Ab morgen wird alles anders? Sicher nicht. Aber weniger Lügen, mehr Vertrauen und mehr Gelassenheit – das ließe sich vielleicht schon machen.

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Man weiß ja eh, wie das ist mit den guten Vorsätzen: Sich vorzunehmen, etwas in Zukunft ganz anders zu machen als man es bisher gewohnt ist – das wird meistens nichts. Ab morgen werde ich supersportlich? Beim nächsten Mann, in der nächsten Beziehung, wird alles ganz anders als in der letzten? Wenn ich erst einmal in Pension bin, hole ich alles nach, was ich immer schon tun wollte, aber nie geschafft habe: dicke Bücher lesen, reisen, musizieren, Sprachen lernen, gesund essen, nett zu den Nachbarn sein?
Nein, so funktioniert das nicht. Niemand kann sich abrupt, durch bloße Willensanstrengung ändern. Man kann höchstens aktivieren, was schon im eigenen System angelegt ist, was man zumindest schon einmal ausprobiert hat. Und dann weiter üben, bis neue Gewohnheiten entstehen. Ich vermute: So ist das nicht nur in individuellen Biographien, sondern auch mit Kollektiven. Es wird deswegen nicht viel helfen, von Österreich zu verlangen, dass es ab 2016 am Meer liegt. Realistischer sind gute Vorsätze, die etwas aktivieren, das in diesem Land schon drinsteckt, zumindest in Spurenelementen.
In diesem Sinne: Ein paar Wünsche fürs nächste Jahr. Keiner davon unerfüllbar, mit etwas gutem Willen. Keiner davon völlig wesensfremd.
Erstens: Mehr Gelassenheit! Es ist so ermüdend: Das hysterische Hyperventilieren, mit dem jede banale Kleinigkeit, die auch nur einen Millimeter vom Erwartbaren abweicht, von irgendwem zum Skandal hochgeputscht wird. Eineinhalb Tage lang Aufregung, bis die nächste Sau durchs Dorf gejagt wird. So vergeuden wir Energie, die für die wichtigen Dinge fehlt. Außerdem kommt das Gefühl für Verhältnismäßigkeiten abhanden – und wir übersehen die wahren Skandale.
Zweitens: Weniger Lügen, mehr Fakten! Lügen ist viel zu einfach geworden. Jeder kann heute alles behaupten, egal ob es stimmt oder nicht – aus Denkfaulheit, Bösartigkeit, aus Lust am Zündeln, oder aus eiskaltem politischem Kalkül. Niemand fragt nach, niemandem ist man Belege schuldig, sogar die absurdeste Dreistigkeit bleibt folgenlos. „Wer?“, „Wann?“, „Wo?“, „Warum?“ und „Woher weißt du das?“ sind wohltuende Fragen, die einen auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Sollte man wieder öfter ausprobieren.
Drittens: Mehr Vertrauen! Klar kann man stets davon ausgehen, dass alle anderen (außer einem selbst) etwas Böses im Schilde führen. Dass man in jeder Sekunde ausgenützt, ausgeraubt, betrogen werden kann. Dass man deswegen auf Schritt und Tritt wehrhaft sein muss, bereit, Besitz und Territorium zu verteidigen, und den Gegner anzuspringen. Aber, Überraschung: Wer sich entspannt, lebt nicht automatisch gefährlicher. Nur entspannter.
Viertens: Mehr Selbstvertrauen! Manche Alibi-Sätze kommen Österreichern derart geschmeidig über die Lippen, dass man glauben könnte, wir könnten gar nichts anders: „Das wird nix“, „Was soll das schon bringen“, „Hat eh keinen Sinn“, „Ist doch wurscht“, „Auf mich kommts ja nicht an“. Doch spätestens dieses aufregende Jahr hat gezeigt: Nichtstun liegt gar nicht in unserer DNA. Auf jeden, jede einzelne kann es ankommen. Und wer diese Erfahrung erstmal gemacht hat, vergisst sie so rasch nicht mehr.
Viertens: Mehr Redlichkeit. Ein altmodisches Wort? Nein, ein hochaktuelles. Es kann uns in jeder Amtsstube, in jedem Geschäft, in jeder Werkstatt, in jeder Telefonhotline begegnen, bei jedem Schaffner oder Monteur, bei jeder Sachbearbeiterin oder Beamtin. Dass jemand einfach einen guten Job macht, die ihm oder ihr zugedachte Rolle ausfüllt, aufmerksam, kompetent, freundlich, mit ein bisschen mehr Engagement als notwendig, ohne eine unmittelbare Belohnung dafür zu erwarten – das macht atmosphärisch einen riesigen Unterschied. Gesellschaftlich gesehen, erzeugt es Vertrauen. Individuell gesehen, macht es einfach froh.
Ab morgen also? Ausprobieren wird man es wenigstens dürfen.
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