Für den Falter

Im Mai wird es ernst. Das Semesterzeugnis liegt in der Lade, einige Schularbeiten sind geschrieben, das Schuljahr geht in die Zielgerade. Wenn es mit den Noten schlecht ausschaut, gibt es noch die Chance, das Ruder herumzureißen. Damit kein Fünfer im Jahreszeugnis steht; damit es keine Nachprüfung gibt; damit man vielleicht doch noch aufgenommen wird, im Gymnasium, in der BHS, oder sonst einer weiterführenden Schule. Im Mai bricht deswegen die große Zeit für Nachhilfelehrer und –lehrerinnen an. Für ehrenamtliche ebenso wie für jene, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen.

119 Millionen Euro haben Eltern 2015 für Nachhilfe ausgegeben, schätzt die Arbeiterkammer im „Nachhhilfe-Barometer“ (für 2016 liegen noch keine Zahlen vor). Einzelunterricht bei Instituten kostet zwischen 19 und 57,60 € die Stunde, Gruppenunterricht im Durchschnitt 18€ pro Kind. Billiger kommt es, wenn sich Lehrer, Pensionisten oder Studierende schwarz bezahlen lassen. Nicht eingerechnet ist der Aufwand, den zusätzlich Nachbarn, Omas und Eltern unentgeltlich treiben, um nachmittags Englischvokabel zu lernen, Kurven zu berechnen oder die Regeln füs scharfe S durchzugehen.

Nachhilfe frisst Ressourcen. Und sie zerrt an den Nerven. Streit über schlechte Schulleistungen ist einer der allerwichtigsten Stressfaktoren in Familien. Aus gesamtgsellschaftlicher Perspektive betrachtet, verrät Nachhilfe dreierlei. Erstens: die riesigen Lücken, die der Schulunterricht offenlässt. Zweitens: Dass es in Österreich Geld, Zeit und/oder Wissen braucht, um diese Lücken privat zu schließen. Und dass sich damit, drittens, die Ungerechtigkeiten im Bildungswesen, die in Österreich ohnehin schon enorm sind, noch verstärken.

Jahrelang waren NGOs die einzigen, die dieses Problem anpackten. In von der Caritas betriebenen „Lerncafes“ etwa können Kinder, die daheim keine Hilfe bekommen, nachmittags Aufgaben machen. Die professionellste derartige Einrichtung ist die „Wiener Lerntafel“, vom Unternehmensberater Stefan Unterberger von fünf Jahren gegründet. Die Lerntafel befindet sich in Simmering, am Hintereingang eines Einkaufszentrums. Kein Ort, der auf den ersten Blick nach Bildung ausschaut: Nagelstudios, Handyshops, Schlüsselservice, Billigmode. Doch auf diesen 600 Quadratmetern bekommen Kids aus sozial schwachen Familien gratis dasselbe wie ihre wohlhabenderen Jahrgangskollegen bei exklusiven Lerninstituten: Einzelunterricht, Coaching, gezielte Schularbeitsvorbereitung.

Die Kinder hier haben fast durchwegs Migrationshintergrund, sie sprechen 32 Erstsprachen. Die Lernbegleiter, meist pensionierte Lehrkräfte oder Studierende, arbeiten ehrenamtlich – aber mit Ausbildung und Supervision. Die Möbel sind von Firmen gespendet, auch der laufende Betrieb finanziert sich aus Spendengeld. Über 100.000 Stunden Nachhilfe haben Kinder bei der Lerntafel bisher bekommen, eben erst wurde in Kagran, auf 200 Quadratmetern, ein zweiter Standort eröffnet.

Dass Kinder aus bildungsfernen Familien auf solche privaten Angebte angewiesen sind, um im öffentlichen Schulsystem nicht unterzugehen, war lange eine klaffende Wunde in der Wiener sozialdemokratischen Bildungspolitik. Bis zur Gemeinderatswahl 2015, in der Bürgermeister Michael Häupl die „Gratis-Nachhilfe für alle“ zu seinem Wahlkampfschlager erkor. „Förderung 2.0“ heißt das Programm inzwischen, seit Herbst 2014 finden an den Volksschulen nachmittags Förderkurse statt. Jährlich wird der Bedarf dafür erhoben, Eltern müssen ihre Kinder anmelden. 15.000 nehmen dieses Angebot derzeit wahr.

Für die Alteren an Mittelschulen und AHS-Unterstufen haben die Volkshochschulen (VHS) die Aufgabe übernommen. Dort gibt es zweierlei Angebote: Erstens Förderkurse mit bis zu 10 Kindern, ein- bis zweimal die Woche, die über das ganze Semester laufen. Zweitens wurden an 21 VHS-Standorten sogenannte „offene Lernstationen“ eröffnet: Hier können Kids nachmittags ohne Voranmeldung vorbeikommen, und sich von Betreuern helfen zu lassen.

Anfangs, gibt Daniela Lehenbauer von den VHS zu, habe es „Irritationen“ über diese Einmischung gegeben – so als bedeute es, die Schule sei nicht gut genug. Außerdem fürchtete man, dieselben Ressourcen und Lehrerstunden würden bloß umgeschichtet, vom Vormittag auf den Nachmittag. Inzwischen, sagt sie, habe sich das Nebeneinander eingespielt. “Für manche Kinder ist es gut, aus ihrem gewohnten Lernumfeld herauszukommen, und einmal in einer anderen Gruppe mit einer anderen Lehrkraft zu lernen“, sagt Lehenbauer. „Und viele haben in den Kursen neue Freunde gefunden“.

Ist mit der „Förderung 2.0“ also alles erledigt? Die klaffende Lücke geschlossen, Problem gelöst?

Keineswegs – das zeigen die privaten, kommerziellen Institute, die nicht über Umsatzrückgänge klagen, seit die Stadt ihnen mit dem Gratisangebot Konkurrenz macht. Keineswegs, sagt auch Stefan Unterberger von der Lerntafel. Denn die „Förderung 2.0“ sei nicht für alle Kinder geeignet. „Gerade die bedürftigsten erreicht man damit oft nicht.“

Unterberger denkt dabei an Kinder wie Marcha, eine schüchterne Zehnjährige. Marcha hat eine alleinerziehende Mutter, die aus Tschetschenien stammt, vier Geschwister, eines davon behindert. Sie fehlt häufig im Unterricht; wenn sie da ist, ist sie unsichtbar. Sie spricht kaum, auch die Lernhelferinnen dringen nicht zu ihr durch. Ein klassischer Deutsch-Förderkurs wird Marcha kaum aus der Reserve locken. Wahrscheinlich wäre zusätzlich sozialarbeiterische Hilfe notwendig.

„Manche Kinder brauchen ein ganz individuelles Programm“, erklärt Unterberger den Unterschied zwischen Förderung 2.0 und Lerntafel. „Bei uns macht eine Psychologin eine ausführliche Diagnose der Lernschwierigkeiten, Eltern und soziales Umfeld werden einbezogen. Bei uns kriegen die Kinder nicht nur Nachhilfe, sondern eine ganze Lernfamilie. Wenn notwendig, kommen manche jeden Tag.“

Womit eine mögliche sinnvolle Arbeitsteilung zwischen kommunalen und privaten Angeboten umrissen wäre.

 

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