Ein amerikanischer Präsident, der Donald Trump heißt? Man will es nicht für möglich halten. Aber man muss es für möglich halten.

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Es wäre so schön, könnte man noch dran glauben: Dass die Menschheit voranschreitet, Schritt für Schritt, aus der Finsternis hinaus ins Licht der Aufklärung. Ab und zu mag es einen Stolperer geben, oder einen kleinen Umweg, doch man wüsste gern, dass grundsätzlich die Richtung stimmt. Je mehr Bildung in der Welt ist, je mehr Freiheit, sich zu informieren, desto besser werden die Entscheidungen der Menschen. So soll Demokratie sein.

Derzeit erleben wir jedoch das Gegenteil. Der Präsidentschaftswahlkampf in den USA lässt einen verzweifeln. An Donald Trumps Erfolg zerschellt jede Ratio. Hier ein kleine Auswahl an Gewissheiten, die innerhalb weniger Monate hinweggespült wurden, als hätten sie nie existiert.

  1. Niemals wird einer wie Trump Präsidentschaftskandidat der altehrwürdigen republikanischen Partei? Das hat die Partei bis vor kurzem selbst noch geglaubt. Ohne die großen Lobbies und potenten Geldgeber, meinte sie, könne sich kein Kandidat durchsetzen. Sie hat sich geirrt. Es ist nämlich simpel: Wer selbst Geld hat, braucht niemanden. Trump hat die Mechanik der amerikanischen Politik bloßgelegt und steigt einfach aufs Gaspedal.
  2. Wenn eine gewisse Geschmacksgrenze überschritten wird, wendet sich das Publikum mit Grausen ab? Nein, Etikette gibt es keine mehr. In Trumps Wahlkampf kommt alles vor, von Menstruationsblut bis Penisgröße, und je derber die Zoten werden, desto lauter johlt das Publikum. Denn die Grenzüberschreitung ist die eigentliche Attraktion. „Ich verachte die Etikette“ bedeutet: „Ich verachte das Establishment. Und im Gegensatz zu euch traue ich mich, das offen zu zeigen.“
  3. Man kann das aussitzen? Nein. Einfach ignorieren? Funktioniert auch nicht. Zurückschimpfen? Kontraproduktiv. Ernst nehmen, und mit Argumenten dagegenhalten? Laaaangweilig!
  4. Ein Kandidat muss intellektuell zumindest satisfaktionsfähig sein? Das war gestern. Mitunter ist Gescheitsein heute sogar kontraproduktiv. Das „New York Magazine“ vergleicht das mit einer Masche, die Internet-Betrüger anwenden: Die Rechtschreibfehler in ihren Spam-Mails schaden ihnen demnach nicht, sie nützen sogar. Sie sorgen dafür, intelligente Empfänger von vornherein herauszufiltern. Die Dummen sind nämlich die weitaus lohnenderen Opfer.
  5. Wähler werden von ihren Interessen geleitet? „It’s the economy, stupid“, wie Bill Clinton einst sagte? Nein, für die republikanischen Wähler gilt das längst nicht mehr, ihre eigene Partei hat es ihnen gründlich abgewöhnt. Sie hat die „kleinen Leute“ – Arbeiter, Arbeitslose, Gewerbetreibende – gegen eine allgemeine Krankenversicherung und für Steuersenkungen für die Reichen auf auf die Barrikaden getrieben. Dort oben stehen sie bis heute – ohne davon irgendeinen persönlichen Vorteil zu haben.
  6. Die Wähler wollen nicht belogen werden? Nein, es ist womöglich noch schlimmer: Die Wähler durchschauen genau, dass sie belogen werden, aber genießen es sogar. Weil es sich im Augenblick gut anfühlt, und jenseits des Augenblicks nichts existiert.
  7. Im Kommunikationszeitalter ist wichtig, was die Medien sagen? Nein, es ist völlig gleichgültig, Hauptsache, sie sagen irgendetwas. Und weil für Medien die Quote zählt und Trump Quote bringt, werden sie stets irgendetwas sagen.
  8. Kandidaten dürfen sich im Kommunikationszeitalter keine klitzekleine Lüge leisten, denn damit ist ihre Glaubwürdigkeit ein für allemal dahin? Nein, das gilt nur für die Clintons (wir erinnern uns an Bills Lewisnky-Affaire und Hillary, der die Benutzung eines falschen Mailaccounts zum Vorwurf gemacht wird). Jeder Kandidat wird an seinen eigenen Maßstäben gemessen. Wer keine Prinzipien hat, kann keine brechen.
  9. Die Demokraten können sich einen Kandidaten Trump als Gegner nur wünschen, denn damit ist Hillary Clinton die Präsidentschaft so gut wie sicher? Man soll aufpassen, was man sich wünscht. Denn warum sollte ausgerechnet diese letzte Gewissheit Bestand haben?
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