Eine Begegnung mit Dan Savage, dem wichtigsten, lustigsten, schönsten und ernsthaftesten Sex-Kolumnisten Amerikas. Und seinem Ehemann.

für den falter

Man könnte Dan Savage einen Guru nennen. Oder den „Dr. Sommer von Amerika“. Kaum jemand konnte in den vergangenen 30 Jahren in den USA aufwachsen, ohne einen Sex-Tipp von ihm bekommen zu haben, online oder live. Kein Hilfsmittel, kein Fetisch, keine noch so bizzare Stellung bringt ihn in Verlegenheit. Doch dann sitzt er da, schmal, schlaksig, die Schultern hängen ein bisschen, die Haare werden grau, ein entzückendes Grübchen am Kinn – und schaut aus wie der netteste Schwiegersohn von Suburbia. Wahrscheinlich gehört dieses Aussehen zum Erfolgsprogramm. Denn Savage, geboren in Chicago, wohnhaft in Seattle, ist ein Volkserzieher im besten Sinn des Wortes. Er tourt durch Colleges im ganzen Land, schreibt, spricht, tweetet, stets beseelt von einer Mission: Respekt für alle, egal welche sexuellen Vorlieben sie haben. Sein jüngstes Projekt ist die Mulitmedia-Kampagne „It Gets better“. Anlass war eine Selbstmordserie von von Schülern, die wegen ihrer Homosexualität gemobbt wurden.
Was wird besser, Dan Savage? Und besser als was?
Besser als jetzt. Ich sage den Kids: Was immer du als Erwachsener erlebst – es wird besser sein, als was du im Moment durchmachst. Du wirst dir die Menschen aussuchen können, mit denen du dich umgibst. Du wirst hinziehen, wo du akzeptiert wirst. Die Eltern werden dir nichts mehr vorschreiben können. Du wirst deine eigenen Entscheidungen treffen. Und jene, die dich jetzt quälen, werden unglücklich sein. Du wirst ein großartiges Leben haben – und das ist deine beste Rache.
Sind denn andere Kinder so grausam?
Oft sind die Eltern noch schlimmer. Wir waren bei einer Konferenz in Washington, da ging es um Mobbing durch Lehrer, durch Schüler. Ich musste ständig unterbrechen: Was ist mit den Eltern, die ihre Kinder mobben? Die kommen nie vor!
Wie bringt man Eltern dazu, ein Kind zu akzeptieren, das „anders“ ist?
Zeit. Und die Erkenntnis, dass sie ihr Kind nicht normal machen können, indem sie ihm die Akzeptanz verweigern. Solche Eltern verhalten sie sich ja wie Kleinkinder: Sie glauben, dass sie alles erzwingen können, wenn sie nur stur bleiben. Das macht man normalerweise im Trotzalter. Aber gute Erziehung heißt: Trotzanfällen nicht einfach nachgeben, nur damit man seine Ruhe hat. Genauso müssen Jugendliche auch ihre sturen Eltern erziehen. Wenn sie nachgeben – dem Thema daheim ausweichen, nie Freunde oder Freundinnen mitbringen – dann ermuntern sie die Eltern, immer so weiterzumachen.
Was sollten sie stattdessen tun?
Sagt Mutter oder Vater: Ich gebe dir ein Jahr Zeit. In diesem Jahr kannst du mich beschimpfen, mich alles fragen, was du willst, ich gebe dir Bücher zum Lesen. Am Ende des Jahres kannst du mich entweder akzeptieren, wie ich bin – oder ich ziehe mich von dir zurück. Die einzige Druckmittel, das Söhne und Töchter haben, ist ihre Anwesenheit.
Wenn man sich TV-Serien wie „Modern Family“ anschaut, könnte man aber meinen, Homosexuelle seien in den USA längst im Mainstream angekommen.
Ja. Aber es ist ja nicht so, dass Fernsehleute schwule Eltern in die Serien reinschreiben, und dann werden schwule Eltern akzeptiert. Sondern umgekehrt – es gibt immer mehr schwule Eltern draußen, das macht Druck auf die Bilder in den Medien.
Aber verglichen mit Ihrer Kindheit, haben es Kids heute wesentlich leichter?
Nein und ja. Es ist paradox. Es gab nie eine bessere Zeit, ein queeres Kind zu sein, als heute in Amerika – wenn du nette Eltern hast, Freunde, eine Schule, die dich unterstützt. Wen du hingegen mit Fundi-Eltern aufwächst, in einer christlichen Schule, in einem Nest in der Provinz, kann es heute schlimmer sein als früher. Dort werden heute Schwule als Bedrohung, als Feind gesehen, der die Gesellschaft untergräbt, und alles wird panisch nach verdächtigen Anzeichen abgesucht. Wenn du dort ein queeres Kind bist, ist dein Leben die Hölle. Dann sitzt du in der Falle.
Aber früher glaubte ein Kind, das nicht „normal“ empfand, es sei das einzige auf der Welt. Heute weiß es, dank Internet: Ich bin nicht allen.
Ja. Aber umgekehrt wussten damals auch die Eltern nicht, dass es eine Schwulenbewegung gab. Die Mitschüler auch nicht. Das gab einen gewissen Schutz. Früher konntest du ein verträumter Bub sein, oder ein burschikoses Mädchen, man hielt dich vielleicht für ein bisschen seltsam, aber man ließ doch in Ruhe. Der Schriftsteller David Sedaris, der im ländlichen South Carolina aufwuchs, erzählt das so. Er galt einfach als liebenswerter Spinner. Dem gings gut.
Dan Savage ist Aktivist und Journalist gleichzeitig. Man könnte sagen: Für Leute wie ihn wurde das Internet erfunden. Virtuos bedient er die Social-Media-Kanäle, setzt seine vielen Fans strategisch ein und versteht es, Shitstorms zu orchestrieren. Ihn zum Feind zu haben, kann böse ausgehen. Der erzkonservative republikanische Senator Rick Santorum hat das zu spüren bekommen. Als Rache für schwulenfeindliche Äußerungen rief Savage 2003 einen Wettbewerb aus, für das Wort „Santorum“ eine neue Bedeutung zu finden. Der Sieger unter zehntausenden Einsendungen wurde: „die klebrige Mischung aus Gleitmittel und Fäkalien, die manchmal Nebenprodukt von analem Sex ist.“ Die Kampagne ging als bestes Beispiel von „Coining“ (der absichtlichen Erzeugung einer Wortbedeutung) in die Mediengeschichte ein – „Santorum“ erscheint bis heute prominent in allen Suchmaschinen. Heute, da Rick Santorum sich erneut um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bewirbt, holt ihn das Analsex-Problem wieder ein.
Was ist normal?
Wenn ich College-Studenten sage: Schließt die Augen und stellt euch normalen Sex vor, kriegt man immer noch: Hetero, zwei Personen, Mann oben, verheiratet, empfängnisbereit. Dass alle diese Kriterien gleichzeitig zutreffen, ist in Wirklichkeit jedoch verdammt selten. Da kommt man drauf: Normal sind eher die Abweichungen.
Ist alles normal?
Das hängt davon ab, wie wie das Wort „normal“ verwenden. Ein bisschen Perversion steckt in jedem von uns. Alles, was zwischen zustimmenden Erwachsenen statfindet, ist okay.
Was ist nicht okay?
Manche Dinge kann man nicht verwirklichen, ohne Schaden anzurichten. Deswegen ist Sex mit Kindern absolut tabu. Andererseits: Ich war mit 15 sexuell aktiv, auch mit Burschen, die schon über 20 waren. Das war streng genommen sexueller Missbrauch, und strafbar. Aber ich hätte es nicht richtig gefunden, wenn man diese Burschen dafür jahrelang ins Gefängnis gesperrt hätte.
Ziehen Sie die Grenze zwischen okay und nicht okay heute anders als früher?
Man ist schnell dabei, das Verhalten von anderern abzuwerten. Das habe ich früher, als katholischer Bub, sicher mehr getan als heute. Aber dann beginnt man nachzudenken: Wem tut, was dieser Mensch tut, weh? Schadet es irgendjemandem? Meistens ist es in sexuellen Dingen ja so: Wir hören von etwas, stellen uns vor, wir selber müssten es tun, und rufen: o wie grauslich! Aber der Irrtum ist: Niemand sagt, dass du selbst es tun sollst! Du musst es auch nicht erregend finden! Du musst bloß dem anderen seine Freude lassen!
Ihre Toleranz hört bei Sex mit Leichen und bei Sex mit Tieren auf, haben Sie einmal geschrieben.
Ja. Wobei: Wäre ich ein Schaf, würde ich vielleicht lieber gefickt als gekocht. Wir können Tiere halt nicht fragen. Aber die Zoophilen würden so argumentieren.
Was finden Sie selber grauslich?
Als ich 16 war, hatte ich eine fünf Minuten dauernde Beziehung mit einem Typen, der meine Achselhöhle schleckte. Ich dachte damals: Das ist die abstoßendste Sache, die je ein Mensch getan hat! Heute ist das gar nichts. Ich lecke Terrys Achselhöhlen täglich.
Terry: Nein das, tust du nicht.
Dan: Das ist der Grund, warum er mich nicht zu Interviews begleiten will. Ich bin peinlich.
Terry: Du hast gelogen. Das tut man nicht.
Dan: Ich habe gelogen. Das tut man nicht.
Terry Miller ist einige Jahre jünger als Dan Savage; er schaut aus wie ein kalifornischer Beach Boy. Seit zehn Jahren sind die beiden verheiratet, vor 17 Jahren haben sie, als Neugeborenes, ihren Sohn D.J. adoptiert. Das ging sehr öffentlich über die Bühne, und wurde in dem amüsanten Buch „The Kid: What Happened After My Boyfriend and I Decided to Go Get Pregnant“ abgehandelt.
Wie lief das mit der Aufklärung bei Ihnen selbst? Woher wissen Sie, was Sie über Sex wissen?
Von Xaviera Hollander. Die war in den Siebzigern ein berühmtes Callgirl, schrieb die Autobiographie „The Happy Hooker“ und eine Kolumne in „Penthouse“.
Penthouse, das Hetero-Porno-Magazin?
Ja, das kauften meine großen Brüder, um sich die Bilder anzuschauen. Mich interessierten die Bilder nicht, ich las stattdessen die Artikel, am liebsten Hollanders Kolumne „Call Me Madam“. Man konnte Xaviera alles fragen. Nichts war zu abseitig, für nichts musste man sich schämen, alles wurde beantwortet, nichts verurteilt. Sehr hilfreich.
Wie kamen Sie noch an Informationen?
Ich hatte Glück. 1980, als ich 15 war, gab es in Chicago schon eine sichtbare homosexuelle Community und die erste schwule Buchhandlung. Dort schlüpfte ich rein und blätterte mit feuchten Fingern die Szenezeitschriften durch, „New York Native“, „The Advocate“. Das ganz Buch „The Joy of Gay Sex“ las ich so, stehend im Geschäft. Ich hätte mich niemals getraut, es zu kaufen.
Heute können Kids im Internet surfen, und erfahren alles. Beneiden Sie sie darum?
Natürlich ist das super. Jetzt kann sich ein einsamer 14jähriger in einem Nest in Montana mit DJs in San Francisco unterhalten, und sich als Teil einer Szene fühlen. Wir wollen mit unseren Videos ja ebenfalls an den Lehrern, Eltern und Priestern vorbei zu den Kids vordringen. Wir bringen die Selbsthilfegruppe, wo ihre Eltern ihnen verbieten hinzugehen, ins Kinderzimmer.
Die Sexwelt online wird immer spezialisierter. Ist das immer gut?
Klar! Bevor es das Internet gab, gab es noch keine „Furries“. Es gab bloß Menschen, die auf haarige Körper standen, und jeder von denen dachte, ich bin seltsam. Jetzt gibt es das Internet, man hat einander gefunden, hat einen Namen, und fühlt sich als sexuelle Minderheit. Zwar nur eine Minderheit von vielleicht 0.002 Prozent, aber egal! Das ist doch wunderbar!
Was hat die universelle Verfügbarkeit von Online-Porno verändert?
Es verändert die Erwartungen. Unser Sohn ist 17, natürlich beschäftigt uns das Thema. Es ist wichtig, den Kids zu sagen: Porno ist nicht Sex, und Sex ist nicht Porno. Porno ist okay, aber in Wirklichkeit läuft das nicht so ab. Man muss mit Burschen über die starke Aggression gegen Frauen reden, die in Porno meistens drinsteckt.
Wie?
Ich sag meinem Sohn: Porno wird von Männern für Männer gemacht, die selber keine Frau ins Bett kriegen. Diese Männer sind zornig gegen Frauen. Deswegen zeigt Porno, was diese Männer sich wünschen: Sie wünschen sich, dass alle Frauen, die sie abgewiesen haben, bestraft werden. Du bist keiner von diesen Männern, und du willst es auch nicht sein. Wenn du nett zu Mädchen bist, wirst du welche finden, die mit dir Sex haben wollen. Du hast keinen Grund, Frauen zu hassen.
Aber Sie akzeptieren, dass Ihr Sohn Pornos schaut?
Was kann man machen? Meine Eltern mochten es nicht, dass meine Brüder „Penthouse“ unterm Bett versteckten. Eltern mögen vieles nicht. Aber man kriegt den Geist nicht wieder in die Flasche zurück. Wir können nicht verhindern, dass Kinder Pornos schauen und grausliche Dinge zu sehen kriegen – das wäre weltfremd. Wir können nur schauen, dass sie damit umgehen lernen.
„Savage Love“ ist die bekannteste Sex-Kolumne Amerkas. Sie erscheint seit 24 Jahren, erst in der Stadtzeitung „The Stranger“ in Seattle, dann in der New Yorker „Village Voice“, heute in 70 Blättern im ganzen Land. Außerdem gibt es wöchentliche Video-Podcasts. Zwei Generationen von Amerikanern wurden von Savage aufgeklärt.
Wie kann man sich das Leben eines Sexkolumnisten vorstellen?
Ich lese Emails. Viele Emails.
Zu viele?
Aber nein! Ich liebe es, Mails zu kriegen! Was für ein toller Job! Leute erzählen mir ihr Sexleben! Seit die Technologie voranschreitet, kriege ich sogar immer aufwendigere Mails, nicht nur Worte, sondern Fotos, Videos! Das ist lustig!
Sie können die sexuellen Fragen der Menschen über einen langen Zeitraum hinweg beobachten. Wie hat sich verändert, was Menschen wissen wollen?
Vor dem Internet kriegte ich jede Menge Service- oder Definitionsfragen. Was ist ein Schwanzring? Wie geht Fisten? Wo ist ein Swinger-Club in meiner Gegend? Das war damals gar nicht so leicht herauszufinden, auch für mich. Es gab kleine Zeitschriften, Treffpunkte, Buchläden, wo kopierte Zettel auflagen, Mailinglisten. Jetzt googelt man das einfach. Es gibt eine Wiki-Seite über Schwanzringe und eine über Fisten, dafür braucht man mich nicht mehr.
Sondern wofür?
Situationsethik. Das ist viel schwieriger. Er hat das getan, ich habe jenes getan. Wer hat Recht? Bin ich ein schlechter Mensch, weil ich jetzt dies oder jenes empfinde?
„Was soll ich jetzt tun?“
Oja, das ist häufig. Menschen machen einen katastrophalen Fehler, alles fliegt in die Luft, und dann fragen sie mich: Was soll ich zu dem Partner, den ich belogen, betrogen, schlecht behandelt habe, sagen, damit alles wieder heil wird?
„Bin ich normal“?
Ein Dauerbrenner seit 25 Jahren!
„Wer ist Schuld?“
Ebenfalls. Und das, was ich Erlaubnisfragen nenne. Leute beschreiben mir die schrecklichen Beziehungen, in denen sie sich befinden, und man merkt: Eigentlich wollen sie das beenden, aber sie brauchen noch einen kleinen Stupser von außen. Oder Leute, die unbedigt etwas Sexuelles ausprobieren wollen, aber sich nicht trauen, und jemanden brauchen, der es ihnen erlaubt.
Das macht normalerweise der Priester.
Ja. Ich sollte Priester werden, als ich 15 war.
Was ist die kontroversiellste Frage?
„Darf ich fremdgehen?“ Ich sage da manchmal Ja, häufiger als früher. Aber viele Leser finden das ganz furchtbar.
Darf ich fremdgehen?
Unter bestimmten Bedingungen ist es okay. Es gibt Beziehungen, die grundsätzlich in Ordnung sind, aber seit zehn Jahren ohne Sex. Wenn einer nicht mehr mit dem anderen schlafen will, aber auch nicht will, dass der andere mit einem anderen schläft, dann sag ich: Geh und tu, was du tun musst, und sags halt nicht. Ficke jemand anderen, geh nach Hause, bleib verheiratet und sei nett zu deinem Partner. Es gibt so viele verschiedene Arten von Beziehungen. Es gibt Loyalität, Freundschaft, Elternschaft – so vieles, das es wert ist, zusammenzubleiben. Wir neigen dazu, Sex überzubewerten.
Es ist überraschend, das ausgerechnet von Ihnen zu hören.
Ja, man beschuldigt mich immer, Sex zu wichtig zu nehmen. Aber es doch umgekehrt. Wenn jemand sagt: Ich verlasse meinen Partner sofort, bloß weil er einen anderen fickt – dann nimmt der Sex doch noch viel wichtger?

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