Wer bei uns leben will, muss sich den westlichen Grundwerten unterwerfen? Unbedingt! Die Frage ist bloß, wie man das am besten erreicht.

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Es wird nicht mehr lang dauern, und aus den Flüchtlingen in Österreich werden Mitbürgerinnen und Mitbürger, und aus der Zuwanderungsdebatte wird eine Integrationsdebatte. Das ist gut so. Häufig fällt in diesem Zusammenhang der Satz: Wer hier lebt, muss sich unseren Werten unterwerfen. Diesen Satz lohnt, ein bisschen genauer betrachtet zu werden. Inhaltlich ist er richtig. Ideologisch ist er interessant. Ob er praktisch etwas taugt, hängt vom Tonfall ab, in dem er ausgeprochen wird.
Erstens zum Inhalt. Wenn mit „Werten“ unsere Verfassung gemeint ist, Rechtsstaat, Demokratie und bürgerliche Freiheiten: Da kann es nur hundertprozentige Zustimmung geben. Punkt.
Interessant wird es bei Zweitens, dem ideologischen Aspekt. Sobald es darum geht, Zuwanderer auf ihr Verhältnis zu den bürgerlichen Freiheiten abzuklopfen, werden gern zwei Testfragen bemüht. Wie hältst du’s mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau? Und wie mit den Rechten von Homosexuellen? In diesem Moment kann man bei Menschen, die unter anderen Umständen gern „Igitt, Genderwahn!“ rufen, eine interessante Wandlung beobachten. Eben noch haben sie beteuert, wie maßlos ihnen die Emanzen mit ihren ewigen Beschwerden auf die Nerven gehen. Und dass die Schwulen doch endlich eine Ruh’ geben sollten, statt auch noch heiraten und Kinder kriegen zu wollen. Doch angesichts eines Arabers mutiert manch einer wortreich zum Feministen und hängt die Regenbogenfahne raus.
Ähnlich die Wandlung manch katholischen Kulturkämpfers bei einer weiteren Testfrage, der Trennung von Staat und Kirche. Wer eben noch den christlichen Charakter des Abendlands samt Kirchenprivilegien verteidigt hat, wird oft schneller, als man „Amen“ sagen kann, zum glühenden Verteidiger des Laizismus.
In all diesen Fällen kann man sagen: Ist schon in Ordnung. Es kommt häufig vor, dass man die Herausforderung durch ein Gegenüber braucht, um sich über eigene Positionen klar zu werden. Wenn Neuzuwanderer uns dabei helfen, unsere Werte zu schärfen; wenn sie uns dazu zwingen, klarer zu formulieren, was uns wichtig ist und warum – dann soll uns das nur recht sein. Dann können wir ihnen für diese Gelegenheit beinahe dankbar sein.
Womit wir beim dritten Aspekt sind. Und bei der Frage, wie wir es denn schaffen werden, nicht nur alle schon hier lebenden Menschen auf die westlichen Werte einzuschwören, sondern auch alle Neuankömmlinge. Meine Antwort darauf wäre: Der Ton macht die Musik.
Wie überzeugt man Menschen? Indem man ihnen, kaum dass sie nach einer monatelangen Reise den Raum betreten, schon eine Standpauke hält, nach dem Motto: Wir sagen euch erstmal, wie rückständig und unzivilisiert ihr seid, und erst wenn ihr das demütig zugebt, reden wir überhaupt weiter? Nein. Erst begrüßt man einander. Stellt sich vor. Setzt sich hin. Trinkt Tee. Versichert einander des wechselseitigen Respekts und lernt einander ein bisschen kennen. Dann erst geht es ans Eingemachte.
Flüchtlinge befinden sich, anders als wir, in einer Extremsituation. Sie haben ihre Existenz und geliebte Menschen verloren, ihre Nerven liegen blank, sie sind verwundbar und, wie man beobachten konnte, sehr empfänglich für Signale. Bin ich sicher, wo ich hier bin? Ist man mir grundsätzlich wohlgesonnen? Kann ich mich öffnen, Vertrauen fassen? Oder muss ich mich wappnen, verstellen, weil jeder rundherum mich misstrauisch beobachtet und bloß auf meinen ersten Fehler lauert?
Alle, die in diesen Wochen gekommen sind, befinden sich an einem Wendepunkt ihrer Biographie. Vieles wird sich für sie ändern. Fast alle wissen das. Fast alle sind genau deswegen hier. An solchen Wendepunkten macht es einen riesigen Unterschied, ob man Interesse spürt oder Hass. Ob es in Richtung Abkapselung geht, oder in Richtung Beziehung. Wir sollten diesen Moment richtig nützen. Nicht nur im Interesse der Flüchtlinge. Sondern im Interesse der westlichen Werte.

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