Sind die Flüchtlinge dieses Herbstes lauter Gehirnchirurgen – oder „Lumpenproletariat“, wie die FPÖ behauptet? Weder noch. Aber eher ersteres, sagt eine brandneue, noch unveröffentlichte Studie.

Ein Report für den Falter

Ist das eine digitale Küchenwaage? Ein Trainingsgerät für Sportschützen? Nein, es ist ein Hand-Dynamometer, ein Gerät, das die Festigkeit des Händedrucks misst. 30 oder 50 Kilo, so viel schafft ein gesunder Mensch. Die Greifkraft sagt viel über den körperlichen Zustand eines Menschen aus, zeigen neueste medizinische Erkennisse – deutlich mehr zumindest als die Frage „Wie geht es Ihnen?“.
Und außerdem, grinst Isabella Buber-Ennser, sei es immer ein lustiger Moment in den Interviews, wenn der Hand-Dynamometer ausgepackt und ausprobiert wird.
Wer sind die Flüchtlinge, die in diesem Herbst nach Österreich kamen und hier bleiben wollen? Welche Fähigkeiten und Einstellungen bringen sie mit? Werden sie zu unserem Wohlstand beitragen, oder uns auf der Tasche liegen? Diese Frage eignete sich bisher ideal zum Polemisieren – weil es kaum Fakten gab. Der Arbeitsmarkt habe auf diese Leute dringend gewartet, behaupten die einen, Österreich solle über den Zustrom ambitionierter, gut gebildeter junger Menschen froh sein. Die da kommen, seien allesamt Analphabeten mit höchstens zwei Jahren Koranschule, ohne jede Chance auf einen Job, die ein Leben lang auf die Mindestsicherung angewiesen sein werden, lautet die gegenteilige Behauptung.
Erstmals erfahren wir nun, was Sache ist. Denn es gibt die erste fundierte Studie dazu, ein Gemeinschaftsprojekt des Instituts für Demographie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, des IIASA in Laxenburg, und der Wiener Wirtschaftsuniversität. Die Ergebnisse sind dermaßen neu, dass Studienleiterin Buber-Ennser und ihrem Team das Adrenalin, das sie in mehreren Nachtschichten ausgeschüttet haben, noch anzumerken ist. Sie kommen, wie man in der Wissenschaft sagt, „frisch aus dem Feld“ – aus den großen Notquartieren in der Vorderen Zollamtsstraße, der Jagdschlossgasse, dem Kolpinghaus Meidling, aus Horn, Neu Albern und der Rossauer Lände. 528 etwa halbstündige Interviews haben sie dort in zwei Wochen geführt, auf Arabisch, Farsi und Englisch, und dabei Daten über mehr als 1000 Personen gesammelt, erklärt Bernhard Rings, der die technische Seite der Umfrage verantwortet.
Gefragt wurde vor allem nach der Ausbildung und nach den bisherigen beruflichen Erfahrungen, nach Gesundheit (Kraft in den Händen!), Familienverhältnissen und Werthaltungen (etwa über Religiosität, Kindererziehung, Gleichberechtigung der Geschlechter, Abtreibung). Die detaillierte Auswertung muss wissenschaftlichen Standards genügen und wird noch dauern. Dennoch sind erste Tendenzen so überraschend, dass das Forscherteam nicht so lang warten will. „Wir glauben, dass es wichtig ist, dass die Öffentlichkeit wissenschaftlich fundierte Information bekommt, um einige falsche Vermutungen zu revidieren“, sagt Judith Kohlenberger von der WU. „Schließlich hat Wissenschaft die Aufgabe, zur aktuellen Debatte beizutragen. Der 50-Punkte-Plan des Integrationsministers erteilt sogar ausdrücklich den Auftrag zur Forschung!“
Die Überraschung beginnt schon bei den Afghanen, der zweitgrößten Flüchtlingsgruppe, bei denen kaum jemand auch nur Ansätze von Bildung vermutet – immerhin ist das Schulsystem Afghanistans in den vergangengen Jahren in vielen Regionen völlig zusammengebrochen. Knapp die Hälfte bringt von dort tatsächlich nur rudimentäre Primarschulkenntnisse mit. Doch die anderen haben immerhin einen Sekundarschulabschluss nach 9 bis 12 Schuljahren, rund ein Zehntel sind Akademiker.
Noch viel deutlicher ist das Bild bei Syrern und Irakern. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen hat demnach eine höhere Sekundarausbildung, also mehr als zwölf Schuljahre absolviert. Mehr als ein Viertel sind Akadamiker und tragen zumindest einem Bachelortitel. Das Bildungsniveau dieser Gruppen liegt damit nicht nur über dem Durchschnitt in Syrien und im Irak, sondern auch über dem Durchschnitt in Österreich (wo der Akademikeranteil bei 14% liegt).
Diese Zahlen unterscheiden sich deutlich von den Ergebnissen der Kompetenzchecks des Arbeitsmarktservice. Das AMS fand im September nur bei 14,7 Prozent der Flüchtlinge eine Vorbildung, die mindestens einem Lehrabschluss entspricht. Die Diskrepanz lässt sich so erklären: Wer beim AMS gemeldet ist, ist anerkannter Flüchtling und somit schon mehrere Monate oder Jahre hier. Jene Zehntausenden allerdings, die zwischen September und November 2015 in Österreich ankamen, hat das AMS noch gar nicht auf dem Radar, weil sie erst ganz am Anfang ihres Asylverfahrens stehen. In genau dieser Zeit jedoch erfolgte offenbar der Exodus der nahöstlichen Mittelklasse.
Um zu verstehen, was genau da passierte, trifft es sich gut, dass einer der federführenden Autoren der neuen Studie persönlich Teil dieses Exodus war. Zakarya Al Zalak leitete das „Damascus Statistical Technical Institute“, seit September arbeitet er am IIASA. Das Jobangebot aus Österreich ersparte ihm, seiner Frau und seinen drei Kindern (11, 8 und 3 Jahre alt) die gefährliche Reise über die Balkanroute. Doch den Entschluss, Syrien zu verlassen, traf die Familie gleichzeitig – und aus denselben Gründen – wie all die anderen Landsleute, die im August ihre Heimat verließen.
„Wohlhabende Menschen mit einem guten Job und einer gesicherten Existenz warten länger, bevor sie fliehen. Sie haben mehr zu verlieren als Arme“, erklärt Al Zalak. „Man hofft lang, dass es irgendwann wieder besser wird. Doch im Sommer gaben alle gleichzeitig diese Hoffnung auf.“ Jeder Zweite – auch dies ein Ergebnis der neuen Studie – verlor in den Monaten vor der Flucht ein nahes Familienmitglied durch Gewalt oder Krieg.
Zweiter Faktor für die soziale Auslese waren die Fluchtkosten. Auch die erhoben die Forscher – und mussten die Antwortoptionen („mehr als 2000€“ hieß es in der ersten Fragebogenversion) schon bald nach oben ausweiten. Mehr als 3000€ pro Person kostete die Reise meistens, aus Afghanistan oft drei- oder viermal so viel.
Trotz der hohen Kosten machten sich die meisten Familien gemeinsam auf den Weg, auch dies lässt sich aus den Daten ablesen: Unter den befragten Neuankömmlingen des Herbstes sind mehr als 40% verheiratet und mit ihrem Partner hier, ein Viertel sind Kinder. Weniger als ein Drittel sind alleinstehende Erwachsene – wobei hier auch solche mitzählen, die im Familienverband reisten. Typischerweise blieben nur die Großeltern zurück. „Das lässt vermuten, dass der Bedarf nach Familienzusammenführung geringer sein wird als angenommen“, sagt Buber-Ennser.
Eine solide Ausbildung und eine erfolgreiche Berufsvergangenheit bedeuten freilich nicht, dass man in der Fremde automatisch einen Job findet. Was werden der Shisha-Fabrikant oder der Teppichweber in Östererreich machen? Auch ein Arzt wird hier nicht so schnell praktizieren können – für einen 50jährigen ohne besonderes Sprachtalent ist es unwahrscheinlich, dass er es je schaffen wird. Die Befragten zeigen sich jedoch realistisch. 95% der älteren sind bereit, unter ihrer Qualifikation zu arbeiten. Während sich die jüngeren, statt rasch Geld zu verdienen, wünschen, erst eine Ausbildung zu machen oder zu beenden.
Dem 30köpfigen Team, das die Befragungen durchführte, gehörten Studierende der WU an, Übersetzer mit Farsi oder arabischer Muttersprache, sowie auch Studierende, die man – in Deutschkursen oder Unterkünften – unter den Flüchtlingen fand. Der 26jährige Omar Abdo ist einer von ihnen. Im Damaskus studierte er Chemie. Und erklärt, warum es unter den jungen syrischen Flüchtlingen so viele wie ihn gibt, die ihr Studium nie abschlossen, obwohl ihnen nur noch ein, zwei Prüfungen fehlten: „Sobald man fertig ist, wird man zur Armee eingezogen. Und das wollten viele unter allen Umständen vermeiden.“
Solche Muster können Forscher, die persönliche Erfahrungen aus ihrem Forschungsfeld mitbringen, schneller erkennen als andere. So wie Vielsprachigkeit verhindert, dass man in Fallen tappt – etwa jene, bevorzugt englischsprechende Flüchtlinge zu interviewen, und damit das Sample zu verzerren. Dennoch gab es mitunter Verständnisprobleme, speziell bei der Erhebung der Arbeitszeiten. Ganztags, halbtags, Überstunden? Nora Laufer und Cornelia Hörtner, zwei der Interviewerinnen, wurden stets ratlos angeschaut, wenn sie danach fragten. „Das Konzept der Wochenarbeitszeit verstehen Syrer nicht“, lautet ihre Erkenntnis. „Wenn etwas zu tun ist, arbeitet man 12, 13 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Wenn nichts zu tun ist, geht man nach Hause, oder in seinen Zweitjob.“
Die WU-Studentinnen werden die Daten, die sie in diesen Wochen erhoben, für ihre Masterarbeiten verwenden. Außerdem nehmen sie mit: Die große Freude der Befragten, dass sich jemand in Österreich detailliert für ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen interessiert. „Wir haben sehr viele Handy-Bilder gezeigt bekommen, von Häusern, Werkstätten, Geschäften, Onkeln und Tanten“, erzählen sie. Al Zalak hält genau das für wichtig – auch wirtschaftspolitisch. „Bisher wusste man beinahe nichts über diese Menschen“, sagt Al Zalak. „Mit solcher Forschung treten sie aus der anonymen Masse heraus und werden Individuen. Für die man dann gezielte Integrationsmaßnahmen entwickeln kann.“
Die Ergebnisse der Studie, die Anfang 2016 präsentiert wird, sollen der Politik dafür eine solide Grundlage liefern. Das Forschungsteam jedenfalls möchte langfristig dranbleiben. Interessant wäre, dieselben Menschen in einem Jahr wieder zu befragen – ob sie in Österreich angekommen sind, wo sie wohnen, wieviel Deutsch sie gelernt, welche Art von Fortbildung sie bekommen und welche Arbeit sie gefunden haben.
Denn diese Geschichte hat ja eben erst begonnen.

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