Seit der gewalttätigen Silvesternacht von Köln ist nichts anders als vorher. Es ist bloß alles viel klarer: Dass die Selbstbestimmung von Frauen jeden Tag neu erkämpft werden muss

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Manchmal fühlt man sich schon ein bisserl seltsam, wenn man seine Mailbox öffnet. Jahrelang hält man, auch an dieser Stelle, für die Errungenschaften der Frauenbewegung die Fahne hoch. Pocht auf weibliche Selbstbestimmung, schreibt die gegen die Verharmlosung sexueller Übergriffe an. Versucht immer wieder, die systematischen Frauenrechtsverletzungen in Erinnerung zu rufen, die in den meisten Weltgegenden alltäglich sind. Und welche Reaktionen kriegt man meistens? Gähnen. „Es reicht, es nervt!“, dröhnt es. Sollen endlich eine Ruhe geben, diese öden Feministinnen, interessiert doch keinen mehr. Und überhaupt – diese Verbohrtheit, Verbissenheit, speziell was sexuelle Gewalt betrifft. Könnte man doch alles ein bissl lockerer sehen! Haben wir keine wichtigeren Sorgen?
Über Nacht klingt das plötzlich anders. Es gibt nichts Wichtigeres als Frauenrechte! dröhnt es auf einmal aus meiner Mailbox. Reden Sie doch endlich über die Verharmlosung sexueller Übergriffe, über die systematischen Frauenrechtsverletzungen, die in den meisten Weltgegenden alltäglich sind! Die Silvesternacht von Köln hat alles verändert! Wie lautet Ihre Antwort?
Nun ja: Hier ist sie. Die Antwort auf die Silvesternacht von Köln ist dieselbe wie vor der Silvesternacht von Köln. Sie lautet: Wir brauchen mehr Feminismus.
Wir brauchen, zum Beispiel, mehr von der großartigen feministischen Mädchenarbeit, die es an manchen Stellen bereits gibt. Die Mädchen Selbstbewusstsein gibt, Mut; sie ermuntert, sich mehr zuzutrauen; sie darin bestärkt, die althergebrachten Vorstellungen von „Weiblichkeit“ in Frage zu stellen; ihre Sexualität frei zu leben; und sich in der Öffentlichkeit immer und überall jeden Raum zu nehmen, den sie wollen. Wir brauchen noch viel mehr von dieser Mädchenarbeit speziell auch in konservativ-muslimischen, bildungsfernen Milieus. Niemals dürfen wir Mädchen alleinlassen mit Zwangsverheiratungen, Jungfräulichkeitswahn und einem pervertierten Ehrbegriff.
Wir brauchen, zum Beispiel, mehr von der großartigen feministischen Burschenarbeit, von der es bisher leider viel zu wenig gibt. Die Burschen jene Art Selbstbewusstsein gibt, die ohne Gewalt auskommt. Die ihnen hilft, ihren Körper und ihre Gefühle wahrzunehmen, sie darin bestärkt, die althergebrachten Vorstellungen von „Männlichkeit“ in Frage zu stellen, Schwäche zuzulassen. Wir brauchen noch viel mehr dieser Burschenarbeit speziell auch in konservativ-muslimischen, bildungsfernen Milieus. Damit kein einziger Bursch mehr steckenbleibt in der Sackgasse aus primitivem Machogehabe, Diskriminierung und Aggression.
Wir brauchen mehr Feminismus in den Behörden – auf dass Polizistinnen und Polizisten sexuelle Gewalt sofort erkennen, wenn sie vor ihren Augen passiert, und schnell richtig reagieren. Wir brauchen mehr Feminismus in den Medien – auf dass dort die Ereignisse klar benannt und präzise analysiert werden, samt ihrer individuellen und gesellschaftlichen Ursachen und Folgen; ohne Hetze, Häme oder Hysterie.
Und wir brauchen mehr Feminismus in der Beziehungsarbeit, die uns in den nächsten Jahren mit jenen zehntausenden Flüchtlingen bevorsteht, die bald Bürger und Bürgerinnen unseres Landes sein werden. Wir müssen uns für ihre Erfahrungen interessieren, ihre Prägungen hinterfragen, unsere eigenen Prägungen hinterfragen, und uns dabei besser kennenlernen. Wir müssen Feminismus im Alltag leben, auf der Straße in der Schule, in den Familien, in der Politik, und keinerlei Zweifel offenlassen, wie wichtig uns die Sache mit der Gleichberechtigung der Geschlechter ist.
Und wenn uns ein Neuankömmling dabei bang fragt, wie das denn hier so funktioniere zwischen Männern und Frauen, und wie man denn eine Freundin finde? Dann hoffen wir, dass er an niemanden gerät, der ihm einen Griff auf den Popo empfiehlt.

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