Ein Gespräch mit der Architektin Sabine Pollak fürs „Datum“

Was für eine tolle Wohnung!, denkt man sofort, wenn man hier bei der Tür reinkommt. Sabine Pollak lebt im vierten Wiener Gemeindebezirk, in einer großzügigen Altbauwohnung. Im Vorraum hängen Fahrräder von der Decke, Parkettboden durchzieht die Zimmerfluchten, in den Räumen farbenfrohe Möbel, Bilder und Gebrauchsgegenstände aus aller Welt. Man fühlt sich spontan wohl. Kein Wunder, könnte man sagen, ist Pollak doch vom Fach. Sie ist Architektin und Stadtplanerin.
Frau Pollak, was ist das Tolle an Ihrer Wohnung?
Dass wir hier verwurzelt sind, obwohl wir nicht hier aufgwachsen sind. Wir haben noch die Mutter der jetzigen Eigentümer kennengelernt, die war eine richtige feine Dame. Jetzt kümmern sich der Sohn und die Tochter ums Haus, und wir kümmen uns ebenfalls. Es ist ein großes Haus, mit vielen Wohnungen, aber zumindest zu einigen Leuten halten wir regelmäßig Kontakt, das ist das wichtigste.
Gibt es auch objektivierbare Kriterien für eine „tolle Wohnung“?
Dass es ein Altbau ist, spielt sicher eine Rolle. Große Fensterflächen, Flügeltüren, das Gefühl, viel Platz zu haben. Allein schon die Raumhöhe. Es macht einen Riesenunterschied, ob ein Zimmer 2,50 oder 3,50 Meter hoch ist.
Viele Wiener Altbauten, die Zinshäuser, waren früher Arbeiterquartiere, wo so viele Menschen wie möglich hineingepfercht wurden. Ich rätsle immer: Warum hat man damals nicht bei der Raumhöhe gespart?
Ich vermute, es hat damit zu tun, dass die Bauherren nach außen hin repräsentieren wollten. Und mit den damaligen Hygienevorstellungen. Man dachte, wenn oben Luft bleibt, breiten sich Krankheiten und Seuchen nicht so schnell aus.
Haben Sie immer so toll gewohnt?
Nein. Drei Jahre lang lebte ich allein mit meiner kleinen Tochter. In meinem Wohnhaus waren mir alle fremd. Noch dazu war da eine sehr böse Hausmeisterin, die mir ständig den Kinderwagen versteckt hat. Nirgendwo war Platz, ihn abszustellen, ständig gab es Ärger, weil er jemandem im Weg stand. Das war extrem mühsam und anstrengend.
Das heißt, die beste Lage und Aussicht nützen nichts, wenn einem der Nachbar das Wohnen zur Hölle macht?
So ist es. Ein Konflikt vergiftet den Alltag. Aber so brutal das jetzt klingt – zumindest ist noch ein Kontakt da, wenn es einen Konflikt gibt! Am schlimmsten ist es, wenn gar nicht kommuniziert wird. Wenn man nicht weiß, wer nebenan wohnt.
Menschen auf Wohnungssuche schauen sich die Lage, das Bad, die Heizung an. Aber niemand klingelt, um zu schauen, wer die potentiellen Nachbarn sind.
Weil es für die allermeisten Leute beim Wohnen ausschließlich ums Geld geht, notgedrungen. Wir sind privilegiert, dass wir uns die Wohnung überhaupt aussuchen können. Die meisten können sich nur eine einzige Frage stellen: Was kann ich mir grade noch leisten? Wohnen ist so teuer geworden, dass sich die Kriterien fürs gute Wohnen schnell von selbst reduzieren.
Aber was Sie als wichtig erwähnt haben, das Soziale, kostet ja eigentlich nichts.
Doch. Das liegt schon auch daran, wie gebaut wird. Kontakte sind einfacher, wenn es bauliche Voraussetzungen dafür gibt. Einen Hof, wo man sich treffen kann. Zwischenzonen zwischen den privaten Räumen und außen, wo man sich gern aufhält, und so man ein bisschen hinein- und hinausschauen kann.
Aus dem Fenster schauen – das war früher eine klassische Beschäftigung älterer Frauen. Da hab ich schon länger nicht mehr gesehen.
Wir haben einmal eine Seniorensiedlung geplant, mit einem überdachten Innenhof. Neben den Türen haben wir kleine Fenster angebracht. Da ist natürlich heikel, weil es mit Beobachtung zu tun hat. Aber gleichzeitig ist es wichtig, wenn man von draußen unkompliziert nachschauen kann, ob eh alles ok ist, oder vielleicht jemand am Boden liegt.
Was sind die schlimmsten Bausünden?
In den meisten neuen Häusern sind die Stiegenhäuser so eng, da will niemand länger stehen bleiben als unbedingt notwendig, jeder verschwindet so schnell wie möglich hinter seiner Wohnungstür. Oder in die Tiefgarage, rein ins Auto, und weg.
Warum wird so gebaut?
Der Gang ist das Allerteuerste beim Wohnbau, denn der kann nicht vermietet werden. Deswegen hält man ihn so schmal wie möglich. 1,50 Meter, also gerade noch rollstuhlgerecht, oder 1,80 Meter bei einer Tür. Wenn da ein Kinderwagen steht, kann ich mich grad noch vorbeiquetschen.
Wie kann man das anders machen?
Im Frauenwohnprojekt „Rosa“, das wir geplant haben, ist der Gang drei Meter breit, gut beheizt, schön belichtet, mit Sitzpolstern auf den Fensterbänken. Diese Zone ist extrem wichtig für die Bewohnerinnen. Dort kann man Kleinigkeiten aus der Wohnung auslagern, mit denen man ein bisschen von sich herzeigt. Dort kann man sitzen, dort spielen die Kinder, vielleicht kommten man ins Plaudern.
Aber Leute sagen ja wohl kaum: Dieses Haus hat so tolle Gänge, deswegen zieh ich hin?
Schwierig. Die meisten wissen solche Dinge tatsächlich nicht, bevor sie einziehen. Ist auch klar. Ich weiß ja auch nichts über Medizin oder Buchhaltung. Um Architektur müssen wir uns kümmern, und Immobilienentwickler müssen in Architektur investieren.
Sie sagen, wir sind Laien beim Wohnen? Obwohl wir es jeden Tag tun, seit wir auf der Welt sind?
Manche Leute muss man ein bisserl zu ihrem Glück zwingen. Das ist so ein Lieblingsthema von mir. In unseren Breitengraden hat man zunächst oft Angst vor Kommunikation, weil die Lärm macht, vielleicht stören könnte. Aber meiner Erfahrung nach wird sie irgendwann extrem wichtig. Vor allem wenn man allein lebt.
Das Wohnprojekt „Rosa“ steht im 22. Wiener Gemeindebezirk. Es ist keine Luxussiedlung, sondern Teil des geförderten Wohnbaus. Hier wohnen Menschen, die es normalerweise nicht leicht haben auf dem Wohnungsmarkt. Die meisten sind alleinstehend oder älter, doch es gibt auch WGs, Alleinerziehende und Großfamilien.
Was ist, außer den breiten Stiegenhäusern, bei „Rosa“ besonders?
Die Waschküche am Dach.
Am Dach??
Ja. Wäsche braucht viel Platz und Zeit. Deswegen hat die Wschküche den besten Platz bekommen. Normalerweise ist sie im Keller. Oder im Erdgeschoß neben dem Müllraum. Weil das die Flächen sind, für die es sonst keine Verwendung gibt. Der Gemeinschaftsraum ist auch oft dort. Und dann wundert man sich, warum ihn keiner nützt.
Aber in die „Rosa“-Waschküche geht man gern?
Und wie! Die Hochbeete sind gleich daneben, man kann in der Sonne sitzen, es ist die schönste Waschküche Wiens. Das war natürlich schwieirg zu argumentieren. Dass man ganz oben, mit Fernblick über die Stadt, keine Penthouse-Wohnung baut, die man teuer verkaufen kann, sondern einen Nutzraum, noch dazu für einen derart profanen Zweck.
Sie wollten damit wahrscheinlich etwas sagen.
Sicher. Dass Waschen wichtig ist. Dass es sichtbar sein soll. Und dass man es angenehm und schön haben soll, während man etwas Wichtiges tut.
Hat denn nicht jeder eh seine eigene Waschmaschine?
Nein, die Waschküche erlebt im Moment eine Renaissance. Die Waschmaschine kam aus Amerika und war ein Statussymbol, früher war es Standard, eine eigene zu haben. Aber die Wohnungen sind kleiner geworden, da macht es wieder mehr Sinn, eine zu teilen. Teilen ist überhaupt eines der großen Themen. Teilen und tauschen, statt kaufen. Maschinen. Autos. Gärten. Küchen. Wohnungen…
… Wochenendhäuser…
…klar, da will man eh nicht jedes Wochenende hin. Allein, wenn ich mein WLAN suche und sehe, dass jeder hier im Haus seinen eigenen Internetzugang hat und zahlt – ein Wahnsinn! Man müsste viel mehr Gemeinschaften gründen, sich auf viel mehr Ebenen solidarisieren, um den Monopolen zu trotzen.
Wohnst du noch, oder lebst du schon? So heißt der IKEA-Werbespruch. Er klingt gut. Aber wen man anfängt, drüber nachzudenken, wird immer unklarer, was er eigentlich bedeutet. Dass zwischen Wohnen und Leben ein Widerspruch besteht? Dass die Wohnsituation einen dran hindert, so zu leben, wie man eigentlich will?
Warum schauen neue Wohnungen meistens gleich aus? Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer?
Vieles schreibt die Bauordnung vor. Andere Dinge die Bauträger, die Genossenschaften, die aus ihrer Erfahrung heraus sagen: Eine Wohnung lässt sich nur verkaufen, wenn sie einen bestimmten Zuschnitt hat. Etwa: Sie braucht unbedingt einen geschlossenen Vorraum und ein versperrbares Bad. Das WC darf sich nicht direkt zum Wohnraum hin öffnen. Die trauen sich nur ganz selten über etwas anderes drüber.
Ideologie steckt da auch drin?
Klar. Mit jeder Wand, mit jedem Strich, den man aufs Papier zeichnet, legt man schon eine Norm fest, wie jemand zu leben hat.
Aber diese Norm ändert sich?
Natürlich. Jede Zeit hat ihre Vorstellung, wie Familie auszusehen hat. Für die macht man dann den passenden Wohnungsschnitt. In den Zwanzigerjahren baute man plötzlich viel für Alleinstehende, für arbeitende Frauen, für Studenten, für Paare ohne Kinder.
Gehen wir die Zimmer und deren Bedeutungsveränderung einzeln durch. Das Wohnzimmer?
Im klassischen bürgerlichen Haushalt war das die „gute Stube“. Ein Zimmer, das vom Vorzimmer aus betreten und geschont wird, eher zum Herzeigen als zum Benützen. 1957 wurde in Berlin das Hansaviertel gebaut, von Architekten aus der ganzen Welt. Der Finne Alvar Aalto kam mit ganz neuen Grundrissen und einem Manifest, in dem er die Demokratisierung des Wohnzimmers forderte. Es liegt bei ihm in der Mitte der Wohnung, von dort aus werden alle anderen Räume erschlossen. Im Wohnzimmer soll man sich tagsüber aufhalten, dort sollen die Kinder spielen und ihre Aufgaben machen, sagte er. Das war damals völlig neu.
Der wichtigste Raum in jeder Wohnung ist die Küche.
Ich sitze auch am liebsten in der Küche. Obwohl ich nicht koche.
Wie hat sich die historisch verändert?
Der Normalzustand war die offene Küche, wo alles stattfand. Im Arbeiterhaushalt sowieso; dort gab es ohnehin nur einen Raum. In den Zwanzigerjahren erfand Margarete Schütte-Lihotzky dann die minimale Einpersonenküche. Dort stand klassischerweise die Frau drin, mehr hätte gar nicht Platz. Das Essen reichte sie durch eine Durchreiche hinaus – das heißt, sie musste bei Tisch gar nicht teilnehmen und mitessen, es reichte, wenn sie kochte. Im Nationalsozialimus wurde die Küche dann wieder offen. Die Wohnküche war wichtiger Bestandteil der sogenannten „deutschen Wohnung“, weil sie interne Kontrolle ermöglichte. Am Küchentisch sollte sich die Familie dreimal am Tag versammeln…
… um den Volksempfänger herum…
…ja, das Hitler-Bild hing auch an der Wand. Und die Kinder sollten berichten, was sie erlebt und gehört haben. Die Idee war, dass man in der Siedlung ständig weiß, was den Nachbar macht, und ob er die richtige Gesinnung hat.
In der Kommunikation, die Sie sich wünschen, steckt also immer Kontrolle?
Natürlich.
Die Wohnküche, mit dem freistehenden Kücheblock mittendrin, ist heute wieder der letzte Schrei.
Ja. Heute geht das eher in Richtung Schauküche, für Repräsenationszwecke. Speziell für Männer ist das ganz wichtig. Der „Playboy“ hat 1957 ein Apartment für den alleinstehenden Mann entwerfen lassen, Hugh Hefner war sehr architekturinteressiert. Der Playboy war der einzige Typ Mann, der selber kochen durfte. Aber es war natürlich schon damals wichtig, dass das keine biedere Küche ist. Im Zentrum stand ein freistehendes Bar-Element, wo sich der Playboy einen Drink mixen kann.
Heute ist der freistehende Küchenblock Standard in jedem Ikea-Katalog.
Nicht nur bei Ikea. Es ist lustig, wie Bulthaup seine teuren Alu-Blöcke ausschließlich mit kochenden Männern bewirbt. Aber wenn Männer das brachen, um zu kochen, muss man das fördern! Da wird man sie ja nicht abhalten davon!
Österreich ist, stärker als vergleichbare Länder, ein Land der Mieter. Der starke Mieterschutz trägt wesentlich dazu bei. Dennoch ist der Traum vom Eigenheim, das man sich meistens als freistehendes Haus mit Garten vorstellt, lebendig wie eh und je. In Umfragen ist es die beliebteste Wohnform.
Waren Sie schon in der Blauen Lagune?
Klar.
Ws denken Sie dort?
Dass für mich ein Haus in der Vorstadt, mit Rasen und Hecke rundherum, ein sicherer Weg in die Trennung wäre. Wenn ich nicht rauskann, in die Stadt, in die Anonymität – die Beziehung, die ich führe, würde das kein Jahr überstehen.
Die Paare, die dort ihre Häuser planen, sehen das anders.
Hoffentlich klappts! kann man da nur denken.
Man glaubt, wenn das Haus erst einmal fertig ist, bleibt das Leben stehen.
Die Scheidungsraten steigen. Man wechselt den Arbeitsort, trennt sich, kommt wieder zusammen, lebt neben Ex-Partner und Kindern. Biographien verändern sich immer schneller. Aber gebaut wird immer auf hundert Jahre oder noch mehr.
Was passiert mit Einfamilienhäusern im Trenungsfall?
Fast immer bleibt eine Person drauf sitzen. Überimmt den Schuldenberg, der damit verbunden ist, und hat viel mehr Platz, als sie eigentlich braucht.
Was könnte man dagegen tun?
Es gibt kaum Pläne für teilbare Häuser, wo ich aus einer Wohneinheit zwei machen und einen Teil vermieten kann. Das ist extrem schwieirg, denn es braucht zwei Eingänge, getrennte Schachtsysteme, oder der untere Stock muss durch ein externes Stiegenhaus getrennt sein. Solche Dinge verteuern das Bauen extrem.
Und es würde bedeuten, noch vor dem Zusammenziehen schon die mögliche Trennung mitzubedenken.
Erzähl das einmal einem jungen Paar, für das du ein Haus planst! Wollts ihr das Haus nicht so bauen, dass ihr euch wieder trennen könnt?? Mein Partner hat das einmal für eine Kusine gemacht, und ihr einen Plan zur Hochzeit geschenkt. Da waren zwei Schlafzimmer vorgesehen, eins für sie, eins für ihn, aber schon davon fühlte sich das Paar brüskiert. Man denkt nicht an Trennungen. Man denkt nicht an Krankheiten. Man denkt nicht ans Alter. Man denkt nicht dran, dass man vielleicht einmal eine Dusche braucht, wo man ebenerdig einsteigen kann.
Lieber stellt man sich vor, man wohnt einmal in einer Alten-WG, und das wird so lustig wie früher in der Studenten-WG.
Ja, solche Sachen denkt man sich in intellektuellen Milieus aus. Wir ziehen, wenn wir alt sind, auf einen Bauernhof, machen dort unser Gemüse und betätigen uns ein bisserl künstlersch. Aber das gibt’s in der Realität kaum. Und funktioniert ganz selten. Wir haben einmal eine Alten-WG geplant. Einen großen Gemeinschaftsraum, von dem drei, vier Mini-Einheiten weggehen, jeweils mit eigenem Bad und eigener Mini-Küche. Klar ist: Ab einem gewissen Alter kann man sich kein Badezimmer mehr teilen. Und wird eigen.
Wir denken uns da eine ähnliche Phantasiewelt aus wie die blaue Lagune?
Es kommt im Alter, überhaupt im Leben, selten genau so, wie man sich’s vorgestellt hat. Und man kann Wohnen kaum so zu planen, dass für alle Eventualitäten vorgesorgt ist. Wir diskutieren das auch am der Uni immer so idealistisch: die offenen Systeme, die sich anpassen. Aber in Wirklichkeit gibt es nichts komplizierteres, als Wohneinheiten zu trennen oder zusammenzulegen. Die Heizungsrohre, die Stromkreise, die Berechnung der Fördersumme, die Anzahl der Garagenplätze – da hängt so viel dran!
Da wäre es einfacher, die Menschen würden öfter umziehen?
Ja. Wobei die Menschen ja an ihrem sozialen Umfeld hängen. In Alt-Erlaa zum Beispiel funktioniert das gut: Wenn eine Wohnung zu groß geworden ist, weil sich die Lebensumstände ändern, findet man sicher innerhalb der Siedlung eine andere, die passt.
Der Wohnpark Alt-Erlaa ist eine Satellitenstadt am südwestlichen Wiener Stadtrand, geplant von Harry Glück, gebaut in den Siebziger Jahren. 10.000 Menschen leben hier. Von weitem sehen die Wohntürme menschenfeindlich aus, doch sie sind ein viel zitiertes Beispiel für eine Siedlung, die gut funktioniert. Die Wohnzufriedenheit ist hoch, kaum jemand will freiwilig wegziehen.
Woran liegt das?
Schon auch am architektonischen Konzept. Die Wohnhäuser sind freistehende Scheiben, mit einem gut gestalteten Außenraum, der von vielen angenommen wird. Alles fließt durch, das ist viel offener als die meisten Gemeindebauten.
Im Gemeindebau gibt es aber alles, was Sie für wichtig halten: Gemeinschaftsräume, Höfe, wo man zusammensitzen könnte. Wenn man reinschaut, sind die meistens leer.
Ich bin einmal in den Karl-Marx-Hof durch ein Tor hinein, hab mein Fahrrad eh nur in den Hof geschoben, und sofort hat von oben einer runtergebrüllt: „Ausse mit dem Fahrrad!!“ Das sind scharf bewachte und kontrollierte Räume.
Warum?
Vielleicht, weil der Gemeindebau oft als Festung konzipiert ist. Vielleicht hat es auch mit einer sehr homogenen Bewohnerschaft zu tun, die das Gefühl hat, sie muss sich gegen Eindringlinge verteidigen. Die Gemeindebauten haben ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten. Die Stadt fürchtet sich ein bisschen vor ihnen. Deswegen müssen sie immer besonders betreut und moderiert werden.
Ich frag mich ja, warum die Leute die Höfe nicht intensiver nützen. Dort ihre Erdbeeren pflanzen oder Picknick machen.
Mich wundert das auch. In Barcelona, in den Innenhöfen der Sozialbauten, sieht man das viel öfter. Ich glaube, bei uns sind die Regeln schuld. Wenn die Hausordnung am Gang hängt, wo drauf steht, dass der Rasen nicht betreten werden darf, dann wird der Rasen nicht betreten. Die Menschen tun meistens, was ihnen gesagt wird. Ein belgischer Landschaftsplaner sagte: Jeder gepflegte Rasen ist tödlich. Deswegen hatte er in seinen Manteltaschen immer Samen von Wiesenblumen, und wenn er an einem Rasen vorbeiging, holte er sein Taschentuch heraus, als ob er er sich schnäuzte, um streute die aus. Ein früher Vertreter des Guerilla Gardening.
Wir gehen auf die Straße. Es ist die Margatenestraße. Eben hat ein neuer Bio-Supermarkt eröffnet, die Kunden kommen aus ganz Wien. Ein paar schicke Second-Hand-Läden gibt es. Aber schon zwei Häuserblocks weiter ist es ziemlich menschenleer.
Was macht eine gute Wohngegend aus?
Die Erdgeschoßzonen sind extrem wichtig. Wenn dort Garagen sind, wo nur ab und zu ein Auto rein fährt, ist der Raum tot. Öffentliches Leben und Kleinhandel hängen eng zusammen. Aber hier in der Umgebung funktioniert das leider gar nicht mehr. Wie man den Naschmarkt zugrundegehen lassen kann, ist mir ein absolutes Rätsel. Auch viele Geschäfte im Umkreis stehen seit Jahren leer.
Warum?
Die Mieten sind überteuert. Der Hausbesitzer liest im Immobilienspiegel, wie teuer die Quadratmeterpreise angeblich sind, und denkt sich – billig vermiete ich’s nicht, sondern lass es lieber leer, bis ich irgendwann vielleicht mehr kriege. Das ist ein großes Problem.
Aber was soll man tun, wenn Geschäfte zusperren?
Die Stadt müsste entweder viel Geld in die Hand nehmen, um Ansiedlungen zu fördern, oder sie müsste Garagen verbieten. Eventuell müsste man Leute ein bisschen umpolen und ihnen sagen, dass man auch im Erdgeschoß wohnen kann. Wenn ein Teil der Wohnung nach hinten hinaus geht, und wenn man es gut plant, funktioniert das. Wie in Holland. Aber leicht ist es nicht. Eine Zeitlang wurden Erdgeschoße gern von Architekturbüros genutzt, doch auch die ziehen inzwischen wieder aus. Weil es von unten her kalt ist, weil schlechte Fenster drin sind, frühere Schaufenster. Vom Licht her ist es schwierig. Und ständig schauen die Leute hinein. Was natürlich auch lustige Momente erzeugen kann.
Was fehlt Wien?
Wir waren eben auf Exkursion in Kroatien. Kleinstädte wie Split haben entlang des Wassers Orte, wo sich abends ganz selbstverständlich die älteren Leute treffen. Zum Kartenspielen oder einfach nur zum Reden. Das geht uns ein bisschen ab – der Wille, sich Plätze einfach anzueignen. Da gibt es viele Hindernisse, den Grant zum Beispiel. Wer einen Sessel auf den Gehsteig stellt, oder draußen etwas tut, das nicht vorgesehen ist, riskiert, dass er oder sie angestänkert wird.
Es klingt, als könnten Sie dem Dorfleben etwas abgewinnen.
Ja, das Dorfleben hat was. Obwohl ich nie in einem Dorf würde leben wollen. Und obwohl das, was wir das Dorfleben nennen, in den meisten Dörfern wahrscheinlich gar nicht stattfindet.
Kann die Stadtplanung etwas tun, um in der Stadt Dorfleben herzustellen?
Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist, Kommunikation zu ermöglichen. Mal ist zu viel Platz da, mal zu wenig. In Neubaugebieten ist es immer zu viel, und Landschaftsplaner stehen hilflos davor, verteilen ein paar Möbel und hoffen, dass damit irgendwas passiert.
Was braucht denn ein Platz, damit er lebt?
Einen angenehmen Belag. Schatten. Einen großen Tisch. Möglichkeiten. Ein Setting, das vorschreibt, was man tun soll, ist schlecht, da sind die Leute eher genervt. Besser, es entwickelt sich von selber.
In Neubaugebieten wie Aspern, wo eigentlich viel Platz ist, steht alles sehr eng beieinander. Warum?
Die Idee dort war, eine künstliche Dichte herzustellen, damit es urban wird. Das hat schon etwas für sich. Aber dass es jetzt unglaublich viele Balkone gibt, wo man immer von einem auf den nächsten schaut – das muss echt nicht sein, finde ich.
Offenbar gibt es Angst vor zu viel Platz?
Ja. Ich erzähle Ihnen eine Geschichte aus der Stadt Köthen in Sachsen-Anhalt. Dort wurde die Homöopathie erfunden. Die Stadt schrumpfte in den letzen 20 Jahren massiv, es gab furchtbar viel Raum, und die Leute waren ganz apathisch. Was können Stadtplaner da tun? Sie beschlossen: Wir machen alles noch schlechter. Sie suchten die am schlechtesten funktionierende Straße aus, und drehten dort abends das Licht ab.
Wie bitte?
Das folgte dem homöopathschen Prinzip. Ich glaub ja nicht dran, aber es besagt: Man verstärkt ein Symptom, in einer ganz kleinen Dosierung, damit der Körper reagiert und seine Abwehr, seine Heilkräfte mobilisiert. Genau das tat man in Köthen, indem man das Licht abdrehte. Alles war finster. Und siehe da: Plötzlich sind die Bewohner aufgewacht. Es gab einen Riesenaufstand, die Leute machten Versammlungen, beschimpften den Bürgermeister, begannen Forderunglisten zu schreiben, was Köthen alles braucht. So kam Bewegung in Gang. Das ist das wichtigste.

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