Verantwortung übernehmen, stark sein? Einst war das ein Kennzeichen rechter Weltanschauungen. Das ist vorbei. Heute fühlt man sich in der Opferrolle viel wohler.

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Es ist noch gar nicht so lange her, da wollten Menschen, die etwas auf sich hielten, um jeden Preis verhindern, als Opfer dazustehen. Souverän musste man wirken. Den anderen zeigen, dass man das Gesetz des Handelns in der Hand hält. Wenn einen etwas kränkte, lautete die Devise: Sich nur ja nichts anmerken lassen. Denn wer anderen verrät, an welcher Stelle es besonders weh tut, macht sich für die nächste Kränkung gleich noch viel verwundbarer. „Du Opfer“: Das war das beste Schimpfwort am Schulhof. Die ultimative Demütigung.

Das Opfer-Wort eignete sich trefflich als Unterscheidungsmerkmal zwischen den Weltanschauungen. Links dachte man eher in gesellschaftlichen Kategorien, und sagte „Opfer“, wenn man das Verhalten Einzelner erklären, rechtfertigen wollte. Sozialarbeiterisch gedacht, ist ein Täter immer auch Opfer von Umständen – seiner Herkunft, seiner Lebensumstände, seiner materiellen Not. Ja, gibt es denn überhaupt keine Eigenverantwortung mehr? lautete da, oft zurecht, die entgeisternte Frage von liberaler oder konservativer Seite. Hier glaubte man lieber an das selbstbestimmte Individuum, das für die Folgen seiner Entscheidungen geradesteht.

Auch der Feminismus verwendete das Wort eine Zeitlang gern. Frauen seinen Opfer systematischer Diskriminierung, lautete das Mantra der Siebzigerjahre. Sie seien materiell benachteiligt, würden absichtlich an der Entfaltung gehindert, seien Opfer sexueller und körperlicher Gewalt. „Opferfalle“! höhnte man daraufhin von antifeministischer Seite. „Nehmt euer Schicksal doch selbst in die Hand, statt euch klein zu machen!“ Ähnlich verliefen die Debattenfronten, wenn es um weltpolitische Zusammenhänge ging. Die armen Länder seien Opfer von Kolonialismus, Ausbeutung und hegemonistischem westlichem Denken – all das wurde von links leidenschaftlich begründet. Und von rechts mindestens ebenso leidenschaftlich bestritten.

Zu Beginn des Jahrtausends jedenfalls war das Narrativ von der Eigenverantwortung noch dominant. Man wollte seines Glückes Schmied sein, und sich für die eigenen Erfolge loben lassen. Wer sich selbst „Opfer“ nannte, war ein unattraktiver Loser.

Heute muss man staunend feststellen: Das hat sich um 180 Grad gedreht. Wo man auch hinhört – bei Demonstrationen, bei Wahlen, in gesellschaftspolitischen Debatten – es herrscht ein wahres Griss darum, sich selbst zum Opfer zu stilisieren. Ein Wettberwerb des Unterdrückt-Seins ist entstanden. Wer leidet mehr? Wer fühlt sich gefährdeter als der andere? Verletzungen werden nicht mehr tapfer verborgen, sondern offensiv in jeder Kamera zur Schau gestellt, samt Krokodilstränen, seien sie echt oder gespielt. Wer die größeren Kränkungen vorweisen kann, hat gewonnen.

Interessanterweise haben sich dabei links und rechts diametral verdreht. Nicht die ärmsten Schlucker, die schwächsten Mädchen, die diskriminiertesten Minderheiten sind heute die größten Opfer, sondern immer mehr wohlhabende, laute, starke, erwachsene Männer aus der Mitte der Gesellschaft. Je dominanter sie werden, je mehr Macht sie bekommen, je eher sie anderen ihre Regeln aufzwingen, desto mehr Mitleid fordern sie ein, und desto wehleidiger werden sie. FPÖ, AfD und Pegida haben es in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht. So schnell kann man gar nicht schauen, schon sind sie wieder Opfer irgendwelcher Umstände geworden: der Wähler, des Establishments, der Behördern, der Medien, der Gerichte, Opfer finsterer Machenschaften und Verschwörungen. Auf Schritt und Tritt fühlt man sich ungerecht behandelt. Nebeneffekt: Wer sich als Opfer sieht, fühlt sich berechtigt, mit allen Mitteln zu kämpfen. Weil es, aus Opferperspektive, ja Notwehr ist.

„Du Opfer!“: Nein, als Beleidigung funktioniert dieser Spruch längst nicht mehr. „Ja, bin ich“, wird heute die häufigste Antwort sein, „mit großem Vergnügen!“

 

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