Wenn in ganzen Stadtvierteln nur noch Touristen wohnen, macht Städtetourismus keinen Spaß mehr. Wo bleiben vernünftige Regeln für Vermiteungsplattformen wie AirBnB?

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Man erkennt sie sofort, in diesen Urlaubswochen in Wien. Die Pärchen oder Familien mit Rollköfferchen, die vor den Eingängen von Wohnhäusern stehen und suchend auf ihr Smartphone blicken. Man kann ziemlich sicher sein: Diese Touristen sind auf der Suche nach ihrer Unterkunft, die sie auf der Plattform AirBnB gebucht haben.
Dagegen ist wenig einzuwenden. Es gibt für Reisende eine Menge Gründe, lieber in einer Privatwohnung zu übernachten als in einem Hotel: Man hat mehr Platz. Man kann selbst kochen. Man wohnt nicht neben anderen Touristen, sondern inmitten normaler Leute. Man kommt deswegen schneller im lokalen Alltag an, taucht direkter ins Leben der fremden Stadt ein. Und fühlt sich damit total individuell (ein Bedürfnis übrigens, das alle Individualtouristen gemeinsam haben).
Auch aus Vermietersicht lockt vieles. Wer eine schöne große Wohnung hat, aber wenig verdient, kann sich mit dem Gästezimmer ein Zusatzeinkommen verschaffen, oder mit der Untervermietung der ganzen Wohnung den eigenen Urlaub finanzieren. Private Vernetzung, individueller Austausch, persönlicher Kontakt: In der Theorie ist das alles großartig. In der Praxis jedoch ist das angeblich private Geschäft (irreführend manchmal sogar „sharing“, also „teilen“ genannt), fest in gewerblicher Hand. In attraktiven Städten, wo Wohnraum knapp und teuer ist, werden immer mehr Wohnungen eigens zu Weitervermietungszwecken gekauft oder angemietet; oft von Leuten, die Dutzende davon haben.
Für die Nachbarn heißt das: ständig wechselbende Mitbewohner, mit denen man keine Beziehungen aufbauen kann; höhere Betriebskosten; manchmal (Berlin-Friedrichshain!) rund um die Uhr Party und Lärm. Für die Wohnungssuchenden in diesen Städten heißt es: Sie finden nichts. Wohnungen kommen nicht auf den Markt, weil es attraktiver ist, Kurzzeitgäste zu beherbergen, als sich mit Hauptmietern und ihren Rechten herumzuschlagen. Für die Kommunen heißt es schließlich: dass sie um viel Geld umfallen. Denn während AirBnB im fernen Kalifornien bei jeder Buchung 15% mitschneidet, kriegen jene, die für die städtische Infrastuktur sorgen, gar nichts. Nicht einmal Einkommenssteuern werden abgeführt. Die allermeisten AirBnB-Vermieter in Wien vermieten schwarz.
Soll man das alles also verbieten, ächten, abschaffen? Die Touristen zurück in die Hotels scheuchen, wo sie nach Meinung der Branchenvertreter ohnehin exklusiv hingehören? Berlin, eine der geplagtesten Städte, hat bereits die Notbremse gezogen, ein „Zweckentfremdungsverbot“ für Wohnungen erlassen, und schickt Fahndungstrupps zur Kontrolle los.
Doch das ist nicht der einzige Weg. Private Initiative und kleiner Nebenerwerb müssen nicht automatisch mit Schwarzarbeit, Steuerhinterziehung und Illegalität einhergehen. Man kann ihnen auch eine unbürokratische Registrierung anbieten, mit der einige Regeln, die Entrichtung kommunaler Abgaben und die ordentliche Versteuerung der Einkünfte einhergehen. Amsterdam, London und Paris haben mit AirBnB bereits direkte Vereinbarungen getroffen. Schwer ist es ja nicht, an die Daten zu kommen – schließlich ist die Buchungslage jedes Anbieters online für alle Welt einsehbar.
Wohin die Reise geht, sieht man dort, wo die AirBnB-Geschichte vor sieben Jahren begonnen hat – in San Franciso. Dort ist Wohnen mittlerweile so teuer geworden, dass Familien häufig nur noch in der Stadt bleiben können, wenn sie untervermieten. Erbittert wird eben darum gestritten, wie lange sie das tun dürfen: 120 Tage im Jahr? 90, 60, oder gar nur 30? Wichtig ist, dass sie überhaupt wohnen bleiben. Dass sie in der Stadt einkaufen, arbeiten, essen, spazieren gehen – statt wegzuziehen und vom Vermieten zu leben.
Denn spätestens wenn alle Innenstädte frei von Einheimischen sind, und Touristen nur noch einander auf die Füße steigen, werden sie festellen: Da hätten wir gleich ins Hotel gehen können.

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