Morgen, Donnerstag, beginnt der Ramadan. An manchen Orten der Welt ist das mehr, an anderen weniger spürbar. Es kann helfen, wenn man es weiß.

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Wenn Sie gläubige muslimische Nachbarn (und dünne Wände) haben, werden Sie vielleicht merken, dass die plötzlich früher aufstehen als sonst. Um 4.51 geht die Sonne auf. Bis zu diesem Augenblick müssen sie mit dem Frühstück fertig sein. Und das muss dann reichen bis 20.59, wenn die Sonne wieder untergeht.
Wir sind es in Europa schon länger nicht mehr gewöhnt, dass religiöse Pflichten unser Leben beeinflussen. Am Gründonnerstag gibt es in der Kantine Spinat, am Karfreitag Fischstäbchen, ansonsten beschränken sich die christlichen Spuren im Leben der meisten Österreicher auf Nikolosackerln, Weihnachtsgeschenke, Ostereier und die Tatsache, dass man Sonntags nicht einkaufen kann. In muslimisch geprägten Lädern ist das meist anders. Dort kann der Fastenmonat spürbar sein. Er schlägt sich in der Stimmung auf der Straße nieder, in den Konsumgewohnheiten, hat manchmal sogar politische Folgen.
Für die 8000 Menschen, die in pakistanischen Todeszellen sitzen, ist der Ramadan gut. Erst im Dezember hat das Land die Todesstrafe wiedereingeführt, und seither 150 Hinrichtungen vollstreckt. Bis die Fastenzeit vorbei ist, hat der Henker nun jedoch Pause.
Auch die Polizei hat im Ramadan weniger zu tun. In türkischen Städten etwa geht die Zahl der Morde, Überfälle und Autodiebstähle in dieser Zeit signifikant zurück. Zum Teil ist das auf den geringeren Alkoholkonsum zurückzuführen, zum Teil darauf, dass die Straßen nachts belebter sind – vielleicht hat es aber auch mit der Gottesfurcht der Kriminiellen zu tun.
Der Ramadan kann eine Chance auf Frieden eröffnen. Darauf hofft in diesen Tagen das vom Bürgerkrieg zerrissene Libyen. Zu Wochenbeginn bestiegen Vertreter der beiden rivalisierenden Regierungen in Tripolis und Tobruk, gemeinsam mit Abgesandten der wichtigsten Stämme, eine Chartermaschine nach Berlin, zu Verhandlungen. Man hat sich den Beginn des Ramadan als Deadline gesetzt. Es ist die letzte Chance, um das Land nicht endgültig an die IS-Terroristen zu verlieren.
Gegenteilig wirkt der Ramadan hingegen auf die Al-Shabaab-Milizen, die weite Teile Somalias kontrollieren. Sie kündigten dem Nachbarland Kenia zu Ramadan Attentate an, um den Abzug kenianischer Truppen zu erzwingen, speziell Schulen und Geschäfte nehme man ins Visier. Fanatiker scheint das Fasten noch reizbarer, noch entschlossener zu machen.
Die Mehrheit der weltweit 1,3 Milliarden Muslime ist derweil mit praktischen Fragen beschäftigt. Man lädt sich Apps herunter: Wann genau geht die Sonne auf? Wann geht sie unter? Und was wird alles auf dem Tisch stehen, wenn sie endlich untergeht, und Freunde und Familie um den Esstisch versammelt sind? In Großbritannien und Skandinavien, wo die Tage derzeit 19 Stunden dauern, mehren sich die Stimmen, die Fastenzeit auf ein erträgliches Maß (wie in Mekka) zu verkürzen. Saudi-Arabien kürzt, zwecks Schonung, die tägliche Arbeitszeit der Beamten auf fünf Stunden, stattdessen gehen die jedoch shoppen bis zum Umfallen. In Ägypten jagt tagsüber eine Kochshow die nächste, abends konkurrieren die quotenstärksten Serien. Die libanesische Metropole Beirut wird zur Ramadan-Partyzone. Während sowohl Geistliche als auch Ernährungsberater in allen Ländern eindringlich warnen: Nächtliche Völlerei tut nicht gut!
Gerechnet wird ebenfalls: 2,5 Prozent ihres Vermögens müssen gläubige Muslime jedes Jahr an Bedürftige spenden, bevorzugt im Ramadan; auch hierbei helfen Handy-Apps. Es ist eine gute Zeit für Hilfsorganisationen (mit mehr oder weniger politischer Agenda), und für Bettler.
Warum nebenan um drei Uhr nachts der Wecker läutet; warum der Kollege neuerdings den Kaffee ablehnt; warum der Lehrling keine Jause dabeihat: Nein, all das muss einen nicht unbedingt interessieren in einem laizistischen Land; genausowenig wie die Frage, warum die Kirchenglocken läuten. Aber es schadet nicht, es zu wissen.

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