Der Hindernisparcours, den Europa seinen Flüchtlingen aufzwingt, ist menschenverachtend und ungerecht.

Ein Kommentar für den Falter

Beginnen wir mit einem Gedankenexperiment. Ein paar Wochen ist es her, dass Sie die Hoffnung auf ein Ende des Kriegs in Ihrem Land aufgegeben haben. Sie haben das Letzte, das von Ihrem Leben noch übrig war, verkauft – ein Auto vielleicht, ein Geschäft, ein Grundstück (viel bekommt man dafür nicht, wenn alles rundherum in Trümmern liegt), und sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. Mehrere lebensgefährliche Situationen sind inzwischen überstanden, fast alles Geld ist für Helfer und Betrüger draufgegangen, die Kräfte gehen zu Ende, die Schuhe sind durchgelaufen, als Sie endlich zur serbisch-ungarischen Grenze kommen.
Aber in dem Moment geht das Tor zu. Sie sind ein paar Stunden zu spät dran. Das heißt: Wieder Aufbruch, neue Route Kroatien, neue Grenzen, neue Uniformen, neue Regeln, es wird immer kälter in der Nacht, und eins der Kinder hustet schon stark. Kein Weg zurück, denn dort haben Sie ja gar nichts mehr. Und die quälenden Selbstvorwürfe beginnen. Hätte ich mehr aufs Tempo drücken sollen? Die Cousins, die Kleinkinder trugen und daher viel langsamer waren als wir, in Mazedonien zurücklassen? Hätten wir im Schlauchboot noch mehr Risiko nehmen müssen? Mehr drängeln, im Bus, im Zug, an der Grenzstation, um ganz vorn dabei zu sein?
Man fühlt sich beschämt bei solchen Gedanken. Man denkt dran, wie schnell bei uns ein bisschen Stress die hässlichsten Seiten der Menschen hervorholen kann. Wie es in der Schlange vor der H&M-Kassa zugeht. Wie zackig feine Damen die Ellbogen ausfahren, wenn sie im Burgtheater um die letzten Plätze kämpfen. Verglichen damit ist es unglaublich, wie viel Geduld und Solidarität der transeuropäische Flüchtlingstreck uns in den vergangenen Wochen vorgeführt hat: Wie sie sich anstellen. Wie sie einander tragen helfen. Wie sie Informationen weitergeben. Wie sie drauf schauen, dass keiner verloren geht. Gemessen an dem existenziellen Stress, dem diese Menschen ausgesetzt sind, kann man nur sagen: Ein Wunder, dass da kaum jemand je die Nerven wegschmeißt, und Angst so selten in Aggression umschlägt.
Dennoch kommt einem gleichzeitig zu Bewusstsein, wie grausam das Sortierungsprinzip ist, das Europa hier auf seine Flüchtlinge anwendet. Das Prinzip heißt: Darwinismus pur. Survival of the Fittest. Der Stärkere kommt durch.
Jedes neue Hindernis, das diesen Menschen in den Weg gestellt wird, verlangt ihnen Entscheidungen ab. Wagt man die Überfahrt, auch bei rauem Seegang? Wer kriegt die Schwimmweste? Soll man in einen vollen Waggon hineindrängen, auf die Gefahr hin, anderen weh zu tun? Wen hält man an der Hand, wenn es gefährlich wird, wen lässt man im Stich, um selber weiterzukommen? An jedem einzelnen Hindernis zögern die Rücksichtsvolleren länger als die Skrupelloseren, und tun sich die Verletzlichen (und Verletzten) schwerer als die Fitten. Über das Ausmaß der individuellen Verzweiflung sagt das manchmal etwas aus. Über das Ausmaß der individuellen Schutzbedürftigkeit jedoch nicht.
Nach innen hat Europa das darwinistische Denken längst überwunden. Wir sind stolz auf unsere Sozialstaaten, unsere Gesetze, und darauf, dass bei uns nicht immer der Stärkere gewinnt. An unseren Grenzen hingegen lassen wir Darwin freien Lauf. Das gilt sogar für Deutschland, das sich in dieser Krise von seiner humanitärsten Seite zeigte. Wer böswillig ist, könnte sagen: Es bekräftigte das Ausleseprinzip sogar. Deutschlands Botschaft an die syrischen Flüchtlinge lautete in etwa so: Wir kennen die Hürden, die zwischen euch und uns stehen (Wellen, Stacheldraht, Ausbeuter, Grenzen, Hitze, Lager, Demütigungen, Soldaten, Schlepper). Wir werden sie euch nicht wegräumen. Aber lauft doch mal los. Wir warten hier und schauen, wer von euch durchkommt und als erstes hier ist. Wenn es irgendwann dann zu viele sind, machen wir wieder zu.
Dieses zynische Prinzip muss durchbrochen werden. Am besten mit einem großangelegten Resettlement-Plan, wie ihn der Think Tank „European Stability Initiative“ (ESI) dieser Tage in Brüssel bewirbt. Im Kern geht es darum, dass Deutschland jene 500.000 syrischen Flüchtlinge pro Jahr, die es aufzunehmen bereit wäre, schon in der Türkei an Bord nimmt – mit fertigen Asylpapieren, intakten Schuhen und dem Restvermögen in der Tasche. Jedes andere Land (50.000 für Österreich?) könnte es ihnen sofort gleichtun. Türkei und Griechenland wären damit schlagartig entlastet – und müssten im Gegenzug alle Schlauchboote, die dennoch in See stechen, zurückbringen. Die lebensgefährliche Ägäis-Balkanroute wäre damit schon ganz am Anfang unterbrochen. Wer eine realistische, sichere Ausreiseperspektive hat, wird das Risiko, in ein Schlauchboot zu steigen, wohl nicht mehr eingehen. Und Europa hätte die Chance, auch die Ängstlichen, die Besonnenen bekommen.
Selbstverständlich ist auch dieses Sortierungsprinzip willkürlich. Es bevorzugt Syrer gegenüber anderen Staatsbürgern, und Kriegsflüchtlinge gegenüber Flüchtlingen aus anderen Motiven. Aber besser als die Bevorzugung der Schnellsten ist es allemal.

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