In den USA nennt man es „white collar crime“: Bestechung, Korruption, Betrug. Dafür gelten, hier wie dort, andere Regeln als für gewöhnliche Kriminalität.

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Wenn die Kantonspolizei nicht in der berüchtigten Zürcher Langstraße vorfährt, sondern vor dem noblen Seehotel Baur au Lac, kommt es zu ungewohnten Szenen. Man kann beobachten, wie die Angestellten versuchen, im Morgengrauen Stil zu bewahren. Wie sie blütenweiße, gestärkte, gebügelte Leintücher als Sichtschutz gegen die Kameraleute aufspannen, während Tatverdächtige zu den Autos geführt werden. Nein, keine Maybachs mit Chauffeur, sondern schlichte Opel Corsas. Ausnahmsweise benützen manche distinguierte Gäste in dieser Situation sogar den Personaleingang.
Aus den Luxus-Daunen (3800 Franken kostet im Baur au Lac die Suite mit Seeblick) in die Arrestzelle der U-Haft: Wenn FIFA-Funktionären – oder Bankern, oder Hedge-Fonds-Managern – derartiges passiert, ist gar nicht leicht, den richtigen Tonfall zu finden, ohne in Häme abzugleiten. Die Assoziationsketten, die sich aufdrängen: Wie verhalten sich die feinen Herren wohl bei der Abnahme der Fingerabdrücke, bei der Leibesvisitation? Was in dem Wäschepaket drin ist, das ihnen für die Nacht ausgehändigt wird? Oder darf man dort drin weiter das Maßhemd tragen? Wer wohl die Zellengenossen sind, und wie das Frühstück schmeckt?
Umgekehrt fällt der Rollenwechsel auch den Betroffenen schwer, die es gewohnt sind, dass andere stets in Ehrfurcht erstarren. „Wie können Sie es wagen, mich so etwas zu fragen?“: Mit diesen Worten fuhr Jim Boyce, eben zurückgetretener FIFA-Vizepräsident, zornbebend die Reporter an. „Wissen Sie nicht, mit wem Sie es zu tun haben?“ Es klang, als wolle er hinzufügen: Was unterstehen Sie sich, uns alle hier wie ganz normale Kriminelle zu behandeln?
Womit wir beim entscheidenden Punkt sind. „Normale Kriminelle“, das sind üblicherweise Leute in Kapuzenpullis, abgewetzten Schuhen, grell-klobigen Sneakers oder Zuhälterfrisur. „Normale Kriminelle“ verüben Gewaltdelikte – Mord, Totschlag, Raubüberfall, Raufhandel, Vergewaltigung. Oder Vermögensdelikte mit überschaubaren Schadenssummen: Sachbeschädigung, Einbruch, Taschendiebstahl, Ladendiebstahl. Sobald jedoch bei der Schadenssumme ein paar Nullen mehr dranhängen; sobald man nicht mehr in Tausendern, sondern in Millionen rechnet, und sobald die Beute so umfangreich wird, dass die Täter sie nicht mehr mit bloßen Händen davontragen können, wechseln Kriminelle den Aggregatzustand. Passen nicht mehr ins Täterschema. Verfügen plötzlich über tausend Techniken, sich zu entwinden. Verstricken die Behörden in Tathergänge, die niemand mehr durchschaut. Beschäftigen hochbezahlte Anwälte, gegen die der Staat auf verlorenem Posten steht. Und kommen allzu oft davon.
Dieses Missverhältnis gibt es überall auf der Welt, und es wird immer ärger. In Großbritannien, berichtete jüngst die „Financial Times“, nimmt die Zahl von konkreten Hinweisen auf Betrugsdelikte, Korruption, Zinsabsprachen, Manipulation von Aktienkursen kontinuierlich zu. Gleichzeitig sank die Zahl der Angeklagen seit 2011 um ein Fünftel. Der Grund: Die Delikte werden immer internationaler und komplexer, gleichzeitig wurden den Ermittlern die Budgets massiv gekürzt. Sie kommen einfach nicht mehr nach.
In den USA wurde das MIssverhältnis in den vergangenen Jahren so augenfällig, dass weite Kreise der Bevölkerung das Vertrauen in den Rechtsstaat bereits verloren haben. Die Gefängnisse sind überfüllt von (mein schwarzen) Männern aus der Unterschicht, die Autos gestohlen oder Tankstellen überfallen haben, und dafür jahrelang einsitzen. Hätten sie es fertiggebracht, ihren Opfern nicht bloß 500 Dollar, sondern gleich ihre gesamten Ersparnisse, Häuser oder Rentenfonds abzunehmen – ihre Chancen, straffrei auszugehen, stünden weit besser.
Man muss den Schlag der amerikanischen Behördern gegen die FIFA auch vor diesem Hintergrund sehen. Er war ein Versuch, auf einer bereits gefährlich schiefen Ebene ein paar Zentimeter Territorium wettzumachen.

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