In Deutschland erscheint „Mein Kampf“ neu. Während in Russland ideologisch nicht genehme Bücher vernichtet werden. Über den Umgang mit dem, was man ablehnt.

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Ob wirklich ein Scheiterhaufen angezündet wurde, ist unklar. Fest steht, dass hunderte Bücher aus den Regalen gezerrt, auf Haufen geschmissen und zerstört wurden. Durch Flammen – wie die einen berichteten -, oder im Reißwolf, wie andere sagen. Jedenfalls aus inhaltlichen Gründen. Was kann an Büchern so gefährlich sein? Alles, offenbar. Es waren Werke über den französischen Surrealismus, über Sportpädagogik, Krimininalistik und das russische Finanzwesen.
Was die Bücher verbindet, war, dass ihre Herausgabe vom „Open Society Institute“ des US-Milliardärs George Soros mitfinanziert wurde. In den Neunzigerjahren unterstützte die Soros-Stiftung russische Wissenschaftler mit großzügigen Stipendien und Forschungszuschüssen, ohne die der Betrieb vieler Institute völlig zusammengebrochen wäre. Die russische Führung interpretiert diese Einmischung schon lang als feindlichen Angriff, und setzte die Stiftung 2015 auf die „patriotische Stopp-Liste“. Wie viele andere ausländische NGOs auch, von denen es heißt, sie seien „eine unerwünschte Gefahr für die Fundamente der verfassungsmäßigen Ordnung, der Wehrkraft oder der Sicherheit des Staates“.
Schauplatz der Bücherverbrennung vergangene Woche war der eiskalte Nordwesten Russlands, die Teilrepublik Komi, speziell die Städte Uchta und Workuta am Polarkreis (dass letztere Stadt unter Stalin von Gulag-Häftlingen und Kriegsgefangenen unter schrecklichen Bedinungen in Zwangsarbeit erbaut wurde, fügt der Geschichte eine weitere interessante Facette hinzu). Der Präsidentenvertreter für die Region jedenfalls nahm den Säuberungsauftrag von oben besonders ernst. Die Bücher müssten vernichtet werden, ordnete er an, „weil sie unter jungen Menschen eine verzerrte Wahrnehmung der vaterländischen Geschichte formieren und Werte verbreiten, die der russischen Ideologie fremd sind.“
Sehr weit weg, diese Ereignisse am Polarkreis, könnte man sagen. Richtig. Und es müsste uns nicht weiter beschäftigen – würde man nicht Spurenelemente dieses Denkens auch bei uns finden. Immer dringender, scheint mir, wird auch hier das Bedürfnis, sich ausschließlich mit Themen, Thesen und Tatsachen zu umgeben, die einem bereits vertraut sind. Immer vehementer, scheint mir, wird die Abwehr von Meinungen, die der eigenen, bereits gefassten, widersprechen könnten. Was dem eigenen Weltbild fremd ist, lässt kaum jemand mehr an sich heran. Man will sich gar nicht erst die Mühe machen, zu verstehen, auf welchen Erfahrungsgrundlagen andere Sichtweisen beruhen, und welche Motive zugrundeliegen. Nein, es reicht, eine Aussage dem feindlichen, fremden Lager zuzuordnen. Sie polemisch zu überspitzen und zu diffamieren. Damit ist sie (samt der Person, die sie formuliert hat) ein für allemal diskretitiert, keine weitere Debatte notwendig.
Dieser Reflex lähmt das Denken. Er führt dazu, dass der Diskurs auf der Stelle tritt, und sich alle Seiten immer tiefer in ihre Schützengräben einbuddeln, ohne sich überhaupt noch zu trauen, den Kopf herauszustecken. Gescheiter wird dadurch niemand.
Besser wäre: Die Auseinandersetzung wieder zu lernen. Den begründeten Widerspruch. Den anderen nach seinen Belegen zu fragen, und diesen die eigenen Belege gegenüberzustellen. Den offensichtlichen Unsinn ins Reich der Legenden verweisen, und alle anderen Argumente, mögen sie einem noch so fremd erscheinen, mit Gegenargumenten zu entkräften.
In diesem Sinn ist es ein symbolträchtiger Schritt, dass vergangene Woche, zeitgleich mit den Bücherverbrennungen am russischen Polarkreis, in Deutschland Adolf Hitlers „Mein Kampf“ neu erschien, und ab sofort im Buchhandel erhältlich ist. Mit ausführlichen Kommentaren, Anmerkungen, historischer Einbettung und Quellenkritik.
Lesen, analysieren, verstehen, widersprechen – statt verbieten und verbrennen: Wenn das sogar mit „Mein Kampf“ geht – dann geht es überall.

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