Die Großstadt ist ein Magnet für Menschen, mit denen man sich am Land nicht beschäftigen will. Das ist okay. Aber man darf die Stadt dafür nicht auch noch bestrafen.

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Das Leben kann schön sein am Land. Aber nicht immer. Mit ein bisschen Phantasie kann man sich Situationen vorstellen, in denen man lieber in die Großstadt zieht. Junge Leute sowieso: Man will sich ausprobieren, weg von der Kontrolle daheim, raus aus den vorgezeichneten Bahnen. Geld hab ich zwar keins, Wohnung und Job auch nicht, aber mal schauen, was die Stadt mit mir vorhat! Auch Außenseiter lockt die Großstadt, samt einer befreienden Erkenntnis: Ich bin ja gar nicht allein! Sei es ein spezieller Lebensstil, die sexuelle Orientierung, ein Thema, für das man brennt – erst in einer ausreichend großen Menge findet man genügend Menschen, die die eigenen Vorlieben teilen.
Wer am Land seinen Job verliert, hofft: In der Stadt finde ich vielleicht was Neues. Dort gibt es mehr potentielle Arbeitgeber, mehr potentielle Kunden, Fortbildungsmöglichkeiten, Kurse, Netzwerke; eventuell schaffe ich dort einen beruflichen Neustart. Oder in persönlichen Krisen: Eine Familie zerbricht, eine Scheidung, ein plötzlicher Todesfall, das Haus verloren, die Kinder weg – und man wird zu einem radikalen Schnitt gezwungen. Braucht Zeit zum Nachdenken, ohne auf Schritt und Tritt von der Vergangenheit eingeholt zu werden.
Eine schlimme medizinische Diagnose kann bedeuten, dass man lägerfristig auf bestimmte Behandlungen angewiesen ist. Eine Sucht, die man im gewohnten Umfeld nicht in den Griff kriegt, lässt sich in einer neuen Umgebung vielleicht besser besiegen. Oder es gibt einen eskalierenden Konflikt, dem man sich am besten durch räumliche Distanz entzieht.
Für all diese Situationen und Menschen ist die Großstadt da. Sie bietet Nischen, in denen man sich verkriechen kann. Spezialisierte Hilfe für komplexe Probleme, eine Chance auf neue Beziehungen, Anonymität. Für das Land ist es deshalb wichtig, dass es die Großstadt samt ihren vielfältigen Ressourcen gibt. Und die Städter finden diese Aufgabenteilung grundsätzlich in Ordnung – denn sie wissen ja, warum sie gern Städter sind.
Brisant wird es allerdings, wenn dieses Spannungsverhältnis absichtlich verschärft und benützt wird, aus politischem Kalkül. Zum Beispiel so: Man baut anderswo möglichst wenig billigen Wohnraum, damit Menschen, die billigen Wohnraum brauchen, sich gar nicht erst ansiedeln. Man kürzt anderswo die Mindestsicherung, damit möglichst viele Mindestsicherungsbezieher wegziehen. Man schließt Hilfseinrichtungen und Beratungsstellen für Probleme aller Art, und drückt jenen, die Hilfe und Rat brauchen würden, eine Liste mit Anlaufstellen in der Stadt in die Hand. Man bietet anderswo keine Deutschkurse an, damit Menschen, die Deutsch erst lernen müssen, in die Stadt gehen, samt ihrer Kinder, die in der Schule wahrscheinlich spezielle Förderung brauchen, um die man sich ebensowenig kümmern will. Ähnlich macht man es mit Menschen, die krank, schwierig, speziell sind oder aus verschiedensten Gründen Aufmerksamkeit brauchen: Tut uns leid, sagt man ihnen, hier können wir leider nichts mit euch anfangen, aber wir haben einen guten Tipp für euch: Wien ist gar nicht weit weg, die machen das schon!
Auch diese Herausforderung werden die meisten Städter wohl noch gern annehmen. Würde das Land nicht gleichzeitig mit dem Finger auf die Stadt zeigen, mit Abscheu: Schau nur, wie schrecklich! Wie viele Probleme sich dort ansammeln, in Wien! Wie viele Mindestsicherungsbezieher es gibt! Wie viele Arme und Kranke! Wie viele Flüchtlinge! Wie hoch die Sozialausgaben sind! Die Wohnungsnot! Die Brennpunktschulen! Die überfüllten Spitäler! Und erst der Verkehr!
Vollends zynisch wird es schließlich, wenn das Land dann beschließt, der Großstadt die Mittel zu kürzen, zur Strafe für das „offensichtliche Versagen“, und dann mit klammheimlicher Freude hofft, dass dort alles zusammenbrechen möge. Anzeichen in diese Richtung gibt es bereits.

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