Eine Flucht raubt Menschen nicht nur ihre bisherige Existenz, sondern auch ihre Würde. Erstere kann man ihnen nicht zurückgeben, letztere schon.

presse-Kolumne

S. und T. waren Nachbarn von Kindheit an. Sie kannten einander gut, ehe sie beschlossen, ihr Leben miteinander zu verbringen. Bei ihrer Hochzeit gab es eine zweistöckige Hochzeitstorte. Sie standen an diesem Tag unter einem seidigglänzenden grünen Baldachin. Der Bräutigam, mit einem hübschen Grübchen am Kinn, trug eine goldbraune samtene Jacke. Die Braut, in gestärkter weißer Spitze, hatte ein Medaillon um den Hals, knallrote Lippen und sehr viel Kajal um die dunklen Augen. Sie waren ein schönes Paar. Sie lebten in einer Kleinstadt, besaßen dort eine Wohnung. S. führte ein Lebensmittelgeschäft mit angeschlossenem Handyshop. Innerhalb weniger Jahre bekamen sie vier Mädchen und einen Buben.
Heute ist die Kleinstadt verwüstet. Das Lebensmittelgeschäft existiert nicht mehr. Aber die Fotos von der Hochzeit hat S. immer noch auf seinem Samsung-Handy. Er trug sie bei sich, während sie – zwei Kinder auf dem Arm, drei an der Hand – wochenlang, teilweise zu Fuß, durch sechs Länder zogen. Während sie an der türkischen Küste in ein Schlauchboot stiegen, und plötzlich nackte Angst sie packte. Auch noch, als sie schließlich erschöpft, dreckig, hungrig vor dem Budapester Keleti-Bahnhof auf einer fleckigen Luftmatratze lagen. Da hatten die Mädchen schon verfilzte Haare, der Bub Husten, das Baby keine Windeln mehr, die Eltern bloß noch ein paar kleine Scheine in der Tasche und einen leeren Blick.
Niemand war da, den sie um Rat oder auch nur um eine Fahrplanauskunft hätten fragen können. Passanten hielten sich fern oder schickten angewiderte Blicke. Wenn Polizei oder Straßenreinigung sich näherten, dann bloß, um die Luftmatratze mit einer schroffen Fuß- oder Stockbewegung beiseitezuschieben. S. und T. mussten sich anstrengen, sich dran zu erinnern, dass sie einmal die stolzen, schönen, respektierten Menschen auf den Handy-Fotos gewesen waren.
Was war es genau, das Ungarn so unterträglich machte, für S. und T. und ihre Kinder? Für Menschen, die schon einiges an Krieg und Gewalt erlebt hatten? Wer vergangene Woche die Gelegenheit hatte, einige der durchreisenden Flüchtlinge näher kennenzulernen, ahnt: Es war nicht nur die materielle Not, die sie derart verzweifeln ließ. Es war auch eine Frage der Würde. Es sei ihnen bewusst gewesen, erzählt S., dass sie durch arme Gegenden reisten. Dass an vielen Orten die Ressourcen fehlten, um ihnen zu helfen – in der Türkei, in Griechenland, in Mazedonien, in Serbien. Doch beinahe überall habe man sie zumindest offen angeblickt, gegrüßt, freundlich, manchmal sogar mit Mitgefühl.
Erst in Ungarn, sagt er, hätten sie sich gefühlt „wie Tiere“.
Tatsächlich sah man auf Pressefotos der vergangenen Woche ungarische Sicherheitskräfte, die Handschuhe und Mundschutz trugen, sobald sie mit Flüchtlingen zu tun hatten. Offenbar war das eine Direktive von oben, um zu signalisien: Wir halten euch für unrein. Ihr schleppt uns unbekannte Krankheiten und Seuchen ins Land. Kommt uns bloß nicht zu nah.
Reden kann man mit Mundschutz auch nicht gut. So wie die Kommunikation der ungarischen Behörden generell nicht vom Willen zeugte, von den Flüchtlingen auch verstanden zu werden. Im Gegenteil: Aus mehreren Aktionen konnte man die Absicht und den Willen herauslesen, sie gezielt in die Irre zu führen, sie in Fallen zu locken, zu demütigen. Sogar bei der Ausreise noch schickte man, wie der Schweizer „Tagesanzeiger“ schrieb, viele erst ohne Tickets in die Züge – um sie dann im Zug zu rügen und saftige Strafzuschläge zu kassieren. Es schien, als wolle man Flüchtlinge mit Nachdruck zu jenen zwielichtigen, halbkriminellen Subjekten machen, zu denen man sie von Anfang an erklärt hatte.
S. und T. sind, wie so viele, vor ein paar Tagen nach Deutschland weitergereist. Weil sie dort auf rechtlichen Schutz hoffen, und auf Wiederherstellung ihrer Würde. Hoffentlich geht es ihnen gut.

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