Während Wohnungen leerstehen, schlafen Menschen im Stall. Oder auf Matten im Ferry-Dusika-Stadion. In Österreich 2015 wäre das nicht notwendig.

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Tausende Krippenspiele sind in diesen Tagen aufgeführt worden. Eltern und Großeltern und zappelige Geschwisterkinder hockten auf Turnbänken in überheizten Turnsälen, Lehrerinnen soufflierten, wenn Josef schon wieder seinen Text vergessen hatte, die eifrigsten unter den Eltern zeichneten alles mit ihren Handykameras auf, Applaus, ein Weihnachtslied noch, große Rührung.
Erfolglose Herbergsuche: Man kann sich schon vorstellen, wie das abläuft, ziemlich konkret sogar. Man musste in den vergangenen Wochen nur irgendwann im Ferry-Dusika-Stadion vorbeischauen, oder in der benachbarten Fun-Sport-Halle. Dort war zu besichtigen, was Menschen alles versuchen, um sich ohne Haus häuslich einzurichten, an einem Ort, der fürs Wohnen eigentlich gar nicht geeignet ist. Wie sie versuchen, sich ein kleines bisschen Privatsphäre zu schaffen. Man baut dann für die Familie einen Verschlag aus Strandliegen und Wäscheständern und verhängt die Lücken dazwischen mit Leintüchern. Man versucht, sich notdürftig abzuschirmen, vor dem Licht, dem Lärm, den Blicken. Die Erwachsenen liegen auf Turnmatten am Boden.
Wer kein Bett und keine Matratze für die Kinder hat, baut halt kleine Nester aus Gewand und Decken und legt die Kinder hinein. Oder man legt sie auf ein Trampolin; ist ja ebenfalls weich. Würden in modernen Fun-Sport-Hallen Futterkrippen herumstehen, mit Stoh drin – sie würden für diesen Zweck heute wohl ebenso verwendet wie vor 2000 Jahren.
Wie geht es einem in diesen Tagen, wenn man die Bilder aus der Dusika-Halle sieht, den Krippenspielliedern zuhört, und gleichzeitig eine leerstehende Wohnung hat?
Wie viele unbewohnte Häuser es in Bethlehem gab, während Josef und Maria von Tür zu Tür geschickt wurden, können wir heute nicht mehr herausfinden. Der Leerstand im modernen Österreich ist allerdings kaum besser dokumentiert. In strukturschwachen Regionen stechen die vielen ungeputzten Fenster in den verödeten Ortskernen sofort ins Auge. Doch es gibt Leerstand auch in Ballungsgebieten, mitten in begehrten Lagen der Stadt. Mindestens 10.000 Wohnungen stehen in Wien dauerhaft leer, vermutet die Stadtverwaltung, weitere 35.000 sind für eine Dauer von mehreren Monaten bis zwei Jahren unbewohnt.
Das hat verschedienste Gründe. Manche Flächen sind in unbewohnbarem Zustand, aber der Besitzer hat nicht genug Geld zum Herrichten. Andere wären bewohnbar, brächten wegen des niedrigen Kategoriemitzinses aber zu geringe Einnahmen – und man will sie ja leer haben, sobald man sich eine Sanierung leisten kann. Andere Wohnungen sind tipptopp, aber stehen schon seit Jahren zum Verkauf, weil der Verkäufer unrealistische Preisvorstellungen hat (und sich bewohnte Wohnungen schlecht makeln lassen). Andere sind unverkäuflich, weil unattraktiv – wären aber, zumindest vorübergehend, immer noch attraktiver als das Dusika-Stadion. Wieder andere wurden bloß aus steuerlichen Gründen angeschafft.
In anderen Fällen wirkt der Fluch des Mietrechts. Eine Wohnung ist zu billig, als dass man sie guten Gewissens aufgeben könnte, aber untervermieten darf man nicht. Kriegt man doch nie wieder, so einen Vertrag! Auf so ein Privileg kann man doch nicht freiwlllig verzichten! Muss man auf jeden Fall behalten, für den Fall des Falles, dass eins von den Kindern, den Enkerln, die Nichten dereinst mal einziehen will. Gemeindewohnungen bleiben aus diesem Grund ebenso unbewohnt wie Altbauwohnungen mit Altverträgen.
So viele gute Gründe gibt es für Leerstand. So viele fadenscheinige Ausreden. So viele Regelungen, die man ändern könnte, wenn man denn wollte. Und so viele Möglichkeiten gibt es zu helfen – wenn man denn helfen will.
Frohe Weihnachten allen Herbergsuchenden, und all jenen, die sich in diesen Wochen aufgerafft und Flüchtlingen Quartier gegeben haben. Ich bin sicher, das Krippenspiel fühlt sich seither besser an.

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