Über Michael Glawoggers „69 Hotelzimmer“

Es war keine Tse-Tse-Fliege, sondern eine Malariamücke, die das Leben des großen Filmemachers Michael Glawogger abrupt beendete, im April 2014. Dennoch reißt es einen, wenn man in diesem Buch, einem posthum erschienenen Band mit Erzählungen, auf Geschichte Nummer 22 stößt. Die heißt „Tsetsefliege“ und spielt in der tansanischen Serengeti. „Manchmal war es nur der Blick eine lange Straße hinunter, der sein Herz höher schlagen ließ“, beginnt sie. „In der Ferne sah er eine Gruppe von Frauen, die sich am Straßenrand so elegant bewegten, als wäre das genau der Tag, auf den sie gewartet hatten.“
Wir wissen nicht, wer der Ich-Erzähler ist, den wir auf seinen Reisen begleiten, durch Afrika und Asien ebenso wie durch die Steiermark seiner Kindheit. Aber man kann sich unmöglich dagegen wehren, dass sich Glawogger selbst in die Szenen hineinschiebt, mit seiner bestimmten, unerschrockenen, und gleichzeitig so zarten und respektvollen Art. Wir beobachten also Glawogger dabei, wie er die Frauen in der Serengeti beobachtet. Wir folgen ihm, wie seine Gedanken abgleiten in Vergangenes, Noch-nicht-Geschehenes und anderswo Erlebtes. Was werden diese Frauen heute abend wohl tun? Was fürchten sie, wen lieben sie, und wovon träumen sie, wenn es finster wird?
Dieses Sprunghafte, Assoziative, das ganz in die Figuren hineinkriecht, und sich nicht davor fürchtet, wohin sie einen mitnehmen könnten – genau das machte auch die Faszination von Glawoggers Dokumentarfilmen aus. „Workingman’s Death“ begleitete Männer beim Schachten von Kühen in Nigeria, beim Zerlegen von Schiffen in Pakistan, beim Schleppen von Schwefelbrocken in einem indonesien Vulkankrater. „Whore’s Glory“ begleitete Frauen bei einer anderen Art von Schwerarbeit – in der Sexindustrie.
Die „69 Hotelzimmer“ nun sind 96 weitere Momentaufnahmen aus 96 möglichen Leben auf der Welt. Wir begegnen Bauern, Wäscherinnen, Taxifahrern, Flugbegleiterinnen, Priestern. Doku oder Dichtung? Spielt die Szene in Wirklichkeit oder in meinem Kopf? Das weiß man bei Glawogger nie. Genau das macht die großartige Verunsicherung aus, die er auslöst, mit seinen Bildern ebenso wie mit seinen Worten.
„Die Geschichten zeigen, wie die Maschine Glawogger funktioniert“, so formulierte es Herausgeberin Eva Manasse bei der Buchpräsentation – sie hat den Erzählungen, die er von seinen Reisen nach Hause mailte, den letzten Schliff geben. Man könnte es auch so sagen: Sie zeigen, die die Maschine Welt funktioniert.

Michael Glawogger: 69 Hotelzimmer. Andere Bibliothek.

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