Kleine Meldung, große historische Bedeutung: China schafft die Ein-Kind-Politik ab. Menschenrechtlich gesehen, war sie ein Desaster.

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Es war bloß eine unscheinbare Zeitungsmeldung: Die kommunistische Führung Chinas erwägt offenbar, die Ein-Kind-Politik abzuschaffen. Um zu ermessen, was das bedeutet, muss man sich an die Schneisen der Verwüstung erinnern, die diese Politik durch die chinesische Gesellschaft gerissen hat – psychisch, körperlich, gesellschaftlich. Hier ein kleiner Überblick.
Ideologisch gesehen, machte die chinesische Fortpflanzungspolitik Menschen zu Material, dessen Produktion man von oben, ganz nach Belieben, steigern oder drosseln kann. Während Mao Zedong den Frauen noch befahl, so viele Kinder wie möglich zu gebären (er sah das Heil in möglichst vielen Bauern, Arbeitern und Soldaten), drehte Deng Xiaoping die Priorität 1978 um: Er sah das Wirtschaftswachstum vom Bevölkerungswachstum bedroht, und befahl die Beschränkung auf ein Kind pro Familie. Die dahinterliegende Idee blieb dieselbe: Körper im Dienst der Nation.
Individuell bedeutete das: Fortpflanzungskommissäre führten Buch über den Zyklus jeder einzelnen Frau in ihrem Zuständigkeitsbereich. Alle paar Monate kommandierte man sie zum Ultraschall, um ihre Spirale zu kontrollieren. Jede Schwangerschaft musste genehmigt werden. Nicht genehmigte Schwangerschaften endeten mit Zwangsabtreibungen (bis kurz vor der Geburt) und Zwangssterilisierungen.
Sozial gesehen, entstand eine Kaste von Ausgestoßenen. Wer Geburten unter dem Radar durchschummelte, bezahlte das mit totaler gesellschaftlicher Ächtung, verlor Arbeitsplatz, Wohnung, Schulplatz, und musste sich auf die Wanderschaft machen. Während der Wirtschaftsboom immer mehr Möglichkeiten zu irregulärer Beschäftigung eröffenete, zogen diese Familien als Tagelöhner durchs Land, oft in Hausbooten an den Flüssen, ständig auf der Flucht vor der Obrigkeit. Sie bildeten das elende Subproletariat im Arbeiter- und Bauernstaat.
Auch auf das Geschlechterverhältnis hatte die Politik brutale Auswirkungen. Denn trotz Kampagnen beseitigte der Kommunismus nie das tiefverwurzelte Patriarchat und die Bevorzugung von männlichem Nachwuchs. Daher wurden nicht nur weibliche Föten in Millionenzahl abgetrieben, sondern auch weibliche Babies absichtlich vernachlässigt, in Waisenhäuser weggegeben (der Staat verdiente an jeder Adoption ins Ausland ein paar tausend Euro), ausgesetzt oder gar gezielt getötet.
Ergebnis ist heute eine fatale Schieflage: Auf 100 junge Chinesinnen kommen vielerorts 120 junge Chinesen. Millionen Männer finden keine Ehefrau. Was wiederum massive Gewalt gegen Frauen erzeugt. In rückständigen ländlichen Gegenden floriert der Mädchenhandel; junge Frauen werden gekidnappt, verschleppt, und als Bräute, Dienstmädchen oder Prostituierte weiterverkauft. Noch verwundbarer sind Frauen, die über die Grenzen aus Laos, Kambodscha oder Vietnam ins Land geschleppt werden.
Und schließlich versuche man sich folgendes vorzustellen: Was macht es mit einer Gesellschaft, wie wirkt es sich atmosphärisch aus, wenn sie beinahe ausschließlich aus Einzelkindern besteht?
Dass die KP-Führung heute die Prioritäten wieder umdrehen, ihre Untertanen wieder zur Fortpflanzung drängen will, hat mit all diesen sozialen Verwerfungen allerdings kaum etwas zu tun. Sie sorgt sich vor allem wieder um die ökonomischen Folgen der Ein-Kind-Politik, die heute zutage treten: Die Alterung der Gesellschaft ist in China noch dramatischer als in den westlichen Industrieländern. Es fehlt an jungen Arbeitskräften, und an Pflegern für die Alten.
Für die chinesische Politik gibt es nun allerdings ein böses Erwachen. Sie muss erkennen: So einfach geht das alles nicht. Schon für jene Bevölkerungsgruppen, denen man seit mehreren Jahren Zweitkinder erlaubt, wurden die Kontingente bei weitem nicht ausgenützt. Die Anträge bleiben weit unter den Erwartungen.
Man kann Menschen den Kinderwunsch offenbar mit Gewalt austreiben. Aber ihn mit Gewalt wiedererwecken? Keine Chance.

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