Nicht besseres kann dem IS passieren, als dass sich psychisch gestörte Menschen überall auf der Welt einfach eigenmächtig zu seinen Mitkämpfern erklären

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Wer erinnert sich noch an Franz Fuchs aus Gralla? Dutzende Briefbomben verschickte er in den Neunzigerjahren und verletzte dabei zehn Menschen schwer, mit einer Sprengfalle im burgenländischen Oberwart tötete er vier. Dazu bastelte er, zwecks ideologischem Überbau, lange hektografierte Bekennerschreiben. Aus historischer Perspektive betrachtet, könnte man Fuchs’ Ein-Mann-„Bajuwarische Befreiungsarmee“ als militante Splittergruppe in die größere völkische Anti-Überfremdungs-Bewegung einreihen.

Jahrelang jedenfalls arbeiteten sich Polizei, Gerichte und Medien damals an der Frage ab, ob Franz Fuchs Mittäter und Mitwisser hatte, oder ob er ganz allein handelte. Ersteres hätte ihn zum Terroristen gemacht, und wäre in der aufgeheizten österreichischen Stimmung der 1990er Jahre politisch relevant gewesen. Als die Ermittlungen ergaben, dass er höchstwahrscheinlich Einzeltäter war, atmete das Land auf. Ein Psychopath, ein einsamer Irrer – damit kann Österreich besser leben. Man legt den Fall unter „persönliche Tragödie“ ab, und fertig.

Jahrzehntelang war die Unterscheidung zwischen diesen beiden Arten von Gewalttaten glasklar. Terroristen konnten, per Definition, weder psychisch krank noch einsam sein. Sie handelten in Gruppen, organisiert, arbeitsteilig, mit Befehlskette. Oft bildeten sie (wie die RAF in den Siebzigerjahren in Jordanien oder die Al-Qaida in den Neunzigern in Afghanistan) ihre Kämpfer in Trainingslagern aus und machten sie dort auch ideologisch scharf. Sie verfolgten einen Plan, kommunizierten heimlich darüber, mussten hoffen, dass ihnen niemand auf die Schliche kam, und führten ihn dann aus. 9/11, die islamistischen Attentate von Paris, Madrid und London waren Terrorakte diese Art – ausgeklügelte Drehbücher mit Bedacht auf maximale Symbolwirkung, ausgeführt von intelligenten, kühl kalkulierenden Männern.

Psychisch gestörte Einzeltäter hingegen haben normalerweise mit äußeren Organistionen nichts zu tun, sondern folgen inneren Stimmen. Irgendetwas in ihrem persönlichen Erleben oder in ihrer Gehirnchemie erzeugt Wahnvorstellungen, Aggression und Gewalt gegen andere. Diese Art von Attentaten hat man daher bisher „unpolitisch“ genannt.

Entweder persönlichkeitsgestört oder politisch – an dieser Unterscheidung richtet sich bis heute die gesamte Anti-Terror-Politik aus, samt Datensammlung, Überwachung und polizeistaatlichen Methoden.

Doch bei immer mehr Attentätern der Gegenwart funktioniert die Unterscheidung nicht mehr. Sie sind sowohl persönlichkeitsgestört als auch politisch. Sie haben sich ihre Tat zwar von Anfang bis Ende allein ausgedacht – aber Facebook machts möglich, dass sie sich, kurz bevor sie die Bombe zünden, noch schnell in eine größere Front einreihen. Ein „Allahu Akbar“-Ruf reicht, und schon sind sie Teil des IS. Einmal „Free Britain“ gerufen, und schon ist ihre Tat ein europapolitisches Statement. Den ideologischen Überbau dazu kann sich, wer will, samt Rechtfertigungsphrasen schnell aus dem Internet zusammenkopieren. Wer nicht will – egal, es geht auch ohne. Den Rest erledigen dann die Medien.

So einfach wie heute war es noch nie, sein Psycho-Problem zu einem apokalyptischen Akt umzudeuten, und sich damit in eine Märtyrergalerie für irgendeine große Sache einzureihen. Dann fühlt man sich, samt seinem Verbrechen, gleich hundertmal größer, mächtiger. So geschehen beim norwegischen Massenmörder Anders Breivik, der seinen sadistischen Machtrausch zum Verteidigungsakt der Weißen Rasse erklärte. Beim afghanisch-amerikanischen Massenmörder Omar Mateen, der sein gestörtes Verhältnis zur Homosexualität in eine islamistische Tat verwandelte. Endlich nicht mehr allein! Endlich kein verrückter Spinner mehr, sondern Soldat einer weltumspannenden Armee!

Der IS kann sich solche Kämpfer nur wünschen: Keine Ausbildungskosten, keine Spesen, voller Profit, bei null Risiko.

 

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