskirchen, Kolumnistin der „Presse“, erzählt ihren Lesern, in deutschen Kindergärten würden „Kuschelhöhlen eingerichtet, wo Kinder zur Masturbation ermuntert werden“, und „in Volksschulen Sexspielzeug verteilt“ – sie wisse das aus sicherer Quelle, die sie allerdings nicht verrät. Glaubwürdigeres wird von einer Bildungsmesse berichtet, dem ein Journalist undercover beiwohnte: Da zeigte die BZgA doch tatsächlich Stoffpuppen im Stil der „Seamstraße“, die Lutz und Lisa hießen! Bei Lutz waren ein kleiner Penis und Hoden dran! Und man konnte ihm sogar die Hose runterziehen, um den Penis anzuschauen und anzufassen!
Der Voyeurismus, der bei solchen Berichten mitschwingt, ist mal besser, mal schlechter verborgen. Etwa wenn, als Inbegriff für Sodom und Gomorra, immer wieder das 20 Jahre alte Aufklärungsbuch „Lisa und Jan“ zitiert wird (das nie für die Schule gedacht war). Es zeigt Zeichnungen mit Kindern, die sich spielerisch an die Geschlechtsteile greifen. Doch statt sich darüber zu freuen, dass diese Bilder seit 20 Jahren aus der Öffentlichkeit verschwunden sind, verbreitet die „Initiative wertvolle Sexualerziehung“ sie nun online, versehen mit einem rot umrandeten Warnhinweis: „Achtung, Pornographie!“
Die Assoziationskette der Aktivisten offenbart, wie absichtliches Missverstehen funktioniert. Aus „Kuschelhöhle mit Kissen und Matratzen“ wird „Masturbationshöhle“. Aus „einen kritischen Umgang mit Pornographie lernen“ wird „gemeinsames Pornoschauen“. Aus „Körperkompetenz erwerben“ wird die „Aufforderung, einander zu betasten“. Einem homosexuell empfindenden Kind zu sagen „Es ist okay, was du empfindest“, wird umgedeutet zu: alle Kinder schwul machen wollen.
Man könnte sagen: Wer Sex, Sex, Sex sucht, wird Sex, Sex, Sex finden. Was diese Eltern bekämpfen, findet in ihren eigenen Köpfen statt.
„Das sind doch alles Projektionen!“ sagt auch die Gesundheitspsychologin Beate Wimmer-Puchinger. Sie hat in diesen Tagen ein Deja-Vu, „wie eigentlich alle fünf Jahre, wenn dieses Thema wieder hochkocht“. Wimmer-Puchinger war schon in den Achtzigerjahren dabei, als der ebenso legendäre wie harmlose „Sexkoffer“ öffentlich diffamiert und schließlich versenkt wurde. Sie hat auch am aktuellen Entwurf der Bildungsministerin mitgewirkt. Fast alles rundherum habe sich verändert, seufzt sie, doch einiges gar nicht: Immer wieder diese Urangst mancher Eltern, sie könnten die Macht über ihre Kinder verlieren. Und immer wieder diese Urangst, die eigenen reinen Kinder würden erst von außen „sexualisiert“, indem man ihre neugierigen Fragen über Körperliches beantwortet.
„Man muss die Kinder wappnen! Sie haben ein Recht auf Wissen!“ sagt Wimmer-Puchinger, nein, sie schreit es beinahe in den Hörer. „Wie um Himmels willen können Eltern dagegen sein, dass ihre Kinder herausfinden, was gut für sie ist? Dass sie lernen, wie man Grenzen setzt? Und wie man nein sagt?“
Stefanie Vasold vom Verein „Selbstlaut“ kennt die Wissenslücken aus ihrer täglichen Arbeit. Bei ihren Workshops hat sie mit Kindergartenpädagoginnen zu tun, die ratlos sind, wie sie mit Selbstbefriedigung umgehen sollen. Mit Mädchen, die achtlos Nacktfotos von sich verschicken, ohne dran zu denken, dass sie sich damit erpressbar machen. Mit Jugendlichen, die auf Youporn Antwort auf das größte Mysterium von allen suchen: wie Sex geht. Selbst beim Thema Verhütung sind noch viel zu viele Fragen offen. Österreich hat bei den Teenager-Schwangerschaften eine der höchsten Raten Europas.
Eltern fehlen, selbst wenn sie sich bemühen, da oft die Worte. Deswegen nehmen die allermeisten professionelle Unterstützung von außen gern an. Zumal ja auch Kinder und Jugendliche, je älter sie werden, vieles lieber mit Außenstehenden besprechen als mit den eigenen Eltern. „Am liebsten mit uns, denn wir sind ja schnell wieder weg“, sagt Vasold. Diese Ressourcen müsse man ihnen zur Verfügung stellen.
So sieht man das auch im Ministerium. Man sichte derzeit die verschiedenen Stellungnahmen zum Sexualerziehungserlass, lässt man kühl ausrichten. Einige Anregungen werde man noch einarbeiten, bevor er im kommenden Herbst, mit Schulbeginn, in Kraft tritt. Alles wie geplant, alles ganz normal.
Und der Zorn, die Einwände? Etwa die Rolle der Eltern betreffend? Dass es in einem Erlass des Bildungsministeriums nicht darum geht, was zu Hause passiert, sondern, darum, was in der Schule passiert, sei logisch, heißt es. Doch um den Eltern zu zeigen, wie wichtig man sie nimmt, werden sie in der neuen Version ein paar mal öfter erwähnt.
Die Werte? „Es ist nicht Aufgabe der Schule, bestimmte Werte vorzugeben“, steht im Erlass. „Vielmehr soll Schule dazu beitragen, dass Kinder und Jugendliche befähigt werden, eigene Wertvorstellungen zu entwickeln“. Was eigentlich ganz im Sinn der zornigen Eltern sein müsste, die sich stets gegen „staatliche Indokrinierung“ wehren.
Und der Genderismus? Nun ja, der bleibt drin. Ziel ist die „Fähigkeit, (sexuelle) Beziehungen aufzubauen, die sich durch gegenseitiges Verständnis und Respekt für die Bedürfnisse und Grenzen des Gegenübers auszeichnen, und gleichberechtigte Beziehungen zu führen.“
Wer damit ein Problem hat, dem ist wohl kaum zu helfen.

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One Response to Sex, Lügen und ein Video

  1. birgiteglewinder sagt:

    Liebe Frau Hamann,

    Habe gerade Ihren Artikel gelesen und ich kann nur sagen: er spricht mir aus der Seele. War heute auf einer Veranstaltung der “ Familienallianz“, allen voran Frau Leni Kannstatt, die auf Hexenjagd bzgl. Uns – vom isp Dortmund- ausgebildeten SexualpädagogInnen geht. Es ist ungeheuerlich, was uns da alles vorgeworfen wird:

    “ bewusste frühkindliche Sexualisierung der Kinder auf Basis eines pädophilen Lehrplans des isp, Unterwanderung der Chritlichen Ideale durch die Sexualpädagogik der Vielfalt, verbote für die Kinder, über den Sexualunterricht zu sprechen..“ richtiggehende Verschwörungstheorien werden da entfacht..
    Ich empfehle jetzt wirklich jedem, den ich kenne, Ihren Artikel zu lesen. Sie bringen es einfach auf den Punkt!
    Herzlichen Dank dafür!
    Birgit Egle-Winder, Hebamme und Sexualpädagogin

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