Der junge muslimische Mann macht allen Angst. Zurecht?

Ein Falter-Essay

Ein junger Mann steht an der Grenze. Ein Flüchtling. Er ist nicht allein, neben ihm stehen hunderte, die ähnlich ausschauen wie er. Er hat einen Rucksack auf dem Rücken und ein Handy in der Hand. Man schaut ihm ins Gesicht: dunkler Teint, wache Augen, kräftiger Körper. Er hat schon einiges durchgestanden auf seiner Reise, man sieht ihm seine Entschlossenheit an. Wahrscheinlich ist er syrischer, irakischer oder afghanischer Abstammung, mit ziemlicher Sicherheit Muslim und stammt aus einer konservativen Gesellschaft. Sonst weiß man nichts über ihn. Er habe „eine Portion Frauenverachtung im Gepäck“, vermutet Alice Schwarzer. Was der wohl bei uns so vorhat, ganz allein? Wie er wohl mit seinen sexuellen Bedürfnissen umgeht? Ob wir unsere Mädchen besser von ihm fernhalten?
Ein junger Mann steht an der Ecke. Irgendwo in einem Einwandererviertel einer westlichen Großstadt, in Favoriten, im Berliner Neukölln, im Pariser Saint-Denis oder im Brüsseler Molenbeek. Er schaut dem Mann an der Grenze äußerlich sehr ähnlich. Auch dieser junge Mann ist selten allein, meistens hängt er in kleinen Gruppen auf der Straße ab. Er ist in Westeuropa geboren, arabischer oder türkischer Abstammung, wahrscheinlich Schulabbrecher, arbeitslos, das Problemkind aller Integrationsdebatten, das Gesicht der Parallelgesellschaft. An ihm kann man alle Fehler der europäischen Migrationspolitik der vergangen vierzig Jahre ablesen. Sein Scheitern kompensiert er mit umso penetranteren Macho-Posen. Er spuckt, provoziert, sorgt dafür, dass sich Frauen im öffentlichen Raum unsicher fühlen. Überwacht seine Schwestern und hindert sie daran, ein freies Leben führen. Wer ihn nach Gleichberechtigung der Geschlechter oder selbstbestimmter Sexualität fragt, wird wahrscheinlich Antworten bekommen, die vom liberalen Mainstream meilenwert entfernt sind.
Und dann schauen wir auf die Fahndungsfotos der Attentäter von Paris. Jung auch sie, fesche Burschen, kräftige Körper, wache Augen. Die Logistik ihrer Verbrechen verrät Intelligenz und Entschlossenheit. So viel Hass, so viel fehlgeleitete Energie, kanalisiert auf einen einzigen zerstörerischen Zweck hin: Den westlichen Lebensstil zu vernichten. Mit so viel Blutvergießen wie möglich.
Dass die drei Bilder einander äußerlich so ähnlich sind, verführt dazu, sie miteinander zu verknüpfen, eins nach dem anderen. Das Narrativ lautet dann ungefähr so: Der junge männliche Flüchtling bringt aus seiner Heimat ein archaisches, patriarchalisches Gesellschafts- und Frauenbild mit. Bei uns in der Parallelgesellschaft trifft er junge Männer mit einem ähnlichen Gesellschafts- und Frauenbild, und fühlt sich dort auf Anhieb zugehörig. Gemeinsam lehnen die bald an der Straßenecke und stänkern Frauen an. Durch den Zuzug Hunderttausender solcher Männer gewinnt die frauenverachtende Gesinnung in Westeuropa immer mehr an Boden, schlägt in Hass und Gewalt um, am Ende vielleicht sogar in Attentate. Und alle liberalen Freiheiten, die wir uns hart erkämpft haben, insbesondere die Gleichberechtigung der Geschlechter und die sexuelle Selbstbestimmung, gehen den Bach runter.
Vom Flüchtling zum Verlierer zum Gewalttäter: So in etwa lautet das Szenario, das eine Allianz aus konservativen Kulturkämpfern und manchen Feministinnen derzeit zeichnet. Auch die zwei gefährlichen Krafte, die dieses Narrativ zusammenhalten, werden benannt: Einerseits der Islam als gewalttägige, frauenverachtende Religion (wie die deutsche Frauenrechtlerin Necla Kelek sagt). Andererseits das Testosteron – jene hormonelle Triebkraft, die junge Männer, jenseits aller kulturellen Unterschiede, generell anfällig für Risiko und Zerstörung macht (die Wiener Arabistin Karin Kneissl propagiert dieses Erklärungsmodell seit Jahren).
Dieses Narrativ ist eingängig und populär. Es hat viele Fans. Aber es lässt einige wesentliche Erkenntnis außer Acht, die wir speziell aus der Geschichte der Frauenbewegung kennen müssten. Erstens: Hormone sind kein Schicksal. Zweitens: Geschlechterrollen sind nicht naturgegeben, sondern von der Umwelt geformt, und sind wandelbar. Und drittens muss man – auch das haben wir vom Feminismus gelernt – die Machtfrage mitdenken.
Am konkreten Beispiel der oben erwähnten drei jungen Männer: Es macht einen fundamentalen Unterschied, ob man ein patriarchales Gesellschaftsbild hat, weil man zufällig in einer patriarchalen Gesellschaft auf die Welt kam, oder ob man sich dieses als Identitätsmarker absichtlich aussucht. Es ist etwas völlig anderes, ob man den radikalen Islamismus, etwa in Gestalt der IS oder der Taliban, als totalitär herrschende Macht kennengelernt hat, oder als Provokationsinstrument einer ausgegrenzten Minderheit.
Und schließlich, das Wesentlichste: Die hunderttausenden Flüchtlinge kommen ja nicht nach Westeuropa, weil sie Westeuropa samt allem, wofür es steht, hassen, und dort ihr bisheriges Leben weiterführen wollen. Sondern weil es sich ändern soll. Und weil sie hoffen, dass das hier gelingt.
Dazu eine kleine Geschichte. Eine Familie aus Afghanistan, dem Herrschaftsgebiet der Taliban, auf der Durchreise in Wien, wie so viele in diesen Monaten. Mutter, Vater, fünf Kinder, das jüngste ist eins, das älteste acht Jahre alt. Sie haben 50 Euro gespendet bekommen, die Mutter will zum H&M fahren, neue Unterwäsche kaufen. Es wird beratschlagt, wie das denn gehen solle, mit den vielen Kindern in der Straßenbahn und im Geschäft, zwei an der Hand, eins im Buggy, und eins am Arm. Die Idee: Warum fahre sie denn nicht allein, und lasse die Kinder beim Mann? Kurzes Erschrecken, verlegenes Lächeln, Gestammel. Er sei noch nie mit den Kindern allein gewesen, übersetzt die Übersetzerin, und fügt ein „Dann wird’s aber Zeit!“ hinzu. Mann und Frau schauen einander an, plötzlich prusten sie lachend los, es klingt erstaunt, nervös und euphorisch zugleich. Oja, das wird er schon können, sagt sie. Oja, das wird er schon können, sagt er. „Wir haben es nur nie so gemacht bei uns.“ Und genauso passiert es dann auch.
Was verrät uns diese keine Episode? Selbstverständlich wurden Männer, die in Afghanistan aufgewachsen sind, „noch nie auch nur von einem Hauch Gleichberechtigung gestreift“ – da hat Alice Schwarzer schon recht. Aber diese Vorstellungen sind nicht in Stein gemeißelt. Sie verändern sich – durch die Umgebung, durch persönliche Erfahrungen.
Dasselbe gilt für die Frauen. Das Gegenstück zum testosterongesteuerten jungen Macho-Muslim ist die unterdrückte Orientalin. Ihr ist die Rolle des Opfers zugedacht; rückständig, willenlos, Objekt in jeder Hinsicht. Sie darf nur als Statistin durchs Bild huschen, und dient als als anonymes, etwas bedrohliches Gegenbild zur selbstbewussten, freien Frau in Westeuropa. Im eingangs beschriebenen Narrativ nennt man sie gern „Kopftuchmädchen“ – ihr wird dermaßen wenig eigene Persönlichkeit zugebilligt, dass ein Kleidungsstück ausreicht, um sie hinreichend zu definieren.
Ob IS-Braut, Sozialhilfeempfängerin in der Pariser Vorstadt oder syrische Intellektuelle – das Kopftuch macht sie in der Wahrnehmung alle gleich. Doch das ist genauso irreführend. Auch dazu eine Geschichte.
An einem der letzten warmen Herbsttage sitzt in unserem Hof eine Familie. Ein jovialer Patriarch Mitte fünfzig, Textilfabrikant aus Aleppo, seine Ehefrau, Söhne im Teenageralter. Es ist ihr erster Tag in Sicherheit, und der Moment, in dem sie sich erste Gedanken darüber erlauben, wie ihr Leben weitergehen wird, nachdem ihr altes zusammengebrochen ist. Dem Vater sieht man an, dass er es gewöhnt ist, gesellige Runden zu unterhalten. Doch an diesem Abend spielt er nicht die Hauptrolle, denn hier ist Österreich, hier hat er keine Fabrik und keine Angestellten, er kann sich nicht einmal verständigen. Das kann nur seine Frau. Denn die hat ein Englischstudium absolviert, wie in einem wohlhabenden Haus üblich. Aber, wie in wohlhabenden Häusern üblich, niemals einen Beruf ausgeübt.
Seit sie unterwegs sind, ist es jedoch die Ehefrau, die nach außen kommuniziert und Entscheidungen trifft. Allen, die in dieser Stunde am Tisch sitzen, dämmert, dass es am ehesten auch sie sein wird, die die Familie ernähren wird, sie geht bereits die Optionen durch. Dass sie in ihrer lebensfrohen Familie die Gläubigste ist, die einzige, die regelmäßig betet (und selbstverständlich Kopftuch trägt), spielt bei alldem die allergeringste Rolle. Wichtiger sind im Moment die schweren, knallpinken Doc-Martens-Boots, die sie sich auf der Serbien-Etappe ihrer Reise gekauft hat und die sie stolz herzeigt.
Eine Flucht ist ein extremer Moment jeder Biographie. Alle Gewissheiten gehen über Bord. Besitz, Beziehungen, erworbener Status – vieles, was daheim selbstverständlich war, gilt plötzlich nicht mehr. Auf das Verhältnis zwischen Männern und Frauen muss sich das zwangsläufig auswirken. Wird der syrische Patriarch es verwinden, seiner Frau die führende Rolle abzutreten? Werden die Söhne das als kränkend empfinden oder als interessant? Wie geht die afghanische Familie mit der neuen Aufgabenteilung um? Und wie die neue westliche Umgebung, wenn diese Frauen vorhaben, den Weg in Richtung Selbstbestimmung mit Kopftuch zu gehen?
Menschen sind besonders verwundbar in einer derartigen Extremsituation – und gleichzeitig besonders empfänglich für Signale. Viel wird davon abhängen, in welchem Umfeld sie sich bewegen – in Molenbeek oder in Wien-Neubau. Ob ihre Kinder gemeinsam mit anderen Ausgegrenzten in die Schule gehen, oder in der Mitte der Gesellschaft. Ob sie Arbeit finden und eine gesicherte materielle Existenz. Ob sie auf ehrliches Interesse stoßen oder auf Ablehnung. Eine wertschätzende Umgebung macht es leichter, sich auf ungewohntes Territorium vorzuwagen und neue Erfahrungen zu machen. Eine feindlich, strafende Umgebung, die jede Sekunde auf einen Fehler lauert, macht es schwieriger.
Nein, es ist also nicht ganz ausgeschlossen, dass ein Flüchtling, der heute in Spielfeld über die Grenze kommt, irgendwann als Vorstadt-Macho Frauen terrorisiert oder gar zum Attentäter wird. Doch weder der Islam noch seine Hormone prädestinieren ihn dazu. Der Weg vom einen zum andern hat viele tausend Abzweigungen – und an jeder Abzweigung steht jemand von uns.

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One Response to Allah und Testosteron

  1. Herbert Scheichel sagt:

    Danke für Ihren Artikel, der geradezu mustergültig die aktuelle Sicht der flüchtlingsfreundlichen Idealisten in Österreich darstellt. Dieser humanistische Idealismus ehrt Sie, ich kann ihn aber beim besten Willen nicht teilen. Ich fühle mich deshalb auch nicht als schlechterer Mensch, sondern schlicht als Realist! Ich widerstehe der Versuchung, jeden einzelnen Absatz zu kommentieren und fasse zusammen:

    Zunächst eine globale Anmerkung: Ihr Artikel zeigt einmal mehr die Polarisierung der medialen Bearbeitung der Flüchtlingskrise. Ihren netten Beispielen kann man sicher noch einige hinzufügen (z.B. einen ORF-Bericht über einen syrischen Zahnarzt, der nur ein bisschen Deutsch lernen muss, und schon ist er ein wertvolles Mitglied unserer Gesellschaft). Auch in Ihrem Fall ist eine idealistische Verklärung der Situation unverkennbar, nach dem Motto: „Das sind alles liebe Leute, man muss sie nur entsprechend behandeln, dann flutscht ihre Integration nur so!“

    Nun zu meiner Sicht: Die Gemeinsamkeiten der 3 von Ihnen beschriebenen jungen Männer sind kein Zufall.
    Es werden sich nämlich tatsächlich viele der Flüchtlinge NICHT integrieren, und dann ist der Weg zum langfristigen Sozialfall mit Radikalisierung bis zum Terroristen vorgezeichnet. Und das gilt auch für die Nachkommen der heutigen Flüchtlinge! Hier nur 2 Argumente, warum die Integration beim Großteil der Flüchtlinge nicht gelingen wird:

    1.) Glauben Sie ernsthaft, dass ein Flüchtling seinen Glauben, seine Sozialisierung und sein gesamtes Wertesystem an unserer Grenze abgibt? Soll unsere Werteschulung eine Gehirnwäsche werden? Viele Flüchtlinge werden nie zu uns passen und unsere Werte und unsere gesamte Lebensweise zutiefst ablehnen!

    2.) In der ORF-Sendung „60 Minuten Politik“ am 3.12.2015 zum Thema Sozialpartnerschaft erwähnte Präsident Foglar, das 14% (in Worten vierzehn) der Flüchtlinge eine Lehre oder höherwertige Ausbildung haben, „die aber nicht mit unserer vergleichbar ist“. Was ist mit den restlichen 86%? Viel Erfolg bei der Integration, auch für die Nachkommen!

    Zum besseren Verständnis: Ich habe noch nie die FPÖ gewählt und habe auch nicht vor, sie zu wählen. In Bezug auf unsere katastrophale Flüchtlingspolitik werde ich aber immer mehr zum Wutbürger. Ich betrachte mich moralisch nicht zuständig für das gesamte Flüchtlingselend der Erde. Wir haben ein gigantisches Sozialprojekt laufen, das uns noch viel Energie und Geld kosten wird, das nennt sich EU. Sind wir jetzt auch noch für Asien und Afrika zuständig? Und falls ja, wer noch, außer Deutschland, Schweden und Österreich?

    Ich fordere einen sofortigen Stopp der Aufnahme von Flüchtlingen und eine extrem restriktive Asylpolitik! Die derzeitige Zahl an Asylwerbern (plus Familiennachzug und Nachkommen) wird uns noch Jahrzehnte überfordern und unser Land zum Negativen verändern! Wacht endlich auf!

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