Nächste Woche wird es wieder verteilt: Das Semesterzeugnis der vierten Klasse. Es entscheidet über Gymnasium oder Mittelschule. Doch es ist ein höchst untaugliches Instrument.

Ein report für den Falter

In Hogwarts teilt ein Sortierhut die Kinder den verschiedenen Schulhäusern zu: die Mutigen nach Griffindor, die Schlauen nach Ravenclaw, die Lustigen nach Hufflepuff, die Bösen nach Slytherine. Der Hut spürt halt irgendwie, wohin welches Kind gehört.
In Österreichs Schulsystem dient zu diesem Zweck ein schlichter weißer Zettel, Format A4, normales Papier. Kein amtliches Dokument, kein Wasserzeichen. Es ist nicht einmal ein richtiges Zeugnis. „Schulnachricht“ steht drauf, vierte Schulstufe. Geburtsdatum, Religionsbekenntnis, Fächer von Religion und Sachunterricht bis „Bewegung und Sport“. Darunter die Unterschrift der Klassenlehrerin.
Die Kinder, die diesen Zettel nächsten Freitag in die Hand bekommen, sind im Durchschnitt neueneinhalb Jahre alt. Tausende Eltern und tausende Volksschullehrerinnen haben deswegen in den vergangenen Monaten schlecht geschlafen. Denn mit diesem Zettel fällt die folgenschwerste Entscheidung im Verlauf jeder Wiener Bildungsbiographie: Gymnasium – ja oder nein. Mit Einsern oder Zweiern in Deutsch und Mathematik ist man dabei. Mit einem Dreier in einem der beiden Fächer ist man so gut wie draußen. In Wien steht die Chance ungefähr 50:50.
Der Druck ist enorm. Man spürt ihn gleich zu Beginn des Schuljahrs. „Plötzlich merkt man: jetzt wird’s ernst“, sagt die Lehrerin Christine L. „Plötzlich stehen die Eltern ständig auf der Matte und fragen nach “, sagt Sonja B. „Der erste Sprechtag im Herbst ist besonders unangenehm“, sagt ihre Kollegin Susanne A. „Da sind die ersten Schularbeitsnoten da, und bei einigen Eltern bricht plötzlich Panik aus.“
Doris S. etwa, Mutter eines neuneinhalbjährigen Sohnes, geht derzeit durch ein Wechselbad der Gefühle. Sie ist selbst AHS-Professorin und eine überzeugte Verfechterin des zweigeteilten Schulsystems. „Alle Kinder“ in ihrer Klasse sitzen zu haben, kann sie sich nicht vorstellen. Doch nun gibt es eine Volksschullehrerin, die ihrem Sohn einen Dreier in Deutsch geben will – und meint, er gehöre nicht ins Gymnasium. Damit hat Doris S. nie gerechnet. Die Familie mache eine schwere Zeit durch, versucht sie zu argumentieren, die Großeltern seien pflegebedürftig, sie habe wenig Zeit. Doris S. empfindet das als ungerecht. Sie fühlt sich hilflos und allein.
Man kennt das in praktisch jeder Schule: Kinder, die jahrelang gern in die Schule gingen – und plötzlich schlecht schlafen oder aggressiv werden. Eltern, die – absichtlich oder unabsichtlich – anfangen, ihrern Kindern Angst zu machen – Angst vor dem Versagen, vor dem Übrigbleiben. Und Lehrerinnen, die sich wappnen müssen. Gegen Ausreden („Der Lukas macht grad eine schwirige Phase durch“), Bitten („Sie können doch meinem Kind nicht die Zukunft verbauen!“), offene Missachtung („Sie können das gar nicht beurteilen, Sie sind inkompetent!“) oder gar Drohungen („Das wird Folgen für Sie haben!“).
Auch der Personalvertreter Thomas Bulant kennt das. Bei ihm klagen Lererinnen über mehr oder weniger versteckte „Versuche, sie wohlwollend zu stimmen“, mitunter wird mit dem Anwalt gedroht. „Der Stress ist schwer auszuhalten“, so Bulant. Vor drei Jahren nahm er derart überhand, dass der Stadtschulrat einen Brief verschickte, um Lehrerinnen den Rücken zu stärken: „Wir möchten Ihnen versichern, dass wir in jedem Fall Ihrer Expertise vertrauen!“ stand da, in rot gedruckten Lettern. „Dass Sie die korrekte Beurteilung frei von ungerechtfertigten Beeinflussungen durch Dritte vornehmen, unterstützen wir ausnahmslos.“
Es geht um viel. Anders als in ländlichen Regionen, ist die AHS in Wien quasi die Gesamtschule für alle bildungsnäheren Familien; die Mittelschule hingegen gilt in diesen Kreisen als absolutes No-Go. So sehr man sich in der NMS um moderne Unterrichtsmethoden und inhaltliche Schwerpunkte bemüht – sozial gesehen, bleibt sie die „Restschule“ für alle, die beim Sortieren übrig bleiben. Für Kinder, die nicht gut deutsch sprechen; Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen; Flüchtlingskinder; Kinder aus Familien, die sich hier zu wenig auskennen, überfordert sind, oder sich für die Bildung ihrer Kinder nicht interessieren. Kinder auf dem Verlierergleis.
Denn obwohl in der AHS-Unterstufe und in der NMS derselbe Lehrplan gilt, gibt es für die Kinder – einmal auf eins der beiden Gleise gestellt – kaum einen Weg zurück. Weniger als 100 Kinder pro Jahr, verteilt auf alle Schulstufen, werden von den AHS in Mittelschulen zurückgeschickt – „Rückfluter“ nennt man sie. Noch viel kleiner ist die Zahl jener, denen umgekehrt der Wechsel aus einer Mittelschule ins die AHS-Unterstufe gelingt: die kann man, laut Auskunft des Stadtschulrats, an ein paar Händen abzählen. Schon allein deswegen, weil die Gymnasialklassen, wegen der wenigen „Rückfluter“, ja voll sind.
Einmal drin, für immer drin: Das wissen Eltern, Kinder, LehrerInnen, DirektorInnen. Umso mehr Gewicht hängt am Semsterzeugnis der vierten Klasse. Und umso drängender stellt sich die Frage: Eignt es sich dafür überhaupt?
Schon über die Frage, was es eigentlich misst, herrscht Uneinigkeit. „Die Leistung“, sagt Sonja B. „Die Grundintelligenz, die Einstellung“, sagt Christine L. „Ein gewisses Etwas, die Bereitschaft, sich anzustrengen“ sagt Susanne A. „Ob ein Kind das hat oder nicht, weiß ich oft schon in der zweiten Klasse.“
„Es misst, wie sehr die Eltern dahinter sind“, sagt hingegen Astrid F. Es gibt Eltern, die schon bei der Schuleinschreibung den Wunsch nach der AHS deponieren. Die mit dem Kind üben, Aufgaben machen, mitzittern, als ginge es um ihre eigene Note, und dann erwarten, dass ihr Eifer belohnt wird.
Jede Lehrerin kennt Fälle, in denen unverdiente Noten eingetragen werden – und manche geben das auch offen zu. „Wenn du weißt, das Kind passt gut in eine bestimmte AHS, aber die nimmt es mit zwei Zweiern nicht – dann gibst du ihm halt nur einen Zweier“, sagt eine. „Wenn du merkst, das Gymnasium ist einem Kind wahnsinnig wichtig – willst du dich dann wirklich aktiv dagegen stellen?“ sagt eine andere. Und fügt seufzend hinzu: „Ich finde es schrecklich, dass ich in dieser Rolle stecke.“
Wie wenig diese Noten aussagen, ist den Gymnasien klar. „Ich hab immer genau gewusst: Ein Einser der Schule x bedeutet dasselbe wie ein Zweier der Schule y, und wenn er von einer speziellen Lehrerin kommt, dann kann er auch gleichbedeutend mit einem Dreier sein“, erzählt ein AHS-Direktor. Weil er gleichzeitig Lateinprofessor ist, fügt er ein „Summum ius, summa iniuria“ hinzu: Die Einhaltung aller Regeln kann Ungerechtigkeit erzeugen.
Denn so wenig die AHS-Direktoren den Semesterzeugnissen glauben – sie sind an die formellen Aufnahmekriterien (Geschwisterkinder, Wohnortnähe, Deutsch- und Mathematiknote) gebunden, Spielraum gibt es nicht. Nicht einmal dann, wenn ein Deutsch-Dreier darauf beruht, dass ein womöglich hochbegabtes Kind eine andere Muttersprache hat und erst kurz im Land ist. Auch andere individuelle Umstände haben bei der Entscheidung keinen Platz – zumal normalerweise zwischen Volksschul- und Gymnasiallehrern ja nicht einmal Kontakt besteht.
Seit schulübergreifende anonymisierte Lesetests durchgeführt wurden, erscheint die Ungerechtigkeit des Sortierungsmodus in noch deutlicherem, grellerem Licht. Diese Tests offenbaren in der fünften Schulstufe riesige Leistungsdiskrepanzen – allerdings sowohl innerhalb der NMS, als auch innerhalb der Gymnasien, mit einem großen Überlappungsbereich beider Schularten. Was die Vermutung aufdrängt, dass gar nicht nach „Leistung“, sortiert wird, sondern nach anderen Kriterien: nach Schichtzugehörigkeit, nach Erwartungshaltungen, nach sozialer Homogenität.
Diesen Verdacht legt auch die regionale Aufschlüsselung der AHS-Übertritte nach Bezirken nahe. Demnach treten in Wieden 77% der Viertklässler in die AHS über, im benachbarten Margareten hingegen nur 36%. Im Hietzing sind es 79%, in Rudolfsheim-Fünfhaus nur 39%. In Währing 78%, in der Brigittenau 41%. Weil es in bürgerlichen Bezirken doppelt so viele intelligente Neuneinhalbjährige gibt wie in Arbeiterbezirken? Nein. Wohl eher, weil man in besseren Wohngegenden eher meint, ein Neuneinhalbjähriges Kind „gehöre“ halt ins Gymnasium.
„Österreichische Kinder werden als zwei Arten geboren: als Gymnasiasten oder Nichtgymnasiasten“, schreibt der Erziehungswissenschaftler Karl Heinz Gruber bitter in einem Essay im „Standard“: „Jedem Haserl sein Graserl.“
Diese Erwartungshaltung ist vielen Volksschullehrerinnen bewusst. Jahrelang sind sie ein wichtige Bezugsperson für die Kinder, kriegen viel mit über die Lebensbedingungen zu Hause, die materiellen Umstände, die Werthaltungen, die Konflikte, die es dort gibt. Alles das spielt eine Rolle, wenn man entscheiden soll, was für ein Kind wohl „das Beste“ sei. Wird ein Gymnasiast Unterstützung von zu Hause bekommen? Werden die Eltern bei den Aufgaben helfen, können sie Nachhilfestunden zahlen? Wird ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen an einer Schnöselschule vielleicht gemobbt? „Manchmal denkst du dir: Das Kind ist so sensibel“, sagt Sonja B. „Du möchtest ihm die Enttäuschung ersparen, dass es vielleicht im Gymnasium sitzenbleibt, und sagst: Vielleicht besser, wenn es in der KMS die Klassenbeste ist.“
In jedem Fall gilt: Ein Kind dorthin zu schicken, wo es äußerlich nicht „hingehört“, bedeutet Konflikt. Es dorthin zu schicken, wo es „hingehört“, ist der leichtere Weg.
Sogar das simpelste aller AHS-Aufnahmekriterien, die Frage nach Geschwisterkindern, die dort bereits hingehen, verrät, wie wenig es um die Leistung des individuellen Kindes geht, und wie viel um soziale Zuordungen. Die Intelligenz, das Talent und die Strebsamkeit der großen Schwester sagt schließlich wenig über die Intelligenz, das Talent und die Strebsamkeit des kleinen Bruders aus. Dennoch beobachtet man in bildungsfernen Familien häufig das Phänomen, dass ein Kind für alle nachkommenden Geschwister die Tür zur Matura aufstoßen kann.
Auch jene, die die Existenz des Gymnasiums verteidigen, sehen im Aufnahmeverfahren Reformbedarf. Der Tiroler Landesschulrat etwa wünscht sich ein standardisiertes Raster, in das die Volksschullehrer die Kompetenzen der Kinder eintragen. Andere wünschen sich mehrteilige Aufnahmeverfahren, bestehend aus Begabungstests, Entwicklungsprognosen und Bewerbungsgesprächen. Jene, die sich angesichts des großen Andrangs in die AHS Sorgen um das „sinkende Niveau“ machen, fordern, jene Aufnahmeprüfungen wiedereinzuführen, die in den Siebzigerjahren abgeschafft wurden.
Der ehemalige Gymnasialdirektor und unvermüdliche Bildungsaktivist Erwin Greiner hingegen sieht in alldem bloß hilflose Versuche, ein Sortierungssystem aufrechtzuerhalten, dessen Untauglichkeit und Ungerechtigkeit längst erwiesen ist. Seine ehemalige Schule, in der Theodor-Kramer-Gasse, ist eine von ganz wenigen AHS, die – im Rahmen eines Schulversuchs – seit Jahrezehnten auch Kinder ohne AHS-Reife aufnehmen. „Bei einem Jahrgang hab ich mir die Mühe gemacht, acht Jahre später nachzuschauen: Jeder sechste Jugendliche, der bei uns maturiert hat, wäre mit Neuneinhalb aussortiert worden“, erzählt er. „Manche Kinder brauchen halt ein bissl mehr Zeit, bis ihnen der Knopf aufgeht. Und um jedes einzelne, das uns da verloren geht, ist es jammerschade.“
Erwin Greiner war selbst ein Arbeiterkind, das eigentlich nicht ins Gymnasium „gehörte“. Heute kämpft er mit aller Leidenschaft für die gemeinsame Schule der zehn-bis 14jährigen. Ebenso wie der Bildungswissenschaftler Karl Heinz Gruber. Auch den meisten der für diese Geschichte befragten Volksschullehrerinnen wäre es lieber, ihnen bliebe die Trennungsaufgabe erspart.
Vielleicht wäre demnächst sogar die AHS-Lehrerin Doris S. von den Vorteilen der gemeinsamen Schule überzeugt. Wenn ihr Kind, wegen des ungerechten Deutsch-Dreiers im Semesterzeugnis, am Gymnasium abgewisen wird.

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