Der Hürdenlauf über die Balkanroute ist lebensgefährlich und kontraproduktiv – für alle. Wollen wir tatsächlich, dass nur die Stärksten durchkommen?

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Mehrere zehntausend Menschen stehen also jetzt an der syrisch-türkischen Grenze. Männer, Frauen, Kinder, Alte, Junge; Kranke und Verwundete sind unter ihnen. Sie kommen aus Aleppo, fliehen vor russischen Bomben und einer Offensive der Regierungsarmee. Sie tragen ein paar Habseligkeiten, es ist kalt in der Nacht, nass, es gibt wenig zu essen und keine Zelte, es ist Winter.

Nach einem halben Jahr Flüchtlingskrise in Europa, nach einem halben Jahr des Wunschdenkens, des Ideologisierens und der Begriffsverwirrungen führen uns diese Menschen aus Aleppo vielleicht zur Kernfrage zurück, um die es geht: Wie bringt man Kriegsflüchtlinge in Sicherheit?

Was Europa – im Windschatten von Angela Merkel – derzeit fordert, klingt beim ersten Hinhören paradox: Einerseits verlangt es von der Türkei, die syrische Grenze zu öffnen und die Flüchtlinge einzulassen. Gleichzeitig verlangt Europa jedoch von der Türkei, die Grenzen zu Griechenland dichtzumachen und niemanden mehr über die Balkanroute weiterreisen zu lassen.

Diese doppelte Botschaft ist entweder sehr zynisch. Oder sie ist sehr vernünftig. Vernünftig ist sie allerdings nur dann, wenn Europa gleichzeitig jenes Angebot macht, das es von Anfang an hätte machen müssen: Es muss mehrere hunderttausend syrische Flüchtlinge nach Europa holen. Und zwar auf direktem Weg, direkt aus den mittlerweile völlig überforderten Grenzregionen in der Türkei und im Libanon. Geordnet, organisiert, registriert, mit gültigen Reisepapieren, am besten mit dem Flugzeug. Ohne Umweg über die unselige Balkanroute.

Denn genau jetzt muss man dran erinnern, warum der Massentreck über die Balkanroute letztes Jahr überhaupt erst entstand: Weil es für Kriegsflüchtlinge keine andere Möglichkeit gab und gibt, Aufnahme oder vorübergehenden Schutz in Europa zu finden. Keine Botschaft, kein EU-Konsulat, keine UNHCR-Stelle weit und breit, an der man sich für ein Umsiedlungskontingent hätte anmelden können.

Menschen, die ziemlich sicher damit rechnen konnten, Asyl zu bekommen, wenn sie nur erst einmal auf österreichischem, deutschem oder schwedischem Boden ankämen, wurden und werden so in ein lebensgefährliches Hindernisrennen durch fünf, sechs, sieben Länder gehetzt. Zu Fuß, per Schlauchboot, durch die Stürme der Ägäis, durch Hitze, Kälte, Schlamm und Stacheldraht. Bis heute ist das ein Hürdenlauf, der nicht die Schutzbedürftigsten begünstigt, sondern die Schnellsten. Nicht die Verwundbarsten, sondern die Verwegensten. Und mit jedem neuen Grenzzaun, der derzeit aufgebaut wird, kommt eine neue Schikane dazu – an der wieder ein paar Zaghafte, Zögernde, Ängstliche scheitern werden.

„Nur die Härtesten kommen durch“ – ist das wirklich das Auswahlprinzip, nach dem Europa seine Flüchtlingspolitik dauerhaft ausrichten will? Wäre es denn nicht sinnvoller, komplette Familienverbände gezielt an vorher vereinbarte Orte zu evakuieren – statt dass sie erst verarmen, sich auszehren, auseinandergerissen werden, und man sie anschließend mit viel Zuwendung wieder aufrichten und zusammenführen muss?

Zumal erst der Hindernislauf über den Balkan viel von jenem Durcheinander erzeugt hat, an dem die europäische Asylbürokratie noch jahrelang kauen wird: Hier haben sich die Flüchtlingstrecks aus den Kriegsgebieten mit Migrantentrecks aus Nordafrika und anderen Ländern vermischt; hier wurden Familien zerstreut und tausende Jugendliche alleingelassen; hier sind zehntausende Menschen mitgeschwommen, die nie eine Chance auf ein Bleiberecht hatten, aber heute in Europa Ressourcen binden, die für die Versorgung von Kriegsflüchtlingen dringend gebraucht würden.

Die einst wunderschöne Stadt Aleppo also könnte demnächst fallen. Die Menschen von Aleppo werden Zuflucht brauchen. Statt sie auf Irrwege zu schicken, könnte man es diesmal mit klarer, ehrlicher Hilfe auf der Direttissima versuchen.

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