Was ist in Köln passiert? Mit Sex haben sexuelle Übergriffe in der Öffentlichkeit wenig zu tun. Umso mehr mit Macht, Geschlechtertrennung und dem Patriarchat. Der Versuch einer Begriffsklärung

Ein Essay für den Falter

1. Bewegungsfreiheit
Beginnen wir beim Wichtigsten: bei der Freiheit. Und bei ihrer einfachsten Spielart: der Bewegungsfreiheit. Von A nach B zu gehen, einfach, weil man Lust dazu hat. So banal diese Freiheit klingt – sie ist in viele Weltgegenden, wo an jeder Straßenecke Wegelagerer stehen können, keineswegs selbstveständlich. Oft ist sie auch innerhalb einer Gesellschaft ungleich verteilt. Manche Gruppen haben mehr Bewegungsfreiheit als andere, und der dominanten Gruppe fallen die Einschränkungen der anderen oft gar nicht auf.
Ein Mann geht abends einfach nach Hause. Eine Frau auch. Aber sie geht im Licht der Straßenlaterne, mit möglichst festem Schritt, in der Mitte des Gehsteigs, bloß nicht beschleunigen, um keine Unsicherheit zu signalisieren. Sie screent ganz automatisch die Gasse, und wechselt die Straßenseite, wenn da zwei Typen herumstehen. Sie lauscht, ob Schritte hinter ihr schneller oder langsamer werden, und hält die Hausschlüssel in der Hand griffbereit. Alles Routine für Frauen, nicht weiter erwähnenswert, Männer kriegen es meistens gar nicht mit.
Die Angst vor Übergriffen schränkt den Bewegungsradius von Frauen und Mädchen ein. Wie sehr? Da gibt es eine riesige Bandbreite. In Wien ist diese Einschränkung nur minimal – an wenigen Orten, zu wenigen Zeiten, unter wenigen Umständen sagt man: Lass ichs lieber bleiben. Nehm ich ein Taxi.
Anderswo sind die Einschränkungen massiver. Verbauen Bildungschancen, erzeugen wirtschaftliche Abhängigkeit. Das Risiko, im Bus oder Sammeltaxi belästigt zu werden, hält viele Frauen in arabischen Ländern davon ab, bezahlte Jobs anzunehmen (oder dient als Vorwand ihrer Ehemänner, um ihnen das zu verbieten). Es hindert Mädchen in Nigeria daran, höhere Schulen zu besuchen (wenn die Schule im Nachbarort ist, und der Weg dorthin gefährlich).
Im Extremfall ist der Radius so eng, dass sogar Pinkeln zum täglichen Spießrutenlauf wird. In indischen Dörfern fehlen Latrinen. Um unbeobachtet ihre Notdurft verrichten zu können, müssen Mädchen und Frauen außer Sichtweite auf die Felder schleichen, wo ihnen häufig Männer auflauern. Weichen Frauen in den Schutz der Dunkelheit aus, wird es nur noch gefährlicher.
2. Privater und öffentlicher Raum
In der patriarchalen Ordnung sind die Sphären der Geschlechter voneinander getrennt – und Männer und Frauen bekommen unterschiedliche Aufgaben zugewiesen, die sie dort erfüllen müssen. Die Öffentlichkeit gehört dem Mann, das Private der Frau. Ihm die Straße, das Geschäftsleben, der Sportplatz, der Markt. Ihr die Familie, Haus und Garten, mit Zaun drumherum.
Es ist eine interessante Übung, an verschiedenen Orten der Welt zu beobachten, wer die Mitte des öffentlichen Raumes besetzt, und mit welcher Körpersprache. Wenn dort vorwiegend Männer stehen, sitzen, rauchen, quatschen, dann bleiben Frauen eher an den Rändern – sie erledigen ihre Besorgungen möglichst zügig, gehen zielstrebig, halten den Kopf gesenkt, vermeiden Blickkontakt, wollen keine Aufmerksamkeit erregen. Im Extremfall, wie unter den Taliban, gehört die Straße den Männern ganz allein. Um sie ausnahmsweise zu betreten, muss sich eine Frau erst unsichtbar machen, entmenschlichen, indem sie sich eine Burka überwirft.
Alles weit weg, klar. Doch einen Nachhall der patriarchalen Trennung zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Männer- und Frauensphäre, gibt es auch bei uns. Man erkennt ihn in der Selbstverständlichkeit, mit der Burschen den Ballkäfig im Park besetzen und sich beim Spielen zuschauen lassen, während sich Mädchen bereitwillig zum Quatschen in die Sicherheit ihrer Zimmer zurückziehen.
Als Faustregel gilt: Je patriarchaler die Gesellschaft, je rigider die räumliche Trennung von Männern und Frauen – desto enger wird der Raum, in dem sie einander entspannt begegnen können und gemeinsam normale Alltagserfahrungen machen. Desto größer werden die sexuellen Spannungen.
3. Der Übergriff als Strafe
Wie hält man Frauen davon ab, sich in der Öffentlichkeit allzu breit zu machen? Man diszipliniert sie mit Strafen. Manchmal macht das der Staat direkt (Saudi-Arabien etwa verbietet das Frauen das Autofahren; auf den iranischen Straßen patrouillieren Revolutionswächter mit Peitschen.) Anderswo handeln Bestrafungskommandos informell, in Eigenregie. Gezielte sexuelle Übergriffe sind dabei eine beliebte Methode. Was in der Silvesternacht in Köln passierte, kennt man am Tahrir-Platz von Kairo seit Jahren: Eine Männerhorde isoliert eine einzelne Frau von ihrer Begleitung, jagt sie, kreist sie ein, bedrängt und begrapscht sie, reißt ihr die Kleider vom Leib.
Offensives, öffentliches Grapschen ist etwas anderes, als sich heimlich eine intime Berührung zu erschleichen. Es dient nicht nur der individuellen sexuellen Erregung, sondern ist gleichzeitig eine gesellschaftliche Machtdemonstration. Es bedeutet: Dieser Raum gehört mir. Ich kann hier machen, was ich will, du bist hier bloß ein Fremdkörper, mein Spielzeug, ein Ding. Du hast den dir zugedachten Raum verlassen, bist nicht geblieben, wo du hingehörst, jetzt wirst du die Folgen dieser Grenzverletzung spüren.
Wie gerade der Tahrir zeigt, ist „Öffentlichkeit“ nicht nur ein räumlicher, sondern auch ein politischer Begriff. In der Arena versammelten sich die Bürger der Antike, und der Tahrir war das Zentrum der Demokratiebewegung im arabischen Frühling. Junge Männer und Frauen hielten den Platz monatelang besetzt, hofften gemeinsam auf eine neue Ära – und scheiterten. Die heutigen Hetzjagden auf dem Tahrir kann man somit auch als Strafe für den Aufstand verstehen, als Abrechnung mit der Revolution. Und als Warnung: Ihr Frauen habt weder auf diesem Platz noch in der Politik etwas verloren.
4. Die Heilige und die Hure
Neben der Trennung in Männer- und Frauensphäre hat sich das Patriarchat noch eine zweites perfides Herrschaftsinstitument ausgedacht: Die Einteilung der Frauen in Heilige und Huren. Eine Frau demnach genau drei Möglichkeiten: Entweder sie ist Jungfrau, oder sie gehört einem Ehemann, oder sie gehört allen Männern. Sonst gibt es nichts.
Die Heilige, meistens in Gestalt der Mutter, ist ehrenhaft, unantastbar, asexuell. Sie wird beschützt, verehrt, vor fremden Männern abgeschirmt und verteidigt. Ein Frau hingegen, die auf dieselben Rechte und Freiheiten pocht wie ein Mann, die sich der Öffentlichkeit aussetzt, eigene Wege geht, oder sich gar ihre Sexualpartner selbst aussuchen will – die hat ihren Anspruch auf Schutz verwirkt. Sie wird zur „Hure“erklärt. Dann ist sie quasi Allgemeingut, Freiwild.
Man neigt dazu, diesen perversen Ehrbegriff exklusiv dem Islam zuzuschreiben. „Eine Religion, die die Frau entweder als Besitz des Mannes oder als Gefahr für seine Moral sieht, ist daran mitverantwortlich“, sagt der Buchautor Hamed Abdel-Samad. Doch gibt es dieses Denkmuster auch anderswo, etwa in Indien. Die brutalen Vergewaltiger und Mörder der 23jährigen Jyoti Singh Pandey rechtfertigten ihre Tat damit, dass die Studentin am Abend mit ihrem Freund unterwegs war. In den Augen der Täter – und vieler, die ähnlich dachten – hatte sie damit ihre „Ehre“ und ihren Anspruch auf respektvollen Umgang bereits verspielt.
Brutal ausgedrückt: Sobald einer hingegriffen hat, dürfen alle hingreifen. Was dazu führt, dass bei kollektiven sexuellen Übergriffen rasch die Dämme brechen, sich die Aggression hochschaukelt. Die Frau erfüllt in diesem demütigenden Moment noch einen zweiten, beinahe rituellen Zweck: Sie schweißt die Täter zusammen, schmiedet Gemeinschaftsgefühl, man berauscht sich an der gemeinsamen Macht.
5. Der unmoralische Westen
Die meisten der Kölner Tatverdächtigen dürften, ersten Ermittlungsergebnissen zufolge, erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sein. Was zur Frage führt: Was für ein Bild von der westlichen Frau haben sie von daheim mitgebracht? Was dachten sie denn, wie sich Sex im Westen abspielt, und was man hier von Frauen kriegen kann?
Noch weiß man nichts über die individuellen Motive. Sicher jedoch hat die ideologische Konfrontation zwischen dem Westen und der islamischen Welt in den letzten Jahren viele dramatische Missverständnisse erzeugt. Bei Regierenden, die sich gegenüber dem Westen abgrenzen wollen, hat sich ein simples Muster etabliert, um den westlichen Freiheitsbegriff schlechtzumachen: Man setzt Freiheit mit moralischer Zügellosigkeit und sexueller Perversion gleich. Speziell in der arabischen Welt wird der Begriff „sexuelle Rechte“häufig absichtlich verdreht – er dient „als Kürzel für eine westliche gesellschaftspolitische Agenda, gleichbedeutend mit Homosexualität, freier Liebe, Prostitution, Pornographie“, wie die Medizinerin Shereen el Feki erklärt.
Angesichts der rigiden Sexualmoral im eigenen Land ist dieses Bild für viele Männer allerdings nicht nur abstoßend – sondern gleichzeitig verlockend. Freizügige westliche Frauen kennt man aus Filmen. Aus Pornofilmen im Internet. Man weiß, dass für sie andere Schicklichkeitsregeln gelten als für die eigenen Frauen. Aber welche genau? Das weiß man nicht. „Verheißung ohne Erfahrung“, sagt El Feki dazu.
6. Das Umfeld
Womit wir, was die Einordnung der Ereignisse von Köln betrifft, bei einem entscheidenden Punkt sind: Der Frage, wie das Umfeld auf einen sexuellen Übergriff reagiert. Ob er als massiver Regelbruch wahrgenommen wird – oder als normal gilt.
Für das Opfer macht das einen entscheidenden Unterschied. Eine grapschende Hand fühlt sich demütigend an. Aber noch demütigender ist es, wenn der Täter signalisiert: Ich kann das. Ich darf das, ich bin im Recht. Blickt eine Frau in diesem Moment in hämisch grinsende, den Täter anfeuernde Gesichter rundum? Oder kann sie damit rechnen, dass ihr jemand beispringt, dazwischengeht, laut protestiert? Ist Polizei in der Nähe, wird diese Frage noch existenzieller. Noch schlimmer als keine Polizei ist nämlich: eine Polizei, die einem Übergriff untätig zuschaut, und ihn damit quasi staatlich sanktioniert.
Einen ebenso riesigen Unterschied macht die Frage, was nach einem sexuellen Übergriff passiert. An wem die Schuld festgemacht wird. Muss eine Frau damit rechnen, von Familie oder Ehemann verstoßen zu werden? Ist ihre materielle Existenz vernichtet, weil sie auf dem Heiratsmarkt nun unvermittelbar ist? Wird sie vor Gericht bloßgestellt, ein zweites Mal gedemütigt, diesmal sogar mit amtlichem Siegel? Oder wird der Täter bestraft und sie damit rehabilitiert?
An dieser Stelle ist es interessant, internationale Statistiken über Sexualstraftaten zu vergleichen. In Schweden werden demnach, pro 100.000 Einwohner, jährlich 46,5 Vergewaltigungen angezeigt, in Indien hingegen nur 1,8. Ähnlich niedrig sind die Zahlen in arabischen Ländern. Was sicher nicht bedeutet, dass Schwedinnen häufger vergewaltigt werden als alle anderen Frauen auf der Welt. Sondern, dass sie häufiger als alle anderen darauf vertrauen, dass Justiz, Behörden und Umfeld auf ihrer Seite stehen. Eine Schwedin weiß, dass das, was ihr widerfahren ist, nicht „normal“ ist, und sie weiß sich moralisch im Recht.
Sexuelle Übergriffe im öffentlichen Raum haben gegenüber anderen Sexualstraftaten schließlich einen wesentlichen Vorteil: Sie finden öffentlich statt. In einer Öffentlichkeit, die entweder einen potentiellen Täter ermuntert, oder ein potentielles Opfer schützt. Und diese Öffentlichkeit sind wir.

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