Die Antwort auf konkrete Ängste ist: Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Infrastruktur, Integration, Sicherheit. Die Antwort auf virtuelle Ängste ist: Widerspruch.

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„Die Politik muss die Sorgen und Ängste der Menschen ernst nehmen“: Wir haben den Satz mittlerweile tausende Male gehört. Wähler und Wählerinnen formulieren ihn, sobald man ihnen ein Mikrophon vor die Nase hält, Politiker und Politikerinnen tun dasselbe. Mal klingt der Satz weihevoll, mal trotzig, mal anbiedernd, meistens jedoch bloß noch leer. Er ist eine Phrase geworden, in die man sich flüchtet, wenn einem grade sonst nichts einfällt.

Vor allem aber: Der Satz stimmt oft gar nicht.

Selbstverständlich gibt es Sorgen und Ängste, die die Politik sehr ernst nehmen muss. Zum Beipiel: Wenn Menschen fürchten, am Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht zu werden, weil das, was sie sind und können, nichts mehr wert ist. Wenn es dort, wo sie ihr Haus gebaut haben, keine Jobs gibt, keine Kinderbetreuung, keine Perspektive. Wenn Menschen sich fremd oder einsam fühlen, weil ihre Umgebung sich schneller verändert hat, als ihnen lieb ist; weil Post und Bäcker zugesperrt haben, und im Ort kein Bus mehr hält.

Eltern haben Sorge, ob ihre Kinder fit genug sind für die Anforderungen der Welt. Kranke fragen sich, wie lange sie körperlich noch durchhalten, wer sich um sie kümmern wird, und ob dann die Versicherung noch zahlt. Selbstständige haben Angst, dass eine teure Investition sie in den Ruin führen könnte. Lehrerinnen fühlen sich überfordert von den Problemen mancher Kinder, und spüren, dass ihnen die Kraft ausgeht, sich um alles zu kümmern, was von ihnen erwartet wird. Sozialarbeiter und Polizei beobachten, wie an manchen Orten Konflikte eskalieren, ohne dass sie ausreichend Ressourcen hätten, um einzugreifen. Menschen haben Schulden, unbezahlte Stromrechnungen und Delogierungstermine. Sie fürchten Gewalt, Übergriffe und Verleumdungen, im öffentlichen Raum ebenso wie in sozialen Medien.

All diese Ängste wurzeln in konkreten Erfahrungen. Sie sind deswegen beeinflussbar. Hier beginnt Politik.

Aber was tun, wenn – zum Beispiel – Menschen mit unkündbaren Jobs in unkündbaren Wohnungen sich immer noch nicht sicher genug fühlen? Wenn erfolgreiche Menschen fürchten, ein anderer könnte ebenfalls Erfolg haben, und ihnen dadurch etwas wegnehmen? Wenn sich jemand sich bedroht fühlt, bloß weil der Nachbar anders ausschaut als man selbst? Es gibt Menschen, die nächtelang online Gefahren suchen, weil sie in ihrem Alltag nicht genügend davon finden, und sich Bedrohungsszenarien in allen Details ausmalen. Die „Presse am Sonntag“ berichtete über das burgenländische Wiesfleck, wo Norbert Hofer sein stärkstes Ergebnis einfuhr. Wichtigstes Wahlmotiv war ein leerstehendes Erholungsheim, samt der Angst: Es könnten dort eventuell Flüchtlinge einziehen, mit denen man eventuell schlechte Erfahrungen machen könnte. Getroffen hat man noch keinen einzigen.

Was machen wir, was macht die Politik mit solchen virtuellen Sorgen und Ängsten? Ignorieren, sich lustig machen? Oder sie schüren, verstärken?

Ängste sind wirklich, auch wenn sie irrational sind. Häufig sind sie Ausdruck anderer Probleme, die sich dahinter verbergen. Zuhören hilft also immer, respektvoll und aufmerksam. Man kann Menschen, die irrationale Ängste habe, persönlich mögen. Je nach Temperament – und je nachdem, wie nahe sie einem stehen – kann man sie in den Arm nehmen, trösten, oder widersprechen, streiten. Manchmal hilft es, sie an der Hand zu nehmen und sich der vermeintlichen Gefahr gemeinsam auszusetzen. Meistens hilft es, neue Erfahrungen zu machen, die das Blickfeld schlagartig erweitern. Häufig ist es auch schon mit Ablenkung getan – einer wichtigen neuen Aufgabe, die alle Energie bindet, und die Angst vergessen macht.

Gute Politik soll auch die irrationalsten Sorgen und Ängste der Menschen kennen. Aber sie „ernst nehmen“ im Sinn von „ihre Politik danach ausrichten“? Nein, das soll sie nicht.

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