Wir können uns aus der Welt nicht ausklinken. Die Flüchtlinge sind da, und wir werden mit ihnen leben. Je früher wir das kapieren, desto besser.

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Die Weltpolitik ist also physisch bei uns angekommen. Die Kriege in Syrien, im Irak, in Afghanistan, in Somalia. Die zerrütteten Staaten. Die wirtschaftlichen Nöte. Die ökologischen Katastrophen. Sie sind hier angekommen, in Gestalt von Menschen.
Das ist weder ein Grund zur Freude, noch ein Grund für Lamento. Es ist einfach so. Man kann mit dem Fuß stampfen und „Ich will das nicht!“ schreien, aber das wird nichts nützen. Wir sind keine Aliens, die sich, wenn sie Lust haben, einfach in ihr Raumschiff zurückziehen und aus der Welt ausklinken können. Wir sind Teil dieser Welt. Wir haben unseren Anteil an ihren Reichtümern und Konflikten und Ungerechtigkeiten. Deshalb müssen wir mit den Folgen umgehen.
Niemand darf behaupten, dass das alles ganz einfach wird. Oder dass man nur abwarten braucht, und sich schon alles irgendwie von selber regelt. Nein, wir werden etwas tun müssen. Nach diesem wunderbaren Spätsommer der Hilfsbereitschaft wird ein Herbst kommen, ein Winter. Es wird schnell kälter werden, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Ein paar Tage lang wird es noch reichen, Regenschutz, Iso-Matten, Schlafsäcke, warme Suppen und Hustensaft herbeizuschaffen, und die alten Winterjacken aus den Kleiderschränken hervorzukramen, die wir eh schon längst loswerden wollten.
Aber schon bald werden wir mehr brauchen. Wohnungen, Lehrstellen, Schulplätze, Arbeit. Wir werden Schuldirektorinnen brauchen, die sich um mehr kümmern, als als sie müssen. Sachbearbeiter auf Ämtern, denen unkonventionelle Lösungen einfallen. Großzügige Hausherren. Musik- und Sportvereine, die auf Fremde zugehen. Unternehmer, die bereit sind, sich auf junge Leute einzulassen, auch wenn sie keine Zeugnisse vorzeigen können. Nachbarn, die sich einmischen, ohne direkt darum gebeten zu werden.
Ironischerweise werden wir uns dabei mit jenen Menschen leichter tun, die hierzulande abfällig als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abgestempelt werden. Immerhin sind das Menschen, die ihr bisheriges Leben in voller Absicht hinter sich gelassen haben, mit dem Entschluss, in der Fremde neu anzufangen. Das setzt Mut und Energie voraus, und ein gewisses Maß an Frustrationstoleranz. Die hungernden Iren, Italienern oder Burgenländer, die nach Amerika aufbrachen; die Inder, die als Lebensmittelhändler nach Kenia und Südafrika zogen; die Polen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ihre Handerwerkerqualitäten nach England brachten; oder die Chinesen, die heute im arabischen Raum ihre Wäschegeschäfte führen: „Wirtschaftsflüchtlinge“ waren, lange bevor das Wort erfunden wurde, der Motor der Globalisierung. Heute halten sie, mit ihren Überweisungen über alle Kontinente hinweg, die Weltwirtschaft zusammen. Was sie, jenseits aller Unterschiede, miteinander verbindet: Sie haben ihr Schicksal selbst in die Hand genommen.
Bei jenen Menschen, die man „echte“ Kriegsflüchtlinge nennt, ist das ein bisschen anders. Die Syrer, die wir dieser Tage kennenlernen können (wenn wir denn wollen) hatten ein Leben daheim, oft sogar ein gutes. Sie haben es nicht freiwillig hinter sich gelassen. Sie hatten Familie und Firma, Karrieren und Häuser, Beziehungen, Freunde und Pläne. Der Krieg hat ihnen alles kaputtgebombt. Wer weggeht, weil er muss, nicht weil er will – der trägt schwer am Verlust, oft auch an traumatischen Erlebnissen. Hadert, trauert. Muss sich an einem neuen Ort einrichten, den man sich nicht ausgesucht hat. Das zu bewältigen, ist eine große Leistung, ökonomisch, sozial, emotional. Auch damit werden wir umgehen müssen.
Was dabei helfen wird: Geduld, Klarheit, Empathie, Information, Pragmatismus, Pragmatismus und nochmal Pragmatismus. Was uns gar nicht helfen wird: Angst, Rechthaberei, Vorschussmisstrauen, Gerüchte, Neid und bösartige Unterstellungen.
Wir haben einiges vor.

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