Die Reise von der syrischen Grenze bis nach Mitteleuropa muss nicht lebensgefährlich sein, und niemand braucht dafür einen Schlepper. Eigentlich.

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Kilis, gleich hiner der syrisch-türkischen Grenze, ist eine lebendige Universitätsstadt, berühmt für seine alten Steinhäuser mit Holzschnitzereien auf Türen und Balkonen. Am Busbahnhof fahren moderne, bequeme, klimatisierte Autobusse ab. Alle vier Stunden nach Adana (Fahrtzeit dreieinhalb Stunden, Fahrpreis 8 Euro); oder, noch häufiger, ins nahe Gaziantep. In beiden Großstädten kann man gleich ins Flugzeug steigen, Turkish Airlines oder Ferienflieger Pegasus. Mit Stopover in Ankara oder Istanbul kommt man nach Wien, Graz oder München. Kosten: zirka 270 Euro, inklusive Taxen, buchbar online.
Wer Flugangst hat, hat jedoch Alternativen. Etwa im bequemen Nachtbus quer durchs Land bis zur türkischen Mittelmeerküste. Dort liegen nicht nur Privatyachten und Kreuzfahtsschiffe vor Anker, sondern auch Passagierfähren. Seit 2011, als die Marmara Lines ihre Fähre nach Brindisi einstellte, existiert zwar leider keine direkte Schiffsverbindung nach Italien mehr. Dafür geht es nach Griechenland umso einfacher: Von Cesme nach Chios. Von Ayvalik ins schöne Lesbos. Oder von Bodrum nach Kos. Das Hydrofil bringt Sie in nur 20 Minuten hinüber. „Die Überfahrt wird Farbe in Ihren Urlaub bringen“, wirbt die Fährgesellschaft, rät allerdings dazu, Einkäufe schon vor Abfahrt zu machen, denn in Kos haben, im Gegensatz zu Bodrum, die meisten Geschäfte mittags geschlossen. Es gibt viele Cafes rund um den malerischen Hafen. Die Fähre verkehrt von Mai bis Oktober täglich, im Winter dreimal die Woche, ab Bodrum um 9 Uhr morgens. Kosten: 25 Euro, Kinder zwischen 6 und 12 zahlen die Hälfte.
Von Kos aus weiterzukommen, ist ebenfalls kein Problem. „Fährverkehr gehört in Griechenland zum Alltag“, wirbt das Fremdenverkehrsbüro auf seiner Website. Bluestar-Ferries bringt Sie in achteinhalb Stunden nach Piräus, am besten ganz entspannt über Nacht. Auch Luxuskabinen sind verfügbar.
In Athen wäre es schön, auf die Bahn umzusteigen, mit dem „Balkan Flexipass“ gäbe es da sogar ein attraktves Angebot: Fünf Tage lang fahren, so viel man will, alles um 216 Euro. Allerdings sind die Bahnverbindungen in den Balkanländern in den vergangenen Ländern leider immer dürftiger geworden. Fernbusse sind in dieser Region daher eine gute Alternative. Eurolines etwa bedient Dutzende Destinationen. Man sitzt bequem, mit WC an Bord, es gibt gekühltes Mineralwasser, meistens sogar WLAN. Die Sitze haben Nackenstützen und verstellbare Rückenlehnen. Da vergehen auch lange Fahrten wie im Flug. Von Skopje (80 Euro) muss man mit etwa 20 Studen rechnen, von Sofia (61 Euro) 14 Stunden. In Belgrad fährt man um 8 Uhr morgens ab, und ist knapp vor fünf am Busterminal in Erdberg, mit direktem Anschluss an die U3. Fernbusreisen sind ohnehin eine Art der Fortbewegung, die immer attraktiver wird: Die Fahrzeuge sind modern und sicher, die Fahrer verlässliche Profis, die Tickets billig. Für junge Leute unter 26 sowie für Senioren über 60 gibt es Ermäßigungen, und man kann mehr Gepäck mitnehmen als im Flugzeug.
Wer hingegen schon in Budapest ist und nach Wien oder München will – für den ist die Bahn die logische Wahl. Immerhin gibt es mit dem Railjet eine konkurrenzlose Schnellverbindung. Alle zwei Stunden: Großraumwagen mit Bordservice, Snacks und Getränken, sogar Kinderkino wird angeboten. Zweieinhalb Stunden dauert die Fahrt, sie ist bis zu 200 kmh schnell. Kosten, in der zweiten Klasse: Etwa 19 Euro am Budapester Schalter, zahlbar in Forint.
Eine EU-Richtlinie verbietet Fluglinien, Passagiere ohne Visum des Ziellands an Bord zu nehmen. Fernbusfahren müssen die Papiere ihrer Passagiere kontrollieren. Bis vor zwei Tagen noch hinderten ungarische Polizisten Fluchtlinge daran, am Keleti-Bahnhof in den Railjet zu steigen, trotz gültiger Tickets.
Ließe man Flüchtlinge bloß ganz normale Verkehrsmittel benützen – allen Schleppern wäre über Nacht dass Handwerk gelegt.

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