Historisch gesehen, waren große Fluchtbewegungen in Europa der Normalfall. Abzulesen auch an den Familiengeschichten von Andreas Khol und Alexander Van der Bellen.

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Ein eigenwilliger junger Mann muss Herbert K. gewesen sein. Aber die Umstände machten es ihm schwer. Er gehörte einer unterdrückten Minderheit an – den deutschsprachigen Südtirolern in Italien. In Herberts Schulzeit standen die Zeichen auf Eskalation. Er musste die Schule abbrechen, seinen Abschluss im Ausland machen, noch einmal trieb ihn das Heimweh nach Hause, doch dann drohte eine Gefahr, der Herbert unbedingt entrinnen wollte: der Einberufungsbefehl in die Armee. Für ein Regime kämpfen, das er aus ganzem Herzen ablehnte, im fernen Abessinien? Nein. „Für Mussolini sterben wir nicht“, hieß es in der Familie K., wie neulich hier in der „Presse“ zu lesen war. Also desertierte Herbert. Lief davon über die Grenze, nach Deutschland, immer weiter, bis übers Meer, zur Ostseeinsel Rügen. Herbert K. hatte er Glück. Er lernte eine Frau kennen, sie bekamen ein Baby.
Ein Flüchtlingskind, geboren fern der Heimat, mitten im Krieg. Das Flüchtlingskind ist heute Bundespräsidentschaftskandidat.
Alexander V. muss ebenfalls ein Mann mit Eigensinn gewesen sein, und einem wachen Gespür. Die Fremdheitserfahrung hatte er wohl von seinem Vater geerbt, der sich als holländischer Kaufmann in Russland niedergelassen hatte. Gerade noch rechtzeitig war dieser der bolschewististischen Revolution, samt Enteignung und Terror entkommen, indem er über die Grenze ins benachbarte Estland floh. Alexander muss die Wachsamkeit von klein auf mitgekriegt haben. Als er erwachsen war, 1941, erwischte das Vertriebenenschicksal dann auch ihn. Die Sowjets marschierten in Estland ein, Alexander V. floh an der Seite seiner estnischen Frau ins Deutsche Reich, wo sie in einem Flüchtlingslager lebten. Als die Rote Armee schon wieder näherrückte, flohen sie weiter nach Westen, ins Tiroler Kaunertal, wo 1944 ihr Baby geboren wurde.
Noch ein Flüchtlingskind, geboren fern der Heimat (welcher Heimat eigentlich?), mitten im Krieg. Auch der ist heute Bundespräsidentschaftskandidat.
Zwei zufällige österreichische Familiengeschichten sind das. Hoffentlich werden sie im kommenden Wahlkampf zur Sprache kommen, wenn die aktuelle Flüchtlingskrise Thema ist. Denn sie erinnern uns daran, dass die Flüchtlinge mitten unter uns sind – und schon immer mitten unter uns waren, in so gut wie jeder Generation.
Die Völkerkarawanen, die den Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie begleiteten. Die ethnischen Säuberungen, die mit der Errichtung der Nationalstaaten einhergingen. Die Vertreibung und Ermordnung der europäischen Juden. Die Millionen „displaced people“, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs halbverhungert durch Europa irrten. Zwangsumsiedlungen ganzer Völkerschaften innerhalb der Sowjetnunion. Die Niederschlagung politischer Aufstände und die Fluchtwellen über den Eisernen Vorhang hinweg. Die Balkankriege. Das alles hat sich in die DNA Europas eingeschrieben. Es ist alles noch da.
Mädchen, die vor zwanzig Jahren verschreckt an den Händen ihrer Eltern aus Bosnien herkamen, sind heute Lehrerinnen, und erkennen sich in jenen syrischen Kindern wieder, die da plötzlich neu in ihren Klassen sitzen. Auch heute desertieren junge Männer aus Armeen, die nicht die ihren sind („für Assad sterben wir nicht“). Und die schiitische Minderheit der Hazara, der die meisten afghanischen Flüchtlinge in Österreich angehören, erlebt heute ähliches wie viele verfolgte europäische Minderheiten vor ihnen. Es braucht schon ziemlich viel Anstrengung, um solche offensichtlichen Kontinuitäten nicht wiedererkennen zu wollen.
Ein treuer Leserbriefschreiber rügte unlängst meine Kolumnen zur Flüchtlingskrise. Er als Sudetendeutscher müsse in den aktuellen Ereignissen doch viele seiner persönlichen Erfahrungen wiedererkennen, merkte ich an. Seine Antwort war entrüstet: Er sei doch kein Flüchtling, sondern Heimatvertriebener! Das sei etwas völlig anderes!
Nein, ist es nicht.

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2 Responses to Wohin man auch schaut: Lauter Flüchtlingskinder

  1. Monika Stadlmair sagt:

    Ich habe durch Zufall Ihren Artikel gelesen und stimme in vollem Umfang zu besonders Ihrer Antwort Ihrem sudetendeutschen Briefschreiber. Mein Urgrossvater kam aus dem damaligen Grenzgebiet Jugoslavien/Österreich und mein Vater und seine Schwester samt ihren Eltern galten noch nach dem 2. Weltkrieg als staatenlos und mussten sich erst einbürgern lassen.
    Alle Menschen auf dem Planeten Erde haben einen Migrationshintergrund da die Wiege der Menschheit in Afrika ist.
    LG Monika Stadlmair

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