Je unübersichtlicher ein Problemberg, desto größer die Lähmung. Wir brauchen kleine, bewältigbare Aufgaben, damit wir handeln können – in der Flüchtlingsfrage ebenso wie in der Klimakrise.

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Obergrenze. Das Wort klingt nach Erlösung. Endlich Schluss mit dem Durcheinander, mit der permanenten Alarmbereitschaft, weil keiner weiß, welche Katastrophe morgen schon wieder passiert. Endlich will man an eine Linie stoßen, hinter der alles wieder normal ist. Wo alle Probleme gelöst sind. Oder, etwas bescheidener: Eine Linie, hinter der man zumindest kurz verschnaufen und in Ruhe anpacken kann, ohne durch neue Ereignisse ständig aus der Bahn geworfen zu werden. Eine Million Flüchtlinge in Deutschland, 100.000 in Österreich. Das ginge, heißt es. Damit kommen wir klar, wenn wir uns in Ruhe ab sofort auf die mannigfachen Integrationsaufgaben konzentrieren, eine nach der anderen.
„Obergrenze“ ist das magische Wort in der Flüchtlingsfrage geworden. Ebenso in der Frage der Klimaerwärmung, die uns anlässlich des Pariser Klimagipfels in diesen Tagen ähnlich intensiv beschäftigt. Auch da gibt es das dringende Bedürfnis, eine Linie ziehen zu können, die das Mögliche vom Unmöglichen trennt; das Machbare vom Unmachbaren. Zwei Grad Erderwärmung: Das ginge gerade noch, heißt es, damit käme die Erde wohl noch irgendwie klar. Wenn wir ihr nicht täglich neue Katastrophen zur Verarbeitung aufzwingen.
Ich kann dieses Bedürfnis nach der Linie gut nachvollziehen. Es entspricht allem, das wir aus der Psychologie über erfolgversprechende Bewältigungsstrategien wissen. Ein Problemberg, so unübersichtlich, dass nicht einmal seine Ausmaße erkennbar sind; von dem unklar ist, was alles er in sich verbirgt – dieser Anblick macht Angst. Lähmt. Macht handlungsunfähig. Sodass am Ende tausende Menschen um denBerg herumstehen, jeder mit einer Schaufel in der Hand, doch keiner traut sich, mit dem Buddeln anzufangen. Stattdessen verfällt man aufs Fluchen, Weinen, Beten, Wegschauen. Sucht einen Schuldigen. Wirft mit großer Geste die Schaufel weg. Oder hofft auf ein Wunder, auf einen Erlöser, der den Berg doch bittebitte einfach wegzaubern möge.
So funktioniert das nicht. Zu besichtigen derzeit an der kollektiven Handlungsunfähigkeit angesichts der Erderwärmung.
Was hingegen funktioniert: Wenn sich der Berg in einzelne Teile zerlegen lässt, und jeder eine kleine, überschaubare Aufgabe übernimmt, die sich tatsächlich lösen lässt. Auf die Flüchtlingsfrage übertragen: Das eine Flüchtlingskind in der Schulklasse. Die eine Flüchtlingsfamilie im Dorf. Der eine unbegleitete Jugendliche, den man jeden Donnerstag um fünf in die Familie einlädt, einfach so, damit ein bisschen Struktur und Sicherheit in sein Leben zurückkehren. Einmal im Monat kicken gehen. Einmal im Monat gemeinsam kochen und reden. Mehr ist es nicht, das es braucht – wenn nur genügend mittun.
Wieviel jeder einzelne beitragen kann, ist selbstverständlich unterschiedlich. Von einer Zielpunkt-Verläuferin, die kurz vor Weihnachten ihren Job verloren hat, wird man nicht erwarten, dass sie auch noch die Sorgen einer syrischen Flüchtlingsfamilie schultert. Viel hängt von den materiellen Ressourcen einer Person ab, vom Menschenbild, vom Beziehungsnetzwerk, von dem, was Psychologen Resilienzfaktoren nennen. Aber für alle gilt: Wer eine Aufgabe schafft – und sei sie auch noch zu winzig – wächst daran. Die Lähmung löst sich. Es macht einen Unterschied, ob ich existiere oder nicht; ich kann etwas beeinflussen: Diese Erfahrung ist immens wichtig.
Kaum lässt man sich darauf ein, wird die Linie dessen, was machbar ist – ohne Stress, ohne Überforderung, ohne nennenswerte Einbuße an Lebensqualität – schon viel deutlicher sichtbar. Und siehe da: Meine „Obergrenze“ ist ja viel weiter entfernt, als ich eigentlich dachte!
Ähnliches, vermute ich, gilt in der Frage der Klimaerwärmung. Ist da in Paris irgendwer, der uns endlich konkrete, bewältigbare Aufgaben überträgt?

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